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JP Morgan : Skandalgeschäfte zeigen erste Folgen

  • -Aktualisiert am

Nicht mehr die erste Adresse: Die Zentrale von JPMorgan in New York Bild: AFP

Nach den hohen Handelsverlusten rollen bei JP Morgan die ersten Köpfe. „Ungeheuerliche Fehler“ werden zugegeben. Die Konkurrenz wunderte sich schon lange über das Gebaren der Bank.

          Der hohe Verlust der amerikanischen Bank JP Morgan an ihrem Londoner Handelstisch zeigt erste Konsequenzen. Bei JP Morgan rollen Köpfe, und in den Regulierungsbehörden werden die Daumenschrauben angedreht. Am Montag verkündete JP Morgan den Rücktritt von Ina Drew, die das Chief Investment Office der Bank leitete und als eine der einflussreichsten Frauen an der Wall Street galt. In der Investment-Sparte, die mit Geld von JP Morgan auf eigene Rechnung handelte, waren nach in London getätigten Geschäften Verluste von bisher mindestens 2 Milliarden Dollar angefallen. Die Verluste resultierten aus Transaktionen mit komplexen Kreditderivaten auf einen Index für amerikanische Unternehmensanleihen. Auch die Positionen der in London verantwortlichen Händler Achilles Macris und Javier Martin-Artajo standen offenbar zur Disposition. Auch die Tätigkeit des als „Londoner Wal“ titulierten Händlers Bruno Iksil wurde untersucht.

          Norbert Kuls

          Freier Autor in der Wirtschaft.

          „Wir haben einen furchtbaren, ungeheuerlichen Fehler gemacht, für den es fast keine Entschuldigung gibt“, sagte Jamie Dimon, der Vorstandsvorsitzende von JP Morgan. Hinter den Kulissen handelte sich Dimon schwere Vorwürfe von Kollegen ein, die über die Händlermentalität in der Londoner City und an der Wall Street besorgt sind und nach schärferer Regulierung und gar der Finanztransaktionssteuer rufen, um der Zockerei von Investmentbanken Sand ins Getriebe zu streuen. „Die Londoner City ist kein ordentliches Finanzzentrum mehr, wenn die Stadt keine Banker mehr findet, die seriöses Bankgeschäft garantieren und der Zockerkultur ein Ende setzen“, lautet die Kritik eines Miteigentümers und Vorsitzenden einer der großen Traditionsbanken in London.

          „Kampf in Washington“

          Dimon indessen ist einer der lautstärksten Gegner einer schärferen Regulierung von Banken. Bis Juli sollen in den Vereinigten Staaten Regeln festgeschrieben werden, die den Eigenhandel von Banken beschränken. Der amerikanische Senator Carl Levin, ein Befürworter schärferer Bankenregulierung, prognostizierte, dass JP Morgan „den Kampf in Washington“ um die Schwächung der Regulierung verlieren werde. Im Baseler Komitee für Bankenaufsicht wird inzwischen erwogen, die Überarbeitung der Risikoparameter von Banken im Handel zu beschleunigen.

          Unterdessen gingen Marktteilnehmer davon aus, dass die Transaktionen des Händlerteams von JP Morgan sukzessive aufgelöst werden - möglicherweise mit einem höheren Verlust für die Bank. „Wenn eine Bank mit einer Strategie so hohe Verluste erleidet, kann es kein Hedge gewesen sein“, meinten Hedgefonds-Manager und Vertreter von Regulierungsbehörden in der City.

          Die einfache Variante ist, dass die Händler die Risiken, die JP Morgan mit dem Verkauf von Unternehmensanleihen an Kunden eingeht, über den Kauf des Index CDX IG 9 absicherten. Dieser Index spiegelt die Kreditwürdigkeit der 125 größten amerikanischen Unternehmen. JP Morgan hätte mit dem Kauf des Index Ausfallrisiken von amerikanischen Unternehmen übernommen und dafür Prämien eingenommen. Wahrscheinlicher aber ist, dass die Händler unabhängig vom Anleihegeschäft der Bank ein Hedge-Geschäft aufbauten, um von der Spreadentwicklung am Kreditmarkt zu profitieren. Sie wurden dabei beobachtet, wie sie Tranchen auf den Index verkauften. Da ein CDX-Index die Kreditwürdigkeit von Unternehmen abbildet, kann man auch nur den Teil des Index (Tranche) verkaufen, der eine überproportional hohe Ausfallwahrscheinlichkeit spiegelt. Der Händler bekommt dafür besonders hohe Risikoprämien vom Käufer bezahlt. In diesem Fall hätten die JP-Morgan-Händler etwa 200 Millionen Dollar für jede 1 Milliarde Dollar Tranche Geschäft erhalten.

          Verzerrte Preise

          Die Crux ist jedoch, dass die Tranchen - als Teil eines Ganzen - ein überproportional hohes Handelsvolumen im Index auslösen, das abgesichert werden muss. Die Händler mussten deshalb den Index am Markt in großen Mengen verkaufen, wofür sie freilich Prämien zahlen mussten. Die Händler verdienten also am unterschiedlichen Preis der Prämienentwicklung. Iksil zog sich wegen der gewaltigen Handelsvolumina den Spitznamen„Londoner Wal“ zu. Nach Aussage eines Hedgefonds-Managers verzerrte JP Morgan die Preise so stark, dass es sogar billiger war, sich über die Einzelrisiken am Markt gegen Ausfallrisiken amerikanischer Unternehmen abzusichern als über den Index. Das fiel einigen Hedgefonds auf.

          Es handelt sich bei diesen Transaktionen nämlich nicht um Börsengeschäfte, sondern um Telefontransaktionen zwischen Händlern, die schnell hellhörig werden. „Wenn ununterbrochen JP Morgan mit dieser Transaktion am Markt auftaucht, erkennen andere Händler, welche Strategie JP Morgan verfolgt“, heißt es von Hedgefonds in der City, die letztlich von einem Handelsvolumen von 100 Milliarden Dollar des Iksil-Teams sprachen.

          Es dauerte nicht lange und die Hedgefonds Blue Crest, Lucidus, CQS, Hutchin Hill und Blue Mountain positionierten sich gegen JP Morgan und kauften den Index mit dem Wissen, dass JP Morgan die Transaktionen irgendwann würde auflösen müssen. Es ist kein Zufall, dass die Geschichte dann auch an die Öffentlichkeit getragen wurde und sich der Markt gegen JP Morgan drehte. Mehrere Hedgefonds sollen in kürzester Zeit zweistellige Millionenbeträge Gewinn abkassiert haben.

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