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Interview : Eliot Spitzers Kreuzzug für die Rechte der Anleger

  • Aktualisiert am

Mischt Wall Street gehörig auf: Eliot Spitzer Bild: AP

Im Gespräch mit BusinessWeek erklärt der Generalstaatsanwalt von New York, Eliot Spitzer, warum an Wall Street eine gründliche Säuberung nötig ist.

          3 Min.

          Eliot Spitzer, der streitbare Generalstaatsanwalt des Bundesstaates New York, ließ am 8. April eine Bombe hochgehen, als er eine Reihe von internen E-Mails zwischen Mitarbeitern der Research-Abteilung von Merrill Lynch veröffentlichte. Spitzers Aussage zufolge sind diese E-Mails ein eindeutiger Beweis dafür, dass die Analysten Aktien empfohlen haben, an die sie selbst nicht geglaubt haben. Obwohl Merrill zunächst erklärt hatte, die Nachrichten seien aus dem Zusammenhang gerissen, entschuldigte sich Merrill Lynch-Chef David H. Komansky am 26. April bei Aktionären und Kunden für das Verhalten des Unternehmens.

          Seither sah sich Spitzer massiven Vorwürfen von der Wall Street, den Aufsichtsbehörden und anderen Politikern ausgesetzt, die seine Untersuchung als „eigennützig“ oder gar als „Hexenjagd“ bezeichnet haben. Im Gespräch mit BusinessWeek verteidigt der 42-Jährige seine Untersuchung und philosophiert darüber, was seiner Meinung nach an der Wall Street nicht in Ordnung ist.

          Kürzlich sagten Sie von ihrem ehemaligen Vorgesetzten Edward F. Stancik, der legendäre Ermittler habe fest daran geglaubt, dass das Sonnenlicht ein hervorragendes Desinfektionsmittel sei. Das scheint die passende Beschreibung dessen zu sein, was Sie im Moment an der Wall Street versuchen - alles an die Öffentlichkeit zu zerren, um danach die Ordnung wieder herzustellen.

          Genau das versuche ich zu tun. In gewissem Sinne sind die von uns befürworteten Maßnahmen das „Sonnenlicht“. Wir wollen es den Anlegern ermöglichen, tatsächliche und potenzielle Interessenkonflikte zu durchschauen. Das Sonnenlicht allein reicht jedoch nicht aus; wir dürfen uns nicht mit der bloßen Aufdeckung des Problems zufrieden geben. Wir müssen über die von der National Association of Securities Dealers [NASD] vorgeschlagenen Regelungen hinausgehen und mehr strukturelle Änderungen ins Auge fassen. Wir wollen eine Pufferzone zwischen den Analysten und den Investmentbanking-Gebühren schaffen.

          In diesem Zusammenhang ist noch ein weiteres Problem zu lösen: Wie schützt man die Analysten vor dem Druck, der unweigerlich von der Investmentbanking-Abteilung ihrer Firma auf sie ausgeübt wird?

          Muss man nicht auch überlegen, wie man die Analysten vor dem Druck durch die von ihnen analysierten Unternehmen schützen kann?

          Richtig. Es gibt hier viele potenzielle Konfliktpunkte. Wenn ich Unternehmen X bin und mich an eine Investmentbank wende, weil ich möchte, dass sie meine Emission übernimmt, kann ich implizit oder explizit sagen: „Was wird Ihr Analyst über mich schreiben?“ Ich habe mit mindestens 100 Investmentbankern und CEOs gesprochen, die den Druck von beiden Seiten erlebt haben.

          Beispielsweise haben mir einige CEOs erzählt: „Als sie sich bei mir um den Auftrag bewarben, boten sie mir ein Strong Buy an, falls sie die Zusage erhielten.“ Manchmal geht der Druck von der Investmentbank aus, manchmal setzt der potenzielle Kunde Druckmittel in den Verhandlungen ein: „Wenn Sie mit mir ins Geschäft kommen wollen, müssen Sie auch etwas bieten.“

          Die entscheidende Frage lautet: Wie können wir die Analysten so isolieren, dass die Aufrichtigkeit ihrer Berichte gesichert ist?

          Wissen Sie eine Lösung?

          Wir haben mit Merrill eine ganze Reihe von Punkten durchdiskutiert - wir hatten ein paar Ideen, und sie haben auch ein paar Ideen. Ich bin der Meinung, dass die Leute in dieser Branche - die damit leben und die sich damit auskennen - mindestens so viele kreative Ideen wie ich haben müssten. Wir haben uns nicht geeinigt und im Moment ist auch keine Einigung abzusehen, wir haben aber durchaus nützliche Gespräche geführt. [Spitzer will nicht weiter ins Detail gehen.]

          Können Sie die Verhandlungen mit Merrill charakterisieren? Waren sie zu irgendeinem Zeitpunkt feindselig?

          Ich würde es nicht feindselig nennen. Unsere Meinungen gingen zwar in wichtigen Punkten weit auseinander, aber dennoch kenne und respektiere ich diese Leute. Diese Anwälte sind Freunde und Kollegen von mir.

          Bevor wir vor Gericht gingen, führten wir eine Zeitlang Verhandlungen und konnten zu keiner Einigung mit Merrill gelangen. Einer der entscheidenden Konfliktpunkte waren die E-Mails - Merrill Lynch sträubte sich gegen eine Veröffentlichung.

          Ich bestand darauf, dass die E-Mails auch im Fall einer Einigung veröffentlicht werden müssten - um eine systematische Reform durchsetzen zu können, mussten die E-Mails an die Öffentlichkeit gelangen. Nur mit den E-Mails konnten wir die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit erregen und den Aufsichtsbehörden klar machen, was hier vor sich ging. Die Mails lieferten den Beweis für ein Problem, das viele vermutet hatten, aber bisher nie beweisen konnten.

          Im zweiten Teil des Interviews äußert sich Eliot Spitzer über seine nächsten Schritte und über den offensichtlichen „Sittenverfall“ an der Wall Street.

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