https://www.faz.net/-gv6-83f0m

Anlageentscheidung : Jetzt Aktien aus Europa kaufen!

Die „Picos de Europa“, die Gipfel Europas, im Nordwesten Spaniens Bild: © Hartmut Pönitz/Schapowalow

Der deutsche Leitindex Dax ist eine Freude. Noch attraktiver sind die Börsen in Spanien, Italien und Frankreich.

          3 Min.

          Es gibt nicht nur den deutschen Dax. Aktien aus anderen Ländern des Euroraumes sind derzeit so gefragt wie schon lange nicht mehr. Italienische Titel legten seit Januar um mehr als 20 Prozent zu, französische um 17, niederländische um 15 und spanische um zehn Prozent. Die Kursverluste seit Mitte April sind da bisher nur kleine Dellen im kräftigen Aufschwung seit Jahresanfang.

          Dyrk Scherff

          Redakteur im Ressort „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Und diese Dellen sorgen derzeit nur wenige Profis. „Das ist wohl keine Wende in einen längeren Kursabschwung, sondern eine vorübergehende Konsolidierung, die Anleger zum Kauf nutzen könnten“, sagt Oliver Postler, Chefanlagestratege in der Abteilung für Privatkunden der Hypo-Vereinsbank. Fast alle Analysten denken so. Europäische Aktien sind derzeit weltweit die Top-Empfehlung der Bankhäuser.

          Die Anleger reiben sich darüber verwundert die Augen. Steht Amerika nicht viel besser da, und ist der Euroraum nicht die Krisenregion der Welt? So lautete lange die vorherrschende Meinung. Das ist auch nicht ganz falsch. Nordamerikas Wirtschaft wächst stärker als die europäische, den Banken und vielen Unternehmen dort geht es besser. Doch an der Börse wird die Zukunft gehandelt. Und da ändert sich gerade etwas.

          Die Euroländer sind dabei aufzuholen. Während Amerika weiter solide wächst, schaffen es die Eurostaaten, endlich nach Jahren die Krise ein wenig abzuschütteln. Und das auch noch stärker als bisher erwartet. Die EU-Kommission hat gerade ihre Konjunkturerwartungen für 2015 erhöht. Fast alle Länder mit Ausnahme des Sonderfalles Griechenland werden demnach wirtschaftlich wachsen. Nicht nur Deutschland, sondern auch die Nachbarn wie die Niederlande und die bisherigen Problemstaaten im Süden und Westen. Allen voran schreiten Spanien und Irland, die noch stärker als Deutschland wachsen werden. Die gerade veröffentlichen Zahlen zur Wirtschaftsentwicklung im ersten Quartal bestätigen diese EU-Prognosen. Dabei legten Spanien, die Niederlande und überraschend auch Frankreich sogar noch stärker zu als Deutschland.

          Die Anleger reagieren darauf: Bevorzugten sie im vergangenen Jahr amerikanische Aktien und wurden dabei mit höheren Kursgewinnen als im Euroraum belohnt, schwenken sie nun um. Denn die Aktien in Übersee sind mittlerweile teuer geworden. Die europäischen Papiere hingegen sind günstiger und locken mit einem Extrabonbon: „Die Erwartungen sind noch niedrig, da braucht es nicht viel, um positiv zu überraschen“, sagt Dirk Schumacher, für Europa zuständiger Volkswirt von Goldman Sachs.

          Er sieht die Euroländer bereit für den Aufschwung. „Die Banken in Spanien und Italien sind gestärkt. Sie vergeben wieder etwas mehr Kredite an die Unternehmen, und das zu niedrigen Zinsen. Und die Staaten bremsen den Aufschwung nicht mehr durch starke Haushaltskürzungen wie in den vergangenen Jahren.“ Hinzu kommt eine kräftige Unterstützung durch den niedrigen Ölpreis und den günstigen Eurokurs. Obwohl beide Werte zuletzt etwas gestiegen sind, stützen sie weiter die europäische Konjunktur. „Der Ölpreis wird in den nächsten zwölf Monaten in Richtung 70 Dollar für ein Fass (Barrel) steigen. Das ist aber immer noch viel weniger als vor einem Jahr“, erwartet Schumacher. Damals kostete ein Fass 110 Dollar.

          Auch der Euro werde wegen der erwarteten Zinserhöhung in Amerika und der Anleihekäufe der Europäischen Zentralbank weit unter seinem damaligen Niveau von 1,40 Dollar je Euro bleiben. Dies wird europäischen Exportunternehmen auf den Weltmärkten helfen, weil ihre Produkte dadurch günstiger werden.

          Hinzu kommt, dass sich in den ersten Problemländern der Eurozone die Reformen der vergangenen Jahre positiv bemerkbar machen. Das gilt vor allem für Irland und Spanien und mit Abstrichen auch für Portugal. In Italien deutet sich das zumindest an. Die Regierung in Rom hat erste Modernisierungen durchgesetzt. „Vor allem im nächsten Jahr dürfte sie noch aktiver werden. Dann könnten sich auch hier erste positive Folgen zeigen“, sagt Andreas Höfert, Chefökonom der Schweizer Bank UBS. „Italien könnte die Überraschung 2016 werden.“ Höfert macht sich da weniger Sorgen als um Frankreich, wo größere Reformen nicht zu erkennen seien und die Angst vor den Wahlen 2017 den Eifer dafür auch nächstes Jahr bremsen könnte. Für den Euroraum insgesamt sieht er jetzt „das beste Konjunkturumfeld seit 2011“.

          Höfert ist allerdings als einer der wenigen Marktbeobachter vorsichtig in Bezug auf die Entwicklung in Griechenland. Anders als die Mehrheit der Analysten glaubt er, dass ein Ausscheiden des Landes aus dem Euro („Grexit“) größere Marktturbulenzen auslösen würde. „Zwar sind die europäischen Banken stabiler als vor ein paar Jahren. Aber die Anleiherenditen in Südeuropa könnten schnell um vier oder fünf Prozentpunkte steigen, was die Bankbilanzen stark belasten würde. Das Vertrauen auf einen stabilen Bankensektor könnte erschüttert werden.“ Das würde die Aktienkurse in den Keller schicken. Derzeit wird ein Grexit an den Finanzmärkten allerdings als das unwahrscheinlichere Szenario gehandelt. Die positive Stimmung in Bezug auf Euroaktien dominiert.

          Was bedeutet das nun für Anleger? „Die derzeitige Konsolidierung am Aktienmarkt könnte einige Wochen andauern. Sie bietet ein interessantes Einstiegsniveau“, sagt Oliver Postler von der Hypo-Vereinsbank. Er bevorzugt defensive Aktien aus dem Gesundheitsbereich, Nahrungsmittel- und Konsumgüterhersteller. Daneben setzt er auf konjunkturabhängige Unternehmen aus der Chemie und Industrie.

          Günstig sind die meisten Aktien nicht mehr, auch nicht die aus den bisherigen Krisenstaaten. Dort spiegeln die Kurse schon die Hoffnung auf eine Konjunkturerholung wider. Bessere Unternehmensergebnisse könnten das bald untermauern. „Auch die Firmen aus Südeuropa dürften 2015 ihre Gewinne kräftig steigern. Allerdings von einem deutlich niedrigeren Niveau aus als in Deutschland“, erwartet Postler. Am stärksten dürften die Ergebnisse der Banken, der Reise- und Freizeitindustrie und der Autobauer zulegen.

          Weitere Themen

          Breiter Kursverfall an den Weltbörsen

          Angst vor dem Virus : Breiter Kursverfall an den Weltbörsen

          Das Coronavirus infiziert immer mehr Menschen außerhalb Chinas. Die Sorgen vor dem Virus haben schon 3 Billionen Euro Börsenwert vernichtet. Die Wall Street erlebte den schlechtesten Tag seit zwei Jahren. Ein Ende ist nicht in Sicht.

          Topmeldungen

          Binde ein und herrsche : Laschets Modell der CDU

          Armin Laschet hat verschiedene Parteiströmungen in seinem Düsseldorfer Kabinett. Nun will er das System auf die CDU-Spitze übertragen. Der Landesverband nominiert das Duo Laschet/Spahn für den Parteivorsitz.
          Urheberrechte? Der Medienstaatsvertrag höhlt sie aus.

          Medienstaatsvertrag : Das Ende des Urheberrechts ist nahe

          Der von den Ländern kürzlich beschlossene Medienstaatsvertrag gilt als große Sache: Endlich würden auch die großen Online-Konzerne reguliert. Aber wie? Auf Kosten der Urheber.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.