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Klaus Kaldemorgen, Sprecher der DWS : „Tui ist ein Versorgungsmodell für Vorstand und Aufsichtsrat“

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Klaus Kaldemorgen: „Das kann doch nicht angehen, staatliches Kapital in Anspruch zu nehmen, wenn privates verfügbar ist” Bild: F.A.Z./Rainer Wohlfahrt

Deutschlands führender Aktienfondsmanager hält die Dachgesellschaft Tui für überflüssig: „Sie ist nicht wertschöpfend und zu Ballast geworden.“ Außerdem geht er im Gespräch mit Vorstandschef Frenzel schwer ins Gericht und fordert den Börsengang von Hapag-Lloyd.

          Deutschlands führender Aktienfondsmanager hält die Dachgesellschaft Tui für überflüssig: „Sie ist nicht wertschöpfend und zu Ballast geworden.“ Außerdem geht er im F.A.Z.-Gespräch mit Vorstandschef Frenzel schwer ins Gericht und fordert den Börsengang von Hapag-Lloyd.

          Herr Kaldemorgen, die Entwicklungen bei Tui lassen sich nur mit Mühe nachvollziehen. Haben Sie den Eindruck, dass die Führung den Überblick hat?

          Das letzte Mal, als ich den Finanzvorstand Rainer Feuerhake traf, habe ich ihn mit der finanziell desolaten Situation bei Tui konfrontiert. Er sagte, der Konzern sei so weit durchfinanziert bis auf die unwägbare Lage bei Hapag-Lloyd. Da könne man schwer reinschauen. Eine erstaunliche Aussage über ein Unternehmen, welches man noch vor kurzem zu 100 Prozent kontrolliert hat.

          An den Märkten wird diskutiert, ob die Tui AG nicht eine überflüssige Hülle geworden ist. Wie sieht Ihre Antwort aus?

          Ja, es ist richtig. Man muss es so deutlich sagen: Die Tui AG macht keinen Sinn mehr. Es ist ein Versorgungsmodell für den Vorstand und den Aufsichtsrat. Formal ist es eine Holding zweier operativer Gesellschaften, Hapag-Lloyd und Tui Travel. Die Tui AG selbst ist nur noch der Kapitalhalter, hoch verschuldet und mit negativem Cashflow. Tui ist nicht wertschöpfend und zu Ballast geworden.

          Was konkret stört Sie an dem Konzern?

          Die Fremdfinanzierungskosten für Tui am Markt sind hoch. Die Rendite auf die ausstehenden Anleihen liegt bei 15 bis 20 Prozent. Wenn Tui diese Anleihen zu diesem Satz refinanzieren müsste, wäre Tui wahrscheinlich erledigt. Wenn man die Konzernbestandteile einzeln bewertet, sieht man, dass fast sämtliche Vermögenswerte mittlerweile dazu dienen, das Fremdkapital von Tui abzusichern.

          Welche Folgen hat das?

          Wenn Tui heute komplett alle Schulden zurückzahlen müsste, bliebe den Aktionären nichts mehr übrig - außer dem Kredit von 1,5 Milliarden Euro, den sie Hapag-Lloyd gegeben haben. Das heißt, die gesamte Aktie ist nichts anderes als ein riesiger Hebel auf die Verschuldung von Hapag-Lloyd. Und diese 1,5 Milliarden Euro sind der Nominalwert. Tatsächlich dürfte der Verkehrswert deutlich niedriger liegen angesichts der schwierigen Finanzlage von Hapag-Lloyd.

          Nun springen ja der Hamburger Senat Hapag-Lloyd und wahrscheinlich auch der Bund mit einer Staatsbürgschaft über 1,2 Milliarden Euro bei. Ist damit auch dieser Kredit zum Teil abgesichert?

          Die Bürgschaft dient ja vor allem dazu, einen Schutzschirm über Tui und dessen Vorstand aufzuspannen. Einen anderen Sinn kann ich darin nicht entdecken. Das finde ich besonders ärgerlich. Denn Hapag-Lloyd selbst ist kapitalmarktfähig. Wenn Hapag-Lloyd heute eine Kapitalerhöhung durchführen wollte, würden die Kapitalmärkte sie aufnehmen - wenn auch nicht zu dem Preis, den sich Tui-Chef Frenzel vorstellt.

          Das Schifffahrtsgeschäft ist besonders zyklisch. Ist das nicht ein Hindernis für einen Börsengang?

          Ja, mal boomt das Schifffahrtsgeschäft, dann kommt wieder eine große Talfahrt. Das macht den Reiz aus, den Investoren in solchen Beteiligungen sehen. Zurzeit hat der Markt ein Faible für zyklische Aktien. Und die Märkte nehmen wieder Risiko. Das haben Infineon, Air Berlin und andere Transaktionen gezeigt.

          Wie lange hält Vorstandschef Frenzel Ihrer Meinung nach seinen Kurs durch?

          Das Geschäftsmodell ist meines Erachtens nicht nachhaltig. Das wird vielleicht bis 2011 oder 2012 funktionieren. Die großen Anleihen werden im Jahr 2012 fällig. Und dann wird es für das Unternehmen zum Schwur kommen.

          Ist die DWS noch Aktionär bei Tui?

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