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Interview : „In den nächsten Wochen steigen die Aktienkurse um 15 Prozent“

  • Aktualisiert am

Hendrik Leber ist Vermögensverwalter in Frankfurt Bild: Fritz Stockmeier / ACATIS

Der Vermögensverwalter Hendrik Leber schwimmt gerne gegen den Strom. Als Anhänger des Investors Warren Buffett sucht er überall nach Aktien, die unterbewertet sind. Finanzaktien beobachtet er genau, vor kurzem kaufte er BMW-Aktien.

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          Der Vermögensverwalter Hendrik Leber schwimmt gerne gegen den Strom. Als Anhänger des großen amerikanischen Investors Warren Buffett sucht er überall auf der Welt nach Aktien, die unterbewertet sind. Finanzaktien beobachtet er derzeit ganz genau, einige hat er schon gekauft. Lange war er ein Anhänger der Volkswagen-Aktie. Doch nun bevorzugt er BMW.

          Herr Leber, die Aktienkurse steigen heute deutlich in Frankfurt. Ist die Krise nun vorbei?

          Nein, sie ist natürlich noch nicht vorbei. Die Krise verläuft in mehreren Wellen. Wichtig ist dabei zu unterscheiden, von welcher Krise wir eigentlich sprechen: Von den Problemen der Banken, von Kreditrisiken im Unternehmenssektor oder von der Konjunkturabschwächung.

          „Amerika wird im Moment unterschätzt.” Hendrik Leber, Vermögensverwalter in Frankfurt und Chef von Acatis.

          Beginnen wir mit den Banken. Liegt da alles auf dem Tisch?

          In Amerika gehen wir langsam davon aus, dass alle Abschreibungen vollzogen worden sind. In Europa ist dies dagegen erst stellenweise passiert. Und ganz ruhig sind bisher die Asiaten geblieben. Aller Erfahrung nach ist es jedoch unwahrscheinlich, dass die Asiaten von der Krise in der Finanzbranche so gut wie gar nicht betroffen sind.

          Welche Kreditrisiken verbergen denn die Unternehmen?

          Wir hatten lange keine spektakuläre Pleite im Unternehmenssektor mehr. Ich glaube daher, dass in den nächsten ein oder zwei Jahren mal wieder ein ganz dicker Brocken wie etwa Chrysler kaputt geht. Derzeit unterschätzen die Märkte die Kreditrisiken, was zu extrem geringen Renditeabständen zwischen Unternehmens- und Staatsanleihen führt. Dieser Spread dürfte sich wieder normalisieren. Das passiert aber in der Regel nicht ohne eine stärkere Krise.

          Und was bringt die Konjunkturabschwächung in Amerika?

          Insbesondere einen schwächeren Dollar. Dieser führt dazu, dass exportorientierte Unternehmen in Amerika Vorteile im internationalen Wettbewerb bekommen, während europäische Unternehmen an Wettbewerbsstärke einbüßen. Die Verlangsamung in Amerika führt überdies zu fallenden Rohstoff- und Ölpreisen.

          Welche Börsen sind dieses Jahr am interessantesten?

          In Amerika erwarte ich sehr schnell eine Erholung der Kurse, Sorgen mache ich mir mittelfristig eher um Europa, die Kurse dürften seitwärts tendieren. Und Bauchschmerzen bereiten mir die Schwellenländer. Hier erwarte ich eine kräftige Erkältung.

          Wie reagieren Sie in ihren Fonds auf die Krise?

          Schon vor einem Vierteljahr haben wir amerikanische Finanzwerte gekauft. Davon profitieren wir momentan. Unser Engagement in den Schwellenmärkten haben wir weitgehend abgebaut. Und wir spekulieren nun darauf, dass sich die Wall Street in diesem Jahr besser entwickelt als die Börse in Schanghai. Auf die Differenz dieser Märkte setzen wir. Denn: Amerika wird im Moment unterschätzt.

          Was kaufen Sie denn derzeit in Amerika?

          Wir haben E-Trade gekauft, und wir beobachten alle Finanzinstitute, die nun radikal ihre Bilanzen säubern, wie Merrill Lynch oder Citigroup. Wir schauen auch auf die Kreditversicherer. Eigentlich ist es nicht vorstellbar, dass eines dieser Unternehmen untergeht.

          Und abseits der Finanzbranche?

          Gefallen uns alle Unternehmen gut, die ihr Geld sehr stark außerhalb von Amerika verdienen. McDonald's zum Beispiel oder Johnson & Johnson, Boeing, General Electric und Archer Daniels Midland.

          Wie verhalten Sie sich in Europa?

          Wir bauen unser Engagement zwar nicht weiter aus. Aber vor kurzem haben wir zum Beispiel BMW gekauft.

          Welche Schnäppchen sehen Sie im Dax?

          Allianz, Deutsche Bank und Münchener Rück - alle sind derzeit sensationell günstig. Oder Eon - warum fällt diese Aktie? Das macht gar keinen Sinn.

          Welche Ursache hat das?

          Offenbar haben in den vergangenen Tagen ganz mechanische Verkaufsstrategien die Börse dominiert. Da haben nur noch Maschinen und nicht mehr Menschen die Entscheidungen getroffen. Als stabilisierender Faktor fehlten zudem gerade am Montag viele Hedge-Fonds, weil in Amerika ein Feiertag war.

          Beruhigt sich denn nun die Lage am deutschen Aktienmarkt?

          Davon gehen wir aus. Nach vier bis acht Tagen Crash ist das rein statistisch so. Darauf deuten auch unsere Volatilitäts-Kennziffern hin. Kurzfristig sind diese hoch, langfristig aber nicht. Das zeigt: Die Nervosität sollte nach Ansicht von Händlern nicht lange anhalten.

          Und was bringt dieses Jahr noch? Steigt der Dax wieder über 8000?

          Da bin ich mir nicht so sicher. Gegen deutsche Unternehmen spricht die Entwicklung des Dollarkurses und eine mögliche Abschwächung in den Schwellenmärkten. Viele deutsche Unternehmen hängen daran inzwischen sehr stark. Außerdem erwarte ich künftig wieder stärkere Verteilungskämpfe. Schließlich haben deutsche Unternehmen in den vergangenen Jahren hervorragend verdient. Positiv dürfte die Unternehmenssteuerreform wirken. Unter dem Strich hält sich das vielleicht alles mittelfristig die Waage.

          Und kurzfristig?

          Klar ist: Von dem heutigen Niveau werden die Kurse sich kräftig erholen. In den nächsten sechs bis acht Wochen erwarten wir einen Kursanstieg von rund 15 Prozent.

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