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„Super Return“ in Berlin : Ringen um Rendite

Private-Equity-Fall Stada: Eine Mitarbeiterin prüft die Produktion. Bild: dpa

In Berlin treffen sich ab Montag Finanzinvestoren aus aller Welt zu ihrem wohl wichtigsten Kongress. Die Branche hat ein Luxusproblem: viel zu viel Geld.

          Sprechen Private-Equity-Fachleute über das Geschäft, gibt es ein paar Unternehmen, die sie zum Gähnen bringen. Weil diese Unternehmen ewige Übernahmekandidaten sind, seit Jahren auf den Listen der Firmenjäger stehen – aber dann nie etwas passiert. Der Arzneimittelkonzern Stada rangierte lange ziemlich weit oben auf dieser Liste: vermeintlich leichte Beute, mit Luft nach oben in den Margen, schlecht geführt und dann noch mit einer Unternehmensstruktur, die manches Private-Equity-Haus zum Zerschlagen einladen würde.

          Klaus Max Smolka

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Doch niemand nahm sich des Unternehmens an – unter anderem wohl wegen des schwer berechenbaren Vorstandsvorsitzenden Hartmut Retzlaff, der den M-Dax-Konzern mehr als zwei Jahrzehnte geführt hatte. Inzwischen ist ein angriffslustiger Aktionär bei Stada eingestiegen, Retzlaff hat abgedankt, und nach einem turbulenten Jahr 2016 ist Stada jetzt reif für Private Equity. Mehrere Finanzinvestoren unterbreiteten informelle Gebote, am vergangenen Donnerstag wurde Advent konkret: 4,8 Milliarden Euro einschließlich Schulden bietet die Beteiligungsgesellschaft. Das wäre laut Thomson Reuters eine der beiden größten Transaktionen jemals, in denen ein Finanzinvestor ein deutsches Unternehmen erwirbt.

          „Als Verkäufer: wunderbar. Als Käufer: unglaublich schwierig“

          Auf eine Chance wie Stada haben die Investoren lange gewartet, denn Milliardentransaktionen sind rar geworden hierzulande. Die mit Geld überschüttete Branche lechzt nach Geschäft – und so setzt der Fall Stada ein Ausrufezeichen, über das bestimmt auch in Berlin eifrig debattiert wird.

          Dort nämlich trifft sich die Branche von Montag an zu ihrer wohl wichtigsten Konferenz des Jahres, der „Super Return“. 2000 Teilnehmer haben sich angesagt. Die Finanzinvestoren ringen mit einem Luxusproblem: zu viel Geld. Viel zu viel. Mussten sie früher mühsam um Mittel für die Geldtöpfe werben, aus denen sie Unternehmensübernahmen finanzierten, so sind ihre neuen Fonds heute oft überzeichnet. Niedrigzinsen, billiges Geld: Die Private-Equity-Profis können die viele dargebotene Liquidität gar nicht aufsaugen und die aufgesogene dann kaum in Unternehmensbeteiligungen unterbringen.

          „Der Anlagedruck ist enorm“, befindet Ken Oliver Fritz, Ko-Deutschlandchef des Fusionsberaters Lazard. „Das sieht man an Transaktionen, in denen Private Equity sich gegenseitig hoch bietet.“ Beteiligungsgesellschaften gingen heute größere Risiken ein als vor Jahren, sagt sein Kollege Eric Fellhauer, Lazards zweiter Ko-Deutschlandchef.

          Kapselproduktion bei Stada in Bad Vilbel

          Die Preise sind in den meisten Branchen beständig gestiegen. „Als Verkäufer: wunderbar. Als Käufer: unglaublich schwierig“, so beschreibt Jeffery Perkins den Markt, Geschäftsführer der mittelstandsorientierten Fusionsberatung Harris Williams. Im mittelgroßen Segment spielen sich in Deutschland in den vergangenen Jahren weit mehr Transaktionen ab als in jenem großen Segment, das gerade den spektakulären Fall Stada erlebt.

          Insgesamt stieg nach einer Erhebung der Beratungsgesellschaft PWC im vergangenen Jahr die Zahl der Akquisitionen durch Private-Equity-Firmen im deutschsprachigen Raum um ein Viertel gegenüber dem Vorjahr auf 214. Dabei seien insgesamt 25 Milliarden Euro geflossen, so viel wie seit 2007 nicht.

          Beträchtlicher Bestand an Transaktionen

          Ende 2016 hätten besonders viele Gesellschaften ihre Berater zur Bewerbungspräsentation („Pitch“) eingeladen, berichtet Sascha Pfeiffer, Geschäftsführer des Fusionsberaters GCA Altium in Frankfurt. „Es ist eine Riesenrunde von Pitches gelaufen im vierten Quartal.“ Auf etwa 20 beziffert er sie. Daher erwartet Pfeiffer ein munteres erstes Halbjahr – aber danach vermutlich ein Abflauen, weil sich dafür bisher nicht viele Transaktionen ankündigen. Sein Münchener Kollege Martin Kühner beobachtet, dass die Beteiligungsgesellschaften ihre Unternehmen tendenziell schneller weiterreichten: „Die Haltezeiten sind kürzer geworden.“

          Auch der Finanzinvestor Equistone sieht einen beträchtlichen Bestand an Transaktionen, der noch abzuarbeiten sei. „In diesem Jahr gibt es eine Reihe von angekündigten Aktivitäten, die noch nicht auf dem Markt sind“, sagt Equistone-Partner Dirk Schekerka. Und auch er erlebt das neue Jahr bisher als ruhiger: „Wir sehen im Moment eine verhaltenere Ansprache als im Verlauf des letzten Jahres.“

          Equistone schloss im Jahr 2016 im deutschsprachigen Raum plus den Niederlanden 13 Transaktionen ab und stellte damit seinen Rekord aus dem Vorjahr ein. Das Haus arbeitet nicht nur an neuen Unternehmensübernahmen, sondern auch an Zukäufen für die bestehenden Unternehmen im Portfolio. Beide machten je 50 Prozent der derzeitigen Projekte aus, sagt Schekerka.

          Weiche Faktoren werden beutender

          Die Zukaufstrategie für die bestehenden Beteiligungen ist eine jener Strategien, mit denen sich Private Equity gerne als wertschaffender Faktor präsentiert – im Gegensatz zum verbreiteten Image, das die Investoren als renditehungrige Beutezügler sieht. Ebenso öffnen sich die Beteiligungshäuser dafür, als Partner in privat geführten Unternehmen zu dienen.

          „Es kommen nach unserer Beobachtung schon mehr Familienunternehmer und Private-Equity-Firmen zusammen als früher“, sagt Jörg Kirchner, Partner bei der Kanzlei Kirkland & Ellis. Er will noch nicht von einem Trend sprechen, aber: „Mehr Private-Equity-Unternehmen scheinen jetzt bereit, auch über Minderheitsbeteiligungen nachzudenken. Und mehr Familienunternehmer fassen Vertrauen in Private-Equity-Investoren.“

          Weiche Faktoren werden offenbar bedeutender. Oliver Felsenstein, Geschäftsführender Partner Deutschland bei der Kanzlei Latham & Watkins, sieht die Mitsprache der Beschäftigten als Vorteil: „In Deutschland werden Arbeitnehmervertreter frühzeitig eingebunden. Das schätzen ausländische Investoren zunehmend, weil ihr Einstieg in ein Unternehmen dadurch in der Regel reibungsloser umgesetzt werden kann und es zudem für die spätere Zusammenarbeit von Vorteil ist.“

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