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Interview mit Andrew Bosomworth : Die Stunde der deutschen Aktien

  • -Aktualisiert am

Andrew Bosomworth ist Deutschland-Chef des Anleiheninvestors Pimco, der weltweit 1500 Milliarden Euro verwaltet Bild: Jockisch, Anna

Großinvestor Andrew Bosomworth spricht über die Gefahren der Zinswende, die Fehler der Notenbanken und die beste Strategie in der Krise.

          5 Min.

          Herr Bosomworth, wenn ich Ben Bernanke wäre, würden Sie mich beschimpfen oder mir danken? Der Chef der amerikanischen Notenbank Fed will die Märkte nicht weiter mit Geld fluten.

          Ich würde sagen: Ben, schau auf die Märkte! Die Reaktionen auf seine Ankündigung sind viel stärker, als wir das erwartet haben. Seit Mai sind bei typischen amerikanischen Darlehen die Finanzierungskosten - also die Monatsraten - um 25 Prozent gestiegen. Und das genau seitdem Bernanke angefangen hat, öffentlich über das Thema Zinserhöhung zu reden.

          Das wird nicht nur einen Bremseffekt auf den Immobilienmarkt haben, sondern über den Vermögenskanal auch auf Konsum und Investitionen. Nun sind überall die Kurse eingebrochen, logischerweise auch bei Gold und Aktien.

          Hat die Fed die Märkte zu wenig im Blick?

          Die Fed schaut ganz genau auf die Märkte, vielleicht zu viel. Von daher erwarte ich, dass sie die Dinge künftig wieder vorsichtiger angeht.

          Bernanke will die Geldpolitik schon von diesem Jahr an straffen. Werden bald auch die Leitzinsen steigen?

          Nicht unbedingt, die Fed hat nur gesagt, sie werde aufhören, monatlich für 85 Milliarden Staats- und Hypothekenanleihen zu kaufen. Aber das allein hat gereicht, um die Kurse auf breiter Front sinken zu lassen.

          Momentan hilft Ihnen der Anleihekauf massiv: Dadurch haben Pimco-Fonds zuletzt zweistellige Renditen erzielt.

          Theoretisch bedeuten die Fed-Käufe niedrigere langfristige Zinssätze und damit steigende Anleihenkurse. Aber es gibt auch weitere - von der Fed durchaus beabsichtigte - Konsequenzen der lockeren Geldpolitik:

          Durch die niedrigen Zinssätze bei Staatsanleihen entsteht bei Investoren der Drang, in risikoreichere Anlagen zu investieren. Die Nebenwirkung davon ist, dass Investoren zuletzt sehr viel Risiko eingegangen sind, um eine vernünftige Rendite zu generieren.

          Viele preschten in die Aktien- und Immobilienmärkte, bläht sich da eine Blase auf?

          Wenn die Fed ihre Politik fortsetzen würde, wäre das die logische Konsequenz. Momentan sehe ich an den Immobilienmärkten aber keine Blase. An einigen Orten sind die Preise extrem, in Singapur oder hier in München etwa.

          Aber wir sind weit entfernt von einem Crash wie damals 2008 - auch in Deutschland. Denn die Kreditvergabe für Immobilienkäufe läuft noch nicht heiß. Der Markt wurde eher leergefegt wegen der großen Ersparnisse. Zudem ist im Euroraum der Leitzins niedrig, und er wird es bleiben.

          Trotz der Fed-Ankündigung? Die Europäische Zentralbank EZB folgt ihr doch sonst immer gerne.

          Wenn Europa die Prognosen bezüglich des Wirtschaftswachstums erfüllt, dann werden wir - selbst wenn der Aufschwung in Amerika gelingt - einen unveränderten Leitzinssatz im Euroraum mindestens bis 2015 sehen.

          Was erwarten Sie für die Aktien?

          Da gibt es gegenläufige Faktoren: Die Fed erwartet eine Erholung der amerikanischen Wirtschaft, das bedeutet mehr Wachstum und ist gut für die Aktien. Aber wenn die Fed ihren Leitzins erhöhen würde, würden auch die Aktienkurse zunächst fallen.

          Ich denke aber, dass es langfristig positiv für die Aktien aussehen wird, weil das Wirtschaftswachstum zurückkommt. Allerdings erleben wir keine Boomjahre wie vor der Krise.

          Für Europas Wirtschaft heißt die Prognose: ein Plus von rund einem Prozent. Kann man da noch von Wachstum reden?

          Das ist bezogen auf die gesamte Volkswirtschaft, aber schauen Sie sich Deutschlands Dax-Unternehmen an: Die sind global aufgestellt, haben Aufträge von den schnell wachsenden Schwellenländern und können sich zu unglaublich günstigen Konditionen refinanzieren. Die haben gute Aussichten.

          Ist dies die große Zeit der Dax-Aktien?

          Ja, aber ich würde vorsichtig bleiben. Es könnte günstige Einstiegsmöglichkeiten geben, aber Aktien sind ein langfristiges Investment, die sollte man nicht nur aufgrund der Politik kaufen.

          Was wir momentan beobachten, ist eine exakte Korrelation: Alle Kurse gehen zusammen hoch und runter - Dax, Gold, Rohstoffe.

          Damit wäre die alte Regel hinfällig, das Geld breit zu streuen.

          Wir sind in einer Phase, in der sich die Kurse von den Fundamentaldaten abgekoppelt haben. Alle Marktteilnehmer haben sich stattdessen an die Liquidität der Notenbanken gekoppelt. Das führt dazu, dass gerade die fundamental schwächeren Staaten leiden.

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