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Interview : „In Osteuropa locken überproportionale Kurschancen“

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Nach einem guten Lauf droht Osteuropas Börsen zunächst eine Verschnaufpause. Langfristig stimmen aber laut Osteuropa-Experte Andreas Männicke die Perspektiven. In manchen Fällen winke sogar eine Kursverzehnfachung.

          Am Wochenende haben auch die Tschechen für einen Beitritt zur Europäischen Union im Jahr 2004 gestimmt. Da sich auch andere osteuropäische Länder bereits mit Ja entschieden haben und vermutlich auch die anderen Kandidaten noch nachziehen werden, ist mit den Referenden eine der wenigen letzten verblieben großen Hürden für die EU-Osterweiterung genommen.

          Die damit verbundene Aussicht auf einen anhaltenden Konvergenzprozeß und ein gemessen an dem EU-Durchschnitt vermutlich weiterhin überproportionales Wachstum lassen diese Börsen interessant erscheinen. Das bestätigt auch Andreas Männicke, Geschäftsführer der ESI East Stock Informationsdienste GmbH (Internet-Adresse: www.east-stock.de) und Mitherausgeber der Moskauer Börsenbriefe. Im FAZ.NET.Interview stellt er jedenfalls weitere Kursgewinne in Aussicht.

          Herr Männicke, von der Zustimmung in den Referenden ging zuletzt kein neuer Kursschub aus. Wie beurteilen sie aber unabgängig von diesem Ereignis die weiteren Kursaussichten in Osteuropa?

          Die Zustimmung war an den Märkten bereits erwartet worden und steckte folglich in den Kursen drin. Man muß das Ganze aber langfristig sehen und da sieht es unverändert gut aus. Die osteuropäischen Märkte werden in den nächsten Jahren weiter von dem über dem Schnitt in Westeuropa liegenden Wachstum sowie von einem im Zuge der EU-Aufnahme anhaltenden Kapitalzufluß profitieren. Kurszuwächse von zehn Prozent im Jahr sollten schon darstellbar sein, wobei dabei zu berücksichtigen ist, daß wir ja inzwischen allgemein bescheidener mit den Renditeerwartungen geworden sind. Vor allem aber ist mit einer besseren Entwicklung als an den westeuropäischen Aktienmärkten zu rechnen. Gleichzeitig weise ich aber darauf hin, daß die osteuropäischen Börsen nach dem zuletzt guten Lauf kurzfristig auch einmal auf einen Konsolidierungspfad einschwenken dürften.

          Gilt diese Prognose auch für die russische Börse?

          Ganz besonders. Zumindest war in den vergangenen Jahren als typisches saisonales Muster zu beachten, daß sich der Markt in den Sommermonaten eine Verschnaufpause gönnte. Dies ist mit der Urlaubszeit zu erklären, denn viele Broker und andere wichtige Marktteilnehmer sind dann ganz einfach nicht vor Ort. Ab Herbst dürfte es dann aber wieder rund gehen. Allerdings sind in diesem Jahr die im Dezember anstehenden Duma-Wahlen zu beachten. Diese könnten den dringend erforderlichen Reformprozeß etwas bremsen. Doch auch hier gilt: Mit der Aussicht auf weitere Zinssenkungen und einem Kurs-Gewinn-Verhältnis am Gesamtmarkt von rund sieben hat diese Börse langfristig noch immer sehr gute Kursaussichten. Dies sehen offenbar auch die mächtigen russischen Oligarchen so. Denn sie haben zuletzt ganz besonders stark gekauft und ihr Geld nicht mehr ins Ausland verfrachtet, was ein sehr positives Zeichen ist.

          Die Tschechen haben sich für den EU-Beitritt entscheiden. Wie beurteilen Sie dort die Kurschancen?

          Dieser Markt ist zuletzt schon sehr gut gelaufen und der PX50-Index ist alleine in diesem Jahr von 460 auf in der Spitze 581 Punkten gestiegen. Getrieben wurden die Kurse dabei auch von der Aussicht auf Privatisierungen bei wichtigen Unternehmen wie Unipetrol, CEZ und Cesky Telekom. Dies dürfte inzwischen aber ausreichend in den Kursen eskomptiert sein, weshalb ich zunächst von einer Konsolidierung ausgehe. In zwei bis drei Jahren kann ich mir aber schon vorstellen, daß der PX50 bis auf 700 Punkte steigt. Unter den etablierten Börsen der EU-Beitrittsländer ist aktuell die ungarische Börse mit einem Kurs-Gewinn-Verhältnis von neun am günstigsten bewertet.

          Die Börse der Beitrittsländer der ersten Welle machen uns wieder einmal vor, daß sich mit der EU-Konvergenz Geld verdienen läßt. Ist das nicht Anlaß genug, um bereits einen Schritt weiter zu gehen und auf die Kandidaten der zweiten Beitrittswelle zu blicken?

          Diese Märkte, wie etwa Bulgarien, Rumänien und Kroatien, bieten in jedem Fall auch sehr interessante Perspektiven. Langfristig, auf Sicht von fünf bis zehn Jahren, lauern hier überproportionale Chancen. Wir Glück hat, wird mit einigen Titeln sein Geld sogar Verzehnfachen können. Allerdings ist dabei derzeit noch die sehr geringe Liquidität dieser Märkte zu beachten. Das wiederum führt aber auch dazu, daß die Aktien dieser Länder noch nicht auf den Radarschirmen der Fonds zu finden sind, was zu einer niedrigen Bewertung führt.

          Was raten Sie einem Anleger, der die Intransparenz dieser Märkte scheut, aber trotzdem in Osteuropa mitmischen möchte?

          Dann rate ich neben der Alternative eines Index-Zertifikats immer dazu, einen Aktienkorb mit einigen der großen und liquiden osteuropäischen Werte zusammenzustellen. Da sind die Umsätze ausreichend hoch und die Entwicklung auf Unternehmensebene ist sehr gut nachvollziehbar. In ein ausgewogenes Osteuropa-Depot gehören Telekommunikationstitel wie Matav, TPSA und Cesky Telecom, Bankwerte wie OTP oder Bank Pekao, Versorger wie CEZ und natürlich Pharmatitel wie Pliva, Richter Gedeon und Egis.

          Was sind die größten Risiken, die diesen Märkten drohen?

          Neben der Notwendigkeit, noch die Korruption abzubauen und nie ganz auszuschließenden politischen Risiken drohen, wenn überhaupt, vor allem externe Gefahren. Eines der größten Probleme wäre es insbesondere, wenn die Konjunktur in Westeuropa nicht an Fahrt gewinnt, sondern in eine Rezession abgleitet. Bis zum EU-Beitritt sind die Risiken aus meiner Sicht aber sehr überschaubar.

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