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Japan : Rasche Erholung erwartet, Aktien von Erdbebengewinnern gefragt

Viel Arbeit mit dem Wiederaufbau Bild: dapd

Das verheerende Erdbeben wird Japans Wirtschaft unmittelbar nur kurz belasten. Viel bedenklicher sind die Folgen des Wiederaufbaus für den Staatshaushalt. Einige Anleger griffen zu: bei Aktien, die vom Wiederaufbau profitieren könnten.

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          Auch wenn es noch Wochen dauern dürfte, bis auch nur annähernd feststehen wird, welches Ausmaß die Schäden angenommen haben, die das Erdbeben vom Freitag in der japanischen Wirtschaft angerichtet haben, so steht außer Frage, dass sie schwerwiegend sind.

          Martin Hock

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Nicht nur nach Ansicht des Ökonomen Nouriel Roubini traf das Beben das Land zum denkbar schlechtesten Zeitpunkt. Derzeit sei das Land bereits mit der Bekämpfung des Staatsdefizits belastet, sagte der prominente Investor am Freitag in einem Gespräch mit Bloomberg TV in London.

          Rasche Erholung der Wirtschaft erwartet

          Venkatraman Anantha-Nageswaran, Investmentvorstand der Singapurer Niederlassung der Bank Julius Bär, hält es für möglich, dass dadurch das Vertrauen in die zerbrechliche Erholung der Wirtschaft des Landes erschüttert wird.

          Dabei sind es am wenigsten die unmittelbaren wirtschaftlichen Einbußen, die Analysten Sorgen machen, da sie der Auffassung sind, dass diese von kurzer Dauer sein dürften, zumal die drei am stärksten betroffenen Präfekturen lediglich 2,5 Prozent des Bruttoinlandsproduktes erwirtschaften, so Commerzbank-Analyst Wolfgang Leim in einer Studie.

          Bedeutender seien die Produktionsausfälle im Großraum Tokio, so dass die Wirtschaftsleistung im ersten Quartal nochmals leicht schrumpfen könnte. Premierminister Naoto Kan erwartet, dass Japan bald einen wirtschaftlichen Aufschwung erleben wird wie die Vereinigten Staaten unter dem „New Deal“ von Präsident Roosevelt in den dreißiger Jahren. Das Erdbeben werde schon bald durch den Wiederaufbau in den betroffenen Regionen große Nachfrage schaffen. Wie die Nachrichtenagentur Kyodo berichtete, forderte der Premier die Bevölkerung auf, die Wirtschaftslage weniger pessimistisch zu sehen.

          Kans Prognose ist nach Einschätzung von Volkswirten nicht aus der Luft gegriffen. Sie verweisen auf den so genannten „Kobe-Effekt“. 1995 hatte ein Erdbeben in der japanischen Stadt Kobe große Schäden angerichtet, der Ökonomie kurzfristig einen Dämpfer versetzt, dann aber mit der zusätzlichen Wiederaufbau-Nachfrage die Wirtschaft angekurbelt.

          Schwere Last für den angeschlagenen Staatshaushalt

          Von weitaus größerer Bedeutung sind die Folgen für den japanischen Staatshaushalt. Roubini rechnet mit einem Konjunkturprogramm zum Wiederaufbau. Die oppositionelle Liberaldemokratische Partie hat Premierminister Kan bereits ihre Unterstützung im Unterhaus zugesagt.

          Aber das Land kämpft beschon jetzt mit einem Haushaltsdefizit von knapp zehn Prozent des Bruttoinlandsproduktes, und schon vor dem Erdbeben wurde die Nettostaatsverschuldung des im März endenden Steuerjahres auf 108 Prozent geschätzt. Schon vor wenigen Tagen hatte die Rating-Agentur Standard&Poor's in Aussicht gestellt, Japans Bonitätsnoten zu überprüfen, wenn sie ihre Budgetprognosen nach unten revidieren müsste.

          Wenn auch die unmittelbaren Wachstumsfolgen eher zu vernachlässigen sind, so könnte das Erdbeben ein weiterer Faktor sein, der Japans geld- und vor allem fiskalpolitische Spielräume noch weiter verringert und damit die Flexibilität der Wirtschaft weiter einschränkt.

          Hingegen relativierte die Ratingagentur Moody's die möglichen Folgen. Die Rettungs- und Aufbaukosten dürften den Haushalt nur vorübergehend belasten, sagte Moody's Japanexperte Tom Byrne am Sonntag. „Die Regierung eines großen und reichen Landes sollte in der Lage sein, örtlich begrenzte Naturkatastrophen zu bewältigen“. Um die drohende Herabstufung zu verhindern, komme es vielmehr auf eine Reduzierung des Haushaltsdefizits und eine Ankurbelung des Wirtschaftswachstums auf mittlere Sicht an.

          Bau- und Baustoffaktien gefragt

          Insofern ist nicht verwunderlich, dass die Kurse der meisten japanischen Aktien unter Druck stehen - mit einigen Ausnahmen. Gefragt sind, wie nicht anders zu erwarten, vor allem die Aktien von Baukonzernen und Baustoffhändlern.

          Allen voran stieg am Freitag der Aktienkurs des Baukonzerns Obayashi, dessen Expertise nicht zuletzt in der Entwicklung von Städten und ländlichen Regionen liegt, um knapp 28 Prozent. Rund 18 Prozent legte der Kurs des Zementherstellers Sumitomo Osaka zu. Allerdings dürften dies nur kurzfristige Effekte sein, sagt auch Tsuyoshi Segawa, Stratege bei Mizuho Securities. Das habe es immer bei Erdbeben gegeben.

          Zumal nicht alle der Kursgewinner auch noch günstig sind. So betrug das Kurs-Gewinn-Verhältnis für die Aktie des Baukonzerns Shimizu mehr als 23 für das laufende Jahr schon vor dem Kursanstieg um 9 Prozent.

          Das KGV des unter anderem in der Gebäudeklimatisierung und im Infrastrukturbereich aktiven Konzerns Mitsubishi Heavy Industries liegt bei knapp 50 für das laufende und noch mehr als 27 für das kommende Jahr. Dabei dürften nicht alle Geschäftsbereiche vom Wiederaufbau profitieren. Zudem machte Mitsubishi Heavy zuletzt nur die Hälfte seines Umsatzes in Japan. Das gilt noch mehr für den Baumaschinenkonzern Komatsu, der zuletzt nur jeden dritten Yen in Japan erlöste. Am Montag fiel der Kurs auch schon wieder deutlich, so dass die Aktie per saldo nun im Minus liegt.

          Anders sieht dies etwa beim Hausbauer Sekisui House aus, der ausschließlich in Japan aktiv ist. Mit Kurs-Gewinn-Verhältnissen von rund 16 für das laufende und 14,3 für das kommende Jahr auf Basis der japanischen Schlusskurse vom Montag sieht die Aktie auch nach einem Kursanstieg von 28 Prozent in Frankfurt nicht uninteressant für diejenigen aus, die nach dem Erdbeben rasch überlegen, wie sie daran am besten mit verdienen können.

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