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Kosmetik : Hamburg beweist beim Beiersdorf-Ausstieg gutes Timing

  • Aktualisiert am

Jetzt ohne Nivea: Hamburg hat keine Beiersdorf-Aktien mehr Bild: dpa

Hamburg „rettete“ Beiersdorf 2003 vor einer Übernahme durch den Konzern Procter & Gamble. Jetzt steigt die Stadt wieder aus. Recht hat sie. Denn die Aktie ist hoch bewertet und dürfte bei einer Korrektur an den Märkten zu den Verlierern gehören.

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          Procter & Gamble sollte den Beiersdorf Ende 2003 nicht bekommen, darum stieg die Hansestadt Hamburg bei dem bekannten Kosmetikhersteller ein. Jetzt, gut drei Jahre später, trennt sich die Stadt wieder von ihrem zehnprozentigen Anteil.

          Trotz eines Kredits, den die Stadt für das Aktienpaket aufnehmen musste, hat sich das Investment gelohnt, schließlich ist der Aktienkurs in den vergangenen Jahren ordentlich gestiegen. Zunächst fiel der Kurs nach dem Einstieg allerdings und fand erst Ende 2004 bei 23,43 Euro einen Halt.

          Danach aber ging es rasant nach oben: Anfang des Jahres wurde erstmals die Hürde von 50 Euro überschritten und ein neues Rekordhoch bei 50,69 Euro markiert. Am Mittwoch gingen die im MDax notierten Beiersdorf-Aktien bei 47,81 Euro aus dem Handel, das ist ein Minus von 4,1 Prozent zum Vortagesschluss (Isin DE0005200000).

          Bild: FAZ.NET

          7,8 Millionen Euro Gewinn

          Die 25,2 Millionen Aktien seien zu einem Preis von je 48 Euro an Investoren aus Großbritannien, Frankreich, Deutschland und den Vereinigten Staaten verkauft worden, sagte der Hamburger Finanzsenator Michael Freytag am Mittwoch.

          Insgesamt habe die Hansestadt mit dem Verkauf der Aktien 1,21 Milliarden Euro erlöst. „Mit diesem Geld können wir nun den im Jahr 2003 aufgenommen Kredit zurückzahlen“, sagte Freytag. Abzüglich der damit verbunden Zinskosten habe die Stadt einen Gewinn von 7,8 Millionen Euro erzielt.

          Geld für einen Einstieg bei EADS?

          Beiersdorf sei von Anfang an nur ein strategisches Investment auf Zeit gewesen. Es sei wichtig gewesen, Beiersdorf als eigenständiges, unabhängiges und börsennotiertes Unternehmen in Hamburg zu erhalten, sagte ein Senatssprecher. „Inzwischen sind alle Ziele erreicht und die Arbeitsplätze nicht mehr gefährdet.“ Man habe immer bekräftigt, sich zu gegebener Zeit von dem Paket zu trennen. „Dieser Zeitpunkt ist gekommen“, sagte der Sprecher.

          Was die Hansestadt mit den Einnahmen macht, steht laut Senatssprecher noch nicht fest. Die oppositionelle SPD hatte ins Gespräch gebracht, damit den geplanten Einstieg in die Investorengruppe für EADS zu finanzieren. Der Sprecher sagte, der Aktienverkauf und ein EADS-Engagement stünden inhaltlich in keinem Zusammenhang.

          Die Hansestadt hatte 2003 die Beiersdorf-Beteiligung übernommen, als die Allianz ein Aktienpaket von rund 40 Prozent verkaufte. Der Kaffeeröster Tchibo stockte damals seinen Anteil deutlich auf und hält seitdem gut 50 Prozent. Bei einem vollständigen Verkauf des Hamburger Anteils würde der Streubesitz von Beiersdorf auf knapp 32 Prozent steigen.

          Kein baldiger Dax-Aufstieg erwartet

          Für den Hersteller von Nivea und Tesa wachsen mit dem Ausstieg die Chancen, in den Aktienindex Dax aufzusteigen. Allzu bald rechnen Fachleute aber nicht damit.

          „Beiersdorf müsste den Börsenumsatz mindestens verdoppeln, um überhaupt eine Chance zu haben“, sagte Aktienstrategin Anke Platzek von der Landesbank Baden-Württemberg. Auch bei der Marktkapitalisierung - dem wichtigsten Aufnahme-Kriterium für den 30 Werte umfassenden Leitindex - genüge Beiersdorf den Anforderungen weiter nicht, ergänzte HVB-Experte Christian Stocker.

          Für Beiersdorf selbst hat der Ausstieg nach eigenen Angaben keinen Einfluss auf die Geschäftsstrategie. „Es geht genauso weiter“, sagte eine Sprecherin.

          Langfristig solide Entwicklung

          Der Konzern hatte 2006 erstmals in seiner fast 125-jährigen Geschichte mehr als fünf Milliarden Euro Umsatz gemacht. Der Jahresüberschuss ohne Sondereffekte stieg nach vorläufigen Zahlen von 335 auf 385 Millionen Euro, die Umsatzrendite von 7,0 auf 7,5 Prozent.

          Ein Blick zehn Jahre zurück zeigt, dass sich der Konzern langfristig solide entwickelt hat: In den Jahren 1996 bis 2005 stieg der Umsatz von 2,95 auf 4,78 Milliarden Euro, der Gewinn kletterte von 120 auf 335 Millionen Euro.

          Die Umsatzrendite nach Steuern legte im genannten Zeitraum demnach von vier auf sieben Prozent zu. 1996 wurden noch 51 Cent Dividende je Aktie gezahlt, 2005 war es 1,70 Euro.

          Aktie ist stattlich bewertet

          Wenn sich das Unternehmen seit Jahren so konstant und solide entwickelt und der Chart so schön nach oben weist, warum steigt die Stadt Hamburg dann aus? Nun, die Bewertung der Aktie ist inzwischen stattlich: Auf Basis der Geschäftszahlen für das Jahr 2005 sind die Titel mit einem Kurs-Buchwert-Verhältnis von 9,5 und einem Kurs-Umsatz-Verhältnis von 2,2 bewertet. Das Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) auf Basis der durchschnittlichen Gewinnschätzung beträgt 26,4 für dieses und 22,9 für das kommende Jahr.

          Gut möglich also, dass der Ausstieg der Hansestadt zum richtigen Zeitpunkt erfolgte. Wenn demnächst die lang erwartete Korrektur an den Aktienmärkten kommt, werden hoch bewertete Titel in der Regel stärker abgestraft als niedrig oder zumindest noch moderat bewertete Aktien.

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