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Kapitalanlage : Hohe Renditen der Versicherer täuschen

Niedrigzins macht erfinderisch: Die Allianz etwa setzt auf alternative Investments wie Parkuhren in Chicago Bild: REUTERS

Nach außen sieht es gut aus: Lebensversicherer steigerten ihre Nettorenditen 2012 deutlich. Eine uneingeschränkt positive Nachricht ist das nicht.

          3 Min.

          Für einen gewöhnlichen Versicherungskunden ist die Welt schwer zu verstehen. In diesem Geschäftsjahr strebt die Allianz einem deutlichen Gewinnzuwachs entgegen. Auch Axa, Generali und Ergo liegen gut im Rennen. Gleichzeitig führt die Branche eine Diskussion über die Zukunft des Produkts Lebensversicherung. Große Anbieter verabschieden sich schrittweise vom Garantiemodell. Von der Politik verlangt die Branche Regeländerungen, damit ihre Finanzstärke erhalten bleibt. Dabei ist ihre durchschnittliche Nettoverzinsung der Kapitalanlage im vergangenen Jahr sogar gestiegen: von 4,1 auf 4,6 Prozent, wie eine Erhebung des Branchendienstes Map-Report kürzlich zeigte.

          Philipp Krohn

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Menschen und Wirtschaft“.

          Klagen die Versicherer also nur über den Niedrigzins, um heimlich Aktionären mehr vom höheren Gewinn zuschustern zu können? Ganz so einfach scheint es nicht zu sein. „Die Aussagekraft der Nettorendite ist begrenzt“, sagt Walter Botermann, Vorstandschef der Alten Leipziger. Sie steht mit 5,4 Prozent an vierter Stelle der Rangliste (siehe Grafik). Das sind 0,9 Prozentpunkte mehr als im Vorjahr. Ein großer Teil erklärt sich durch Zuschreibungen auf Aktienfonds und aus der Realisierung stiller Reserven von festverzinslichen Wertpapieren, die wegen des niedrigen Kapitalmarktzinses möglich war.

          Gute Jahre sind „nicht beliebig oft wiederholbar“

          „Wir haben überwiegend Reserven realisiert, um die Mitgabe der Bewertungsreserven zu finanzieren“, sagt Botermann. Seit 2008 sind Versicherer verpflichtet, ausscheidende Kunden zur Hälfte an Reserven zu beteiligen. Musste die Alte Leipziger dafür früher etwa 15 Millionen Euro aufbringen, waren es im Vorjahr 60 Millionen. Weil die durchschnittliche Laufzeit der Papiere mit 15 Jahren über dem Branchenschnitt liegt und die Kupons höher sind, konnte Botermann einen großen Teil aus dem laufenden Zinsergebnis bereitstellen. 102 Millionen Euro musste er zudem für eine Zinszusatzreserve aufbringen, um sicherzustellen, dass er alle Garantieversprechen erfüllen kann. Trotz höherer Nettorendite bleibt also für die laufende Verzinsung an die Kunden weniger übrig.

          Nettorenditen aus Kapitalanlagen im Jahr 2012

          „2012 war ein gutes Jahr für uns“, sagt dagegen Herbert Schneidemann, Vorstandsvorsitzender der Neuen Bayerischen Beamtenversicherung. „Das ist aber nicht beliebig oft wiederholbar.“ Mit 6 Prozent hat er die höchste Nettorendite der Branche erzielt. Aus drei Komponenten setzt sich das Ergebnis zusammen: Von Papieren, die nicht mehr attraktiv erschienen, hat man sich getrennt. Eine Zeitlang nutzte man zudem die hohen Risikoaufschläge auf Staatspapiere europäischer Staaten wie Belgien, die der Vorstand dennoch als sicher einstufte. Drittes Element sind wie bei anderen Versicherern die hohen Zuschreibungen durch den niedrigen Zins.

          Profitable Geschäftsfelder: Schaden-Unfallversicherung

          In seiner Kapitalanlage hat Schneidemann einen Vorteil: Als relativ junge Gesellschaft hat die Neue Bayerische Beamten weniger Verträge mit hohen Zinsversprechen. Die durchschnittliche Garantie beträgt nur 2,6 Prozent - 0,5 Prozentpunkte weniger als in der Branche. So reicht ein kleinerer Teil der Kapitalanlage, um sicher auf diesen Wert zu kommen, und es bleibt etwas mehr für Anlagen mit höherem Risiko. Private Equity und Infrastruktur sollen schon bald jeweils 3 Prozent der Kapitalanlage ausmachen. „Das können wir uns wegen unserer niedrigeren Verpflichtungen leisten“, sagt Schneidemann. In der Wiederanlage ist er zu mehr Risiko bereit als Botermann von der Alten Leipziger. Als Neuanlagezins gibt dieser 2,75 Prozent an, jener 3,8 Prozent.

          „Ein niedrigerer Wert für die Branche wäre natürlich viel schlimmer“, sagt Lars Heermann, Branchenanalyst der Ratingagentur Assekurata. Dennoch müsse die Kennzahl wegen Sondereffekten genau interpretiert werden. Von den 4,6 Prozent Nettorendite seien 0,6 Prozentpunkte durch außerordentliche, also einmalige Erträge zustande gekommen. Immerhin 4 Prozent seien dagegen ordentliche Erträge aus weiter laufenden Wertpapieren. „Die Lebensversicherung ist aber derzeit längst nicht die attraktivste Sparte der Branche“, stellt er klar. Erzielten Unternehmen in diesem Jahr Rekordgewinne, so liege das an weitaus profitableren Geschäftsfeldern, etwa in der Schaden-Unfallversicherung.

          Geradezu unglücklich über die Statistik ist Jörg Westphal. Als Vorstandsvorsitzender des Auffangschirms Protektor verwaltet er die Verträge der aus dem Markt ausgeschiedenen Mannheimer Leben. „Wir haben die 5 Prozent Rendite nicht angestrebt“, sagt er. Seine wichtigsten Ziele seien, weitere Verluste für seine Kunden zu vermeiden und ihre Garantien auszuzahlen. „Wir wollen eigentlich nur planbare Renditen erwirtschaften. Die Regelung zu den Bewertungsreserven macht uns da leider einen Strich durch die Rechnung“, sagt er.

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