https://www.faz.net/-gv6-16fdx

Kapitalabflüsse : Anleger werfen Risiken ab

Bild: F.A.Z.

Banken taumeln, Staaten beginnen zu sparen und die Anleger befürchten einen Rückfall in die Rezession. Aktien und Rohstoffe werden verkauft. Bundesanleihen dagegen sind gesucht. Ihre Rendite fällt auf Rekordtiefs.

          2 Min.

          Die Bankenkrise in Spanien, erste Sparanstrengungen in Industrieländern und die Spannungen zwischen Nord- und Südkorea haben den Anlegern am Dienstag als Gründe gedient, um sich in großem Stil von riskanten Anlagen zu trennen. Der Dax verlor 2,3 Prozent auf 5670 Punkte. Damit steht der Dax noch 18 Prozent höher als vor einem Jahr. Der Index der spanischen Standardaktien fiel in Madrid um mehr als 4 Prozent und auf den tiefsten Stand seit einem Jahr.

          Hanno Mußler

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Am Wochenende hatte die Bankenkrise im Euro-Raum wieder an Dramatik gewonnen. Die spanische Zentralbank hat die Sparkasse Caja Sur unter Zwangsverwaltung gestellt. Weil Anleger nun ein Übergreifen der Schwierigkeiten auf andere Banken in Süd- und Osteuropa befürchten, verloren die Aktienkurse der europäischen Banken deutlich. Mit Unbehagen wurde am späten Nachmittag auch aufgenommen, dass die deutsche Bankenaufsicht Bafin „aufgrund zahlreicher sehr kurzfristig anberaumter internationaler Termine“ ihre für 1. Juni angesetzte Jahrespressekonferenz absagte. „Seit in Spanien die Bankenkrise akut aufflammt, ist das Vertrauen in den Euro-Raum, das vor zwei Wochen mit dem Rettungspaket für notleidende Staaten aufgebaut werden sollte, endgültig dahin“, hieß es aus einem Handelssaal einer Frankfurter Bank.

          Gold als Geldanlage

          Als ein Symptom für die Anfälligkeit des Euro-Raums für Kapitalabflüsse gilt die Talfahrt des Euro. Nachdem die europäische Gemeinschaftswährung sich vor vier Tagen auf Kurse von 1,2610 Dollar erholte hatte, gab sie am Dienstag auf 1,2260 Dollar nach. Damit ist der Euro nur noch einen Cent von dem Tief entfernt, das er vor einer Woche erreicht hatte. Als weiteres Krisensymptom gilt, dass die Bereitschaft zur Kreditvergabe unter europäischen Banken offenbar stark abgenommen hat. Der Londoner Interbanken-Satz für dreimonatige Dollar-Ausleihungen ist auf den höchsten Stand seit Juli 2009 geklettert. Nach Angaben der British Bankers' Association lag der Dollar-Libor am Dienstag auf 0,536 Prozent. Damit kosten Kredite unter Banken für drei Monate mehr, als die Bundesrepublik Deutschland Anlegern für Ausleihungen über zwei Jahre zahlen muss. Die Rendite für Bundesobligationen mit zwei Jahren Laufzeit sank am Dienstag unter 0,5 Prozent, die Rendite für Bundesanleihen mit zehn Jahren Laufzeit unter 2,6 Prozent. 0,48 Prozent für zwei Jahre und 2,58 Prozent für zehn Jahre sind nun die neuen Rekordtiefs. „Deutschland ist der sichere Hafen für alle, die kein Risiko mehr gehen wollen“, sagte ein Anleihehändler.

          Als weitere sichere Geldanlage gilt Gold. Die Goldreserven des SPDR Gold Trust, des größten Indexfonds (ETF) auf Gold, seien auf ein neues Rekordvolumen von 1236,89 Tonnen gestiegen, teilte die Fondsgesellschaft State Street mit. Die Unze (31,1 Gramm) Feingold kostete am Dienstag knapp 1200 Dollar und damit 24 Prozent mehr als vor einem Jahr.

          China steckt in einer Baisse

          Der Ölpreis dagegen steht unter Druck. Binnen drei Wochen ist der Preis für ein Barrel (159 Liter) der Nordseesorte Brent von fast 90 auf weniger als 70 Dollar am Dienstag gefallen. Auf den Öl-, aber auch auf anderen Rohstoffmärkten machen sich anhand von konjunkturellen Frühindikatoren Sorgen über eine wirtschaftliche Abschwächung in China und Brasilien breit. Aus diesen bislang stark wachsenden Volkswirtschaften kommt zwischen 40 und 80 Prozent der Nachfrage nach Rohstoffen. Der chinesische Aktienmarkt, auch ein Frühindikator, steckt nach Kursverlusten von mehr als 20 Prozent in diesem Jahr inzwischen in der Baisse.

          Hinzu kommt, dass Industriestaaten angesichts ihrer von den Anlegern zunehmend kritisch betrachteten Verschuldung mit dem Sparen beginnen. Das Nachlassen des Wachstums in Schwellenländern und das Auslaufen der Konjunkturpakete befördert Ängste, die wirtschaftliche Erholung könnte in sich zusammen fallen. „Zum ersten Mal dürften in der Mehrzahl der Industrieländer die öffentlichen Ausgaben deutlich gekürzt werden. Was aus Sicht eines einzelnen Staates Sinn macht, könnte der Weltwirtschaft insgesamt Probleme bereiten“, sagt Andreas Rees, Chefvolkswirt Deutschland der Hypo-Vereinsbank und folgert: „Wenn nahezu alle drakonisch sparen, bleibt das Wachstum kurzfristig auf der Strecke.“

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Donald Trump und Liu He, Vizepremier von China, gemeinsam in Washington. Infolge des Handelskriegs mit Amerika habe die Korruption in Chinas Privatwirtschaft wieder zugenommen, berichtet Philipp Senff von der Wirtschaftsanwaltskanzlei CMS in Schanghai.

          Vorfälle der Deutschen Bank : In China lauert die Korruption bis heute

          Mit teuren Geschenken an chinesische Politiker wollte sich die Deutsche Bank Vorteile verschaffen. Der Fall lenkt den Blick auf ein Land, das trotz Mühen immer noch unter Bestechung leidet – auch wegen des Handelskriegs mit Amerika.
          Andreas Scheuer am Mittwoch in Berlin

          Verkehrsminister Scheuer : Im Porsche durch die Politik

          Verkehrsminister Andreas Scheuer hat einen Vorteil, der ihm beim Streit über die Pkw-Maut zum Nachteil gereichen könnte: eine gewisse Lockerheit.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.