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Japan : Die Abenomics haben ihren Glanz verloren

Globale Ansichten in Tokio: Der Nikkei geht mit Kursgewinnen in die Woche (Mitte oben) Bild: REUTERS

Der Höhenflug des Nikkei ist seit einiger Zeit zu Ende. Während die Investoren auf Wirtschaftsreformen warten, zwingt die japanische Regierung Pensionsfonds zu riskanteren Anlagestrategien.

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          Die Botschaft, die Japans Regierungschef Shinzo Abe bei einem Besuch an der Wall Street im Herbst vergangenen Jahres den dort versammelten Investoren gab, war kurz und präzise. „Kauft japanische Aktien, kauft sie jetzt.“ Um fast 80 Prozent war der Index der Börse in Tokio, der Nikkei 225, da in dem knappen Jahr seit der Wahl Abes im Dezember gestiegen. Jetzt, im Frühsommer 2014, ist das Geschichte. Die internationalen Anleger, die die Kursexplosion des Nikkei ausgelöst hatten, warten ab.

          Carsten Germis
          Wirtschaftskorrespondent in Hamburg.

          Viele haben ihr Vertrauen in Abes Versprechen verloren, der drittgrößten Volkswirtschaft der Welt mit radikalen Strukturreformen und mit einer Öffnung des Landes für mehr Wettbewerb und für ausländische Investoren neuen Schwung zu geben. Der Nikkei dümpelt seit Wochen unter der psychologisch wichtigen Grenze von 15.000 Punkten. Am Montag beendete er den Handel nach einem Tagesplus von 2 Prozent auf 14.936 Punkten.

          Die Boomzeiten des Nikkei scheinen vorbei

          25 Prozent der Gewinne, die der Nikkei seit dem Amtsantritt Abes verbuchte, sind in diesem Jahr wieder verschwunden. Zwischen Dezember 2012 und Dezember 2013 haben ausländische Anleger netto 16,7 Billionen Yen (120 Milliarden Euro) in japanischen Aktien investiert. Im ersten Quartal dieses Jahres waren sie mit 1,4 Billionen Yen Nettoverkäufer. Die Boomzeiten des Nikkei scheinen vorbei. Selbst die japanische Wirtschaftszeitung „Nikkei“, die zu den engsten Unterstützern Abes und seiner Politik gehört, machte sich unlängst Sorgen: „Die Abenomics verlieren ihre Anziehungskraft für die Investoren.“

          Als politische PR-Strategie hat Japans Regierungschef mit der nach ihm benannten „Abenomics“ – einer Mischung aus extrem lockerer Geldpolitik, milliardenschweren Konjunkturprogrammen und vagen Reformankündigungen – lange Zeit Erfolg gehabt. Welcher Regierungschef schafft es schon, mit einer nach ihm benannten Politik Kongresse von Ökonomen zu bestimmen? Viele fürchten nun aber, dass vor allem die von Abe immer wieder angekündigte wirtschaftliche Öffnung des ostasiatischen Landes nicht kommt.

          Öffnung sieht anders aus

          Wer mit Anlegern spricht, hört in Tokio immer wieder Geschichten wie diese: Wir wollten ein kleines Unternehmen kaufen, eines, das wichtige Technik produziert. Das zuständige Ministerium gab daraufhin schnell zu verstehen, dass es eine Übernahme durch ein heimisches Unternehmen bevorzuge. Öffnung sieht anders aus. Die Kluft zwischen Abes Appellen an internationale Investoren an der Wall Street und der Wirklichkeit in Japan bleibt auch im zweiten Jahr nach Abes Amtsantritt groß.

          Viel wird jetzt davon abhängen, was der Regierungschef Ende Juni an Wirtschaftsreformen ankündigt. Die Wirtschaft schlägt sich besser, als viele Kritiker erwartet hatten. Am Montag meldete das Finanzministerium in Tokio, dass die japanischen Unternehmen im ersten Quartal 7,4 Prozent mehr investiert haben als in den ersten drei Monaten des Vorjahres. Die Erhöhung der Mehrwertsteuer zum 1. April von 5 auf jetzt 8 Prozent dämpft zwar die Binnennachfrage, aber kaum ein Ökonom befürchtet noch, dass Japan wieder in die Rezession schlittert. Die Bank von Japan meldet Fortschritte im Kampf gegen die Deflation, in der das Land seit Jahren verharrte.

          Der Schwung für die Exportunternehmen lässt nach

          Sollte Abe im Juni zusätzlich die Weichen für mehr Wettbewerb stellen und wachstumshemmende Regulierungen abschaffen, dürfte das dem Nikkei im zweiten Quartal wieder neuen Schwung geben. Bislang deutet allerdings wenig darauf hin, dass Abe dieses Mal wirklich wagt, was er trotz vollmundiger Ankündigungen in der Vergangenheit schuldig geblieben ist. Viele Marktbeobachter erwarten stattdessen, dass die Bank von Japan ihre ohnehin extrem lockeren geldpolitischen Zügel weiter lockern wird. Die Schwächung des Yen gegenüber dem Dollar ist bei 101 bis 102 Yen zum Dollar zu einem vorläufigen Stillstand gekommen.

          Von den 110 Yen zum Dollar, den viele Analysten noch Anfang des Jahres erwartet hatten, spricht derzeit niemand mehr. Der Schwung für die Exportunternehmen lässt nach. „Die Bank von Japan wird eine neue Runde einleiten und die Geldpolitik weiter lockern“, hoffen deswegen viele auf dem Parkett. Spätestens auf der geldpolitischen Sitzung im Juli würden die geldpolitischen Schleusen in Tokio weiter geöffnet, heißt es. Die Bank selbst tut alles, dem entgegenzuwirken.

          Tokio will Pensionsfonds umbauen

          Die Notenbank sieht Japans Wirtschaft auch nach der Steuererhöhung „auf einem moderaten Wachstumspfad“ und das Inflationsziel von 2 Prozent, das sie sich selbst gesetzt hat, in erreichbarer Nähe. Für weitere geldpolitische Lockerungsübungen sieht deswegen derzeit auch der IWF keine Notwendigkeit.

          Die Regierung in Tokio hat auch wegen der jüngsten Zurückhaltung ausländischer Investoren damit begonnen, den Umbau des global größten Pensionsfonds mit Nachdruck voranzutreiben. Sie will damit mehr Geld aus den Altersrücklagen der Japaner in riskantere Anlagen lenken. Ministerpräsident Abe fordert die staatlichen Pensionsfonds seit Monaten auf, nicht allzu sehr in sichere Staatsanleihen, sondern stärker im Aktienmarkt zu investieren. Der Regierungschef erhofft sich dadurch Rückenwind für die Belebung der drittgrößten Volkswirtschaft der Welt. Bei den Fondsmanagern stieß diese Strategie bisher eher auf Skepsis.

          Der reichste Fonds der Welt

          Manche gingen sogar offen in Widerstand dazu. Schließlich sind sie verantwortlich für die Altersbezüge von Millionen Japanern. Um den staatlichen japanischen Pensionsfonds auf Abes Linie zu bringen, hat die Regierung im Frühjahr neue Mitglieder für das oberste Investitionsgremium des Fonds ernannt. Japans staatlicher Pensionsfonds verwaltet mit 128,6 Billionen Yen (908 Milliarden Euro) so viel Geld wie kein anderer Fonds auf der Welt.

          Beobachter gehen aber davon aus, dass der Fonds unter Anleitung des neuen Gremiums – in dem von außen kommende Neulinge jetzt die von der Regierung gewünschte Mehrheit bilden – deutlich mehr Aktien kauft. Bislang machten japanische Staatsanleihen 67 Prozent der Anlagen des Pensionsfonds aus. Schon vor einem Jahr wurde vereinbart, diesen Anteil auf 60 Prozent zu senken.

          Auf japanische Aktien sollten fortan 12 Prozent entfallen, auf ausländische Aktien ebenfalls 12 Prozent und auf ausländische Staatsanleihen 11 Prozent. Neue Beschlüsse gab es bisher noch nicht. Im Gespräch ist aber, den Anteil japanischer Staatsanleihen auf bis zu 35 Prozent zurückzufahren – und so auch dem Nikkei neuen Schwung zu geben.

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