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Interview : „Im Vergleich ist die ICBC nicht besonders günstig“

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Naumann: „Es könnten zwei Preise für dieselben Aktien entstehen” Bild: Roland Berger

Ivo Naumann, Bankenspezialist und Partner der Unternehmensberatung Roland Berger in Schanghai, im F.A.Z.-Interview zum Börsengang der Industrial & Commercial Bank of China, der größten Neuemission der Welt.

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          Der größte Börsengang der Welt übertrifft bislang die Erwartungen. Mehr als 100 Milliarden Dollar stellten Investoren seit Beginn der Woche für den Kauf der Aktien der Industrial & Commercial Bank of China (ICBC) zur Verfügung. Der Anteilsverkauf der chinesisches Staatsbank ist nicht nur aufgrund seines Volumens interessant: Es ist zugleich das erste Mal, daß eine chinesische Börsengesellschaft zeitgleich in Schanghai und in der chinesischen Sonderverwaltungsregion Hongkong auf das Parkett geht. Ivo Naumann, Bankenspezialist und Partner der Unternehmensberatung Roland Berger in Schanghai, erklärt die Besonderheiten der Handelsplätze, die nah beieinander liegen und sich doch fern sind. Der 37jährige blickt auf mehr als zehn Jahre China-Erfahrung zurück und berät viele internationale und chinesische Großbanken.

          Herr Naumann, warum geht ICBC, ein Aushängeschild Chinas, an zwei Märkten und nicht nur in der chinesischen Metropole Schanghai an die Börse?

          Natürlich hätte ICBC sagen können, als festlandchinesische Bank geht sie nur an den Finanzplatz Schanghai. Aus einem einfachen Grund aber wäre es nicht gegangen: Die Liquidität dort ist zu gering. Die Marktkapitalisierung liegt in Schanghai bei rund 600 Milliarden Dollar - und dies bei mehr als eintausend börsennotierten Unternehmen. Die drei größten amerikanischen Börsengesellschaften kommen summiert schon auf einen höheren Wert. Wenn Sie also, wie ICBC, rund 20 Milliarden Dollar an der Börse aufnehmen wollen, bleibt Ihnen gar nichts anderes übrig, als sich einen größeren Handelsplatz zu suchen.

          Warum wählte die ICBC dann überhaupt Schanghai?

          Dafür gibt es zwei Gründe: Zum einen dürfen in Hongkong keine Festlandchinesen kaufen. Denen aber muß die chinesische Regierung eine Möglichkeit bieten, sich an einem solchen Wert wie ICBC beteiligen zu können. Zum zweiten würde ein Börsengang ausschließlich jenseits der festlandchinesischen Grenze einem für China so prestigeträchtigen Unternehmen nicht gerecht. An einem solchen Wert muß natürlich auch der innerchinesische Finanzmarkt beteiligt werden. Die Börse in Shenzhen ist zu klein, es kommt daher nur Schanghai in Frage.

          Angesichts des großen Interesses an den Aktien der ICBC hätte der Staat die Anteile zu einem höheren Kurs verkaufen können. Mußte er auf die innerchinesischen Anleger Rücksicht nehmen, so daß die Ausländer nun vom günstigen Einstiegspreis profitieren?

          Im Vergleich zu führenden internationalen Großbanken ist der erwartete Einstiegspreis der ICBC gar nicht besonders niedrig. Die erwartete Bewertung spricht immer noch für eine sehr positive Einschätzung seitens der Anleger. Mit Rücksicht auf die Anleger in China hat dies auch weniger zu tun, es geht darum, daß ein Börsengang dieser Größe eine Herausforderung für den Kapitalmarkt in Schanghai darstellt und die Investmentbanken sicherstellen möchten, daß er auch erfolgreich abläuft.

          Warum hat es so lange gedauert, bis es zur ersten zeitgleichen Notierung an beiden chinesischen Märkten kommt?

          Bis zum Frühjahr war die chinesische Börse vier Jahre lang nur auf Talfahrt - da können Sie keinen Börsengang mit einer solchen Bedeutung wagen. Zuletzt waren Erstnotizen ja sogar über zwölf Monate untersagt, weil der Markt sie nicht mehr hätte aufnehmen können. Nun zeigt die Börse in China wieder eine extrem erfreuliche Entwicklung. Dies erscheint also als der rechte Moment auch für ein so großes Vorhaben.

          Wo liegen die Hürden für einen dualen Börsengang?

          Das Unternehmen muß sich auf zwei verschiedene Regelwerke, zwei verschiedene Börsenaufsichten einstellen.

          In China kommt aber noch die unterschiedliche Preisentwicklung in regulierten Märkten hinzu...

          Hier liegt die Herausforderung. Theoretisch können sich die Preise für ein und dieselbe Aktie in Hongkong und Schanghai unterschiedlich entwickeln. Zwischen anderen Ländern würde die Differenz innerhalb von Sekunden oder Minuten ausgeglichen. Hier aber geht das nicht, da die jeweils eine Seite nicht am jeweils anderen Ort darf. Aufgrund der Kapitalverkehrskontrollen dürfen diejenigen, die in Schanghai investieren, nicht auch in Hongkong kaufen. So könnten zwei unterschiedliche Preise für dieselben Aktien entstehen.

          Zwei verschiedene Preise würden Arbitragegeschäften Tür und Tor öffnen...

          Nur dann, wenn Gelder über die Landesgrenzen transferiert werden könnten. Ausländer haben aber kein Recht, am Markt in Schanghai zu kaufen, mit Ausnahme einiger Großbanken, die bestimmte Kaufquoten zugeteilt bekommen haben. Insofern kann niemand die Aktie in einem Markt zu einem günstigen Kurs erwerben, um sie im anderen dann mit Gewinn wieder zu verkaufen.

          Können die ausländischen Großbanken entsprechend handeln?

          Rein theoretisch könnten sie am niedriger bewerteten Markt kaufen. Sie können dann aber nur darauf spekulieren, daß sich die Preise langfristig auf dem höheren Niveau einpendeln. Aus dem Land bringen und direkt am höher bewerteten Ort verkaufen können auch sie die Aktien nicht.

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