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Investment : Die Angst vor dem Biotech-Absturz

Die Biotech-Firma Gilead aus Kalifornien ist führend in der Bekämpfung von Hepatitis C. Bild: AP

Die Aktienkurse von Biotechnologie-Firmen sind rasant gestiegen. Wenn das mal gutgeht.

          3 Min.

          Manchmal reichen ein paar Worte, um Aktienkurse zum Absturz zu bringen. Hillary Clinton, die Kandidatin der Demokraten für Amerikas nächste Präsidentenwahl, benötigte gerade einmal zwei Sätze, um Anleger auf der ganzen Welt in Unruhe zu versetzen: „Die Preissteigerungen bei manchen Medikamenten sind unerhört“, ließ sie ihre Anhänger vor einigen Wochen via Twitter wissen. „Ich werde einen Plan entwickeln, um dagegen vorzugehen.“

          Dennis Kremer

          Redakteur im Ressort „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Die Börse wartete die Details des Plans gar nicht mehr ab. Gleich danach brachen die Aktienkurse von Biotechnologie- und Pharma-Firmen ein. Man war schockiert. Seitdem haben sich die Kurse zwar wieder ein wenig erholt, aber immer noch ist die Unsicherheit unter Investoren groß.

          Alle fragen sich: Ist dies das Ende des fulminanten Aufschwungs, den Biotechnologie-Aktien in den Monaten zuvor hingelegt haben (siehe Grafik), platzt gar gerade eine Blase? Oder handelt es sich nur um eine kleine Delle auf dem Weg zu neuen Kursrekorden?

          Eine heiße Wette

          Wie stets an der Börse, kann dies niemand mit letzter Sicherheit wissen – sonst würde die Sache ja auch nur halb so viel Spaß machen. Doch einiges spricht dafür, dass sich die Kurse in näherer Zukunft nicht mehr so erfreulich entwickeln werden wie zuletzt. Anleger, denen der Zeitpunkt günstig erscheint, um ihre Biotech-Aktien oder Biotech-Fonds zu verkaufen (die Kurzform „Biotech“ hat sich als Bezeichnung durchgesetzt), sollten darum nicht zögern. Wer an dem Investment festhält oder gar neu einsteigt, muss wissen: Das ist eine ganz schön heiße Wette.

          Denn die Aktien dieser Unternehmen, die alle in irgendeiner Form Medikamente entwickeln, unterscheiden sich in einem Punkt deutlich von allen anderen Aktien, die an der Börse gehandelt werden: Mit normalen Finanzkennzahlen wie dem Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) lässt sich ihrer nicht Herr werden. Stattdessen entscheidet häufig allein der Erfolg oder Misserfolg eines einzelnen Wirkstoffs über Wohl und Wehe der gesamten Firma. Auch wenn dies kein Analyst so klar sagen würde: Ob man als Anleger auf die Aktie des richtigen Unternehmens setzt, ist darum zu erheblichen Teilen einfach nur Glück.

          Dies versteht man am besten, wenn man sich klarmacht, was Biotech-Firmen nicht sind – es handelt sich eben nicht um große Pharmakonzerne wie Bayer, die vom Verkauf vieler bewährter Medikamente wie Aspirin leben und seit Jahrzehnten gute Gewinne machen. Nein, Biotech-Unternehmen haben sich der Entwicklung neuer Medikamente verschrieben und nutzen dafür nicht die konventionelle Chemie, die zum Beispiel in Aspirin steckt, sondern biotechnologische Verfahren, meistens genetisch veränderte Enzyme. Oft geht es der ganzen Firma dabei um die Bekämpfung einer einzelnen Krankheit oder sogar nur um die Entwicklung eines einzigen neuen Medikaments. Eine solche Entwicklung kann aber nach jahrelanger Forschung noch scheitern. Selbst mit dem vielversprechendsten Wirkstoff lässt sich kein Geld verdienen, wenn er die Zulassungskriterien der Gesundheitsbehörden nicht erfüllt. Sogar nach etlichen klinischen Tests und überzeugenden Zwischenergebnissen kann dies noch passieren. Bis zum letzten Moment kann darum aus einem vermeintlich attraktiven Investment noch eine Riesenenttäuschung werden.

          „Anleger kauften alles, was irgendwie nach Medizin aussah“

          Selbst wenn alles gutgeht, erhalten Anleger die endgültige Bestätigung dafür erst nach langer Zeit: Sechs bis acht Jahre dauert es im Schnitt, bis ein Medikament seine Marktreife erreicht. Etwas unabhängiger von solchen Entwicklungen sind nur die wenigen großen Biotech-Firmen, die es auf der Welt gibt: Gilead aus Kalifornien, führend in der Bekämpfung von Hepatitis C, heißt die bekannteste von ihnen – lange Zeit eine Kursrakete, zuletzt jedoch mit Schwächen.

          Trotz aller Risiken sorgt sich aber kaum ein Experte, dass vielen Biotech-Firmen bald ein ähnliches Schicksal widerfahren könnte wie zur Zeit der Jahrtausendwende. Damals gingen die Aktienkurse solcher Firmen schon einmal durch die Decke, fielen dann aber in sich zusammen. „Es gab eine große Blauäugigkeit der Investoren“, erinnert sich Elmar Kraus, Branchenspezialist der DZ Bank. „An Risikobewusstsein fehlte es völlig.“ Mit anderen Worten: Die Anleger kauften alles, was irgendwie nach Medizin und Zukunft aussah, ohne zu prüfen, ob es dafür Erfolgschancen gab.

          Das hat sich glücklicherweise geändert. „Der aktuelle Kursaufschwung hat ein viel stabileres Fundament“, sagt Kraus. Der wichtigste Grund dafür: Noch nie ist es den Firmen gelungen, so viele Medikamente erfolgreich durch die Zulassungsverfahren zu bringen wie im vergangenen Jahr. Selten zuvor gab es außerdem so große Fortschritte im Kampf gegen schwere Krankheiten wie Multiple Sklerose. Das zeigt: Das jüngste Kursplus ist nicht nur heiße Luft.

          Dennoch sind die Aussichten nicht unbedingt glänzend. Dies hat auch mit einem interessanten Phänomen zu tun: Gerade in den Vereinigten Staaten trauten sich zuletzt wieder eine Menge Biotech-Firmen an die Börse, deren Medikamente sich noch in einem frühen Stadium befinden – die Gefahr, dass sie Anleger enttäuschen, ist hoch. Noch unangenehmer allerdings wäre es aus Sicht der Firmen, wenn Hillary Clinton die Debatte um überhöhte Medikamentenpreise verschärfen würde. Schließlich schmälert dies ihre Geschäftsaussichten beträchtlich. Auch deutschen Anlegern kann das nicht egal sein: Der amerikanische Biotech-Markt ist der mit Abstand größte der Welt. Wichtige europäische Investmentfonds wie der Pictet-Biotech oder der DWS Biotech haben darum rund 90 Prozent ihres Anlagegeldes in den Vereinigten Staaten investiert.

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