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Fallende Aktienkurse : Keine Finanzkrise aus China

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Der drastische Fall der Aktienkurse in China treibt so manchem Börsenbeobachter Schweißperlen auf die Stirn. Analysten sehen aber keine Finanzkrise am Horizont.

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          Die Börsen in China haben am Montag den größten Tagesverlust seit mehr als acht Jahren verbucht. Dies sorgt auch bei europäischen Aktienanlegern für Nervosität. „Viele Investoren fürchten inzwischen, dass die Konjunktur im wichtigen Exportland China deutlich einknicken könnte,“ sagte ein Händler. Angeführt von den Finanztiteln verlor der Dax 2,6 Prozent auf 11.056 Zähler.

          Die Anzeichen für einen Schwächeanfall der zweitgrößten Volkswirtschaft der Welt hatten sich zuletzt gemehrt. Die Gewinne chinesischer Industrieunternehmen schrumpften trotz weiterer Zinssenkungen im Juni im Vergleich zum Vorjahr um 0,3 Prozent. Im Mai war noch ein Zuwachs von 0,6 Prozent verzeichnet worden. Am Freitag hatten bereits Industriedaten für Ernüchterung gesorgt: Laut dem Caixin/Markit-Einkaufsmanagerinde ist Chinas Industrie im Juli so stark geschrumpft ist wie seit 15 Monaten nicht mehr.

          „Eine riesige Manipulation“

          Die Konjunkturdaten ließen den Shanghai-Composite um 8,5 Prozent in die Tiefe rauschen. Der Shenzhen Composite Index gab um 7 Prozent nach und notierte bei 2160,09 Zählern.

          Der Hang-Seng-Index in Hongkong büßte zwar mehr als zwei Prozent ein, doch zeigte sich damit eine deutlich entspanntere Reaktion. „Schanghai ist eine riesige Manipulation“, sagt ein Manager eines Schwellenländerfonds. „Die Regierung glaubt, sie könne alles kontrollieren. Die Prämie auf gleiche Aktien in Schanghai gegenüber Hongkong ist irrsinig hoch.“ Jetzt habe sie die Glaubwürdigkeit verloren.

          Die Investoren vertrauten momentan nicht darauf, dass die Börsenkurse wieder nach oben gingen, zitierte auch die Nachrichtenagentur Bloomberg den Börsenhändler Jimmy Zuo. Nachdem der Index der Börse Schanghai unter 4000 Punkte gefallen seien, wollten die Anleger nur noch „ihre Gewinne einstreichen“.

          In den vergangenen Wochen sind die Aktienkurse in China dramatisch gesunken. Der Shanghai Composite etwa büßte mehr als 30 Prozent an Wert ein. Um die Börsen zu stabilisieren, hatte die chinesische Regierung zu drastischen Maßnahmen gegriffen. Sie verbot unter anderem Großaktionären und Managern börsennotierter Unternehmen, ihre Aktien in den kommenden sechs Monaten zu verkaufen.

          „Keine Finanzkrise“

          Die Analysten der australischen ANZ Bank zeigten sich von der Marktbewegung nicht überrascht. Trotz der Eingriffe der Regierung gebe es eine Verkaufbewegung. Diese sei nicht zuletzt dadurch bedingt, dass die Behörden auf der anderen Seite die Anforderungen an Anzahlungen auf Aktienkäufe erhöhten und auch gegen informelle Kredite unregulierter Handelsplattformen vorgingen.

          Es sei aber keine Finanzkrise. Die Risiken lägen weiter im Wertpapiermarkt und die Auswirkungen auf die Banken beherrschbar. Wertpapierkredite machten nur 6 Prozent der Kredite aus und Bewertungsverluste nur 2 Prozent der Bilanzsummen.

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          Indes gebe es Wachstumsrisiken, nachdem der Finanzmarkt im ersten Halbjahr rund 1,6 Prozentpunkte zum Wachstum von 7 Prozent beigetragen habe. Fallende Aktienkurse könnten zudem auf die Nachfrage nach dauerhaften Konsumgütern übergreifen. Die Nationalbank werde bis Jahresende wahrscheinlich die Zinsen um weitere 25 Basispunkte und die Mindestreservesätze um weitere 100 Basispunkte senken.

          Nicht zuletzt aber sind die Börsen der Volksrepublik immer noch recht stark vom Weltaktienmarkt abgeschottet. Das zeigt auch, der Umstand, dass die Kurse schon in Hongkong weniger stark sinken. Viel kritischer zu beurteilen sind die schier ins Uferlose wachsenden Unternehmensschulden.

          Druck kommt auf die Aktienkurse aber auch von anderer Seite. „Die Investoren sorgen sich, dass die Fed die Zinsen anheben könnte, während noch infrage steht, ob die Wirtschaft stark genug ist, um dies zu verarbeiten“, sagte Anlagestratege Masashi Oda von der Sumitomo Mitsui Trust Bank. Die amerikanische Notenbank (Fed) trifft sich am Dienstag und Mittwoch zu ihrer geldpolitischen Sitzung. Viele Marktbeobachter erwarten eine Erhöhung des Leitzinses allerdings erst für September.

          Am Montag geben die Kurse an der Wall Street moderat nach: Der Dow Jones Industrial fällt um 0,6 Prozent auf 17.463 Punkte. Der marktbreite S&P-500-Index büßt 0,4 Prozent auf 2072 Punkte ein. Für den Auswahlindex Nasdaq 100 geht es um 0,6 Prozent auf 4532 Punkte nach unten.

          Am deutschen Aktienmarkt konnte auch der überraschend verbesserte Ifo-Geschäftsklima-Index die Stimmung nicht heben. Vor allem der Aktienkurs der Deutschen Bank stand  unter Druck und fiel um fast vier Prozent. Commerzbank gaben rund drei Prozent nach.

          Morphosys gaben nach den jüngsten Geschäftszahlen 5,7 Prozent nach. Hohe Forschungskosten hatten das Biotechnologie-Unternehmen im zweiten Quartal tiefer in die roten Zahlen gedrückt.

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