https://www.faz.net/-gv6-rzsy

Interview : „Die Korrektur kann noch Wochen andauern“

  • Aktualisiert am

Ed Clissold, Ned Davis Research Bild: Privat

Nach einem längeren guten Lauf verbuchen die internationalen Börsen deutliche Kursverluste. FAZ.NET unterhielt sich mit Ed Clissold über die Frage, wie es weitergehen wird. Er ist Senior Global Analyst bei Ned Davis Research.

          Nach einem guten Lauf über mehrere Monate befinden sich die internationalen Börsen nun schon seit mehreren Wochen in einem Konsolidierungsmodus. Insbesondere an Schwellenländermärkten kommt es zu zum Teil deutlichen Kursverlusten.

          Nun stellt sich die Frage, wie es weitergehen wird. FAZ.NET unterhielt sich darüber mit Ed Clissold. Er ist Senior Global Analyst bei Ned Davis Research. Das Unternehmen selbst bedient Kunden - unter anderem auch verschiedene Hedge Fonds - aus mehr als 30 Ländern mit ökonomischen und vor allem auch quantitativen oder technischen Marktanalysen.

          Die internationalen Finanzmärkte zeigen sich seit in paar Wochen nun nervös, nachdem sie zuvor einen guten Lauf hatten. Wo liegen die Ursachen dafür?

          Dafür sind erhöhte Inflationssorgen verantwortlich, die unter anderem im Zusammenhang mit dem Wechsel an der Spitze der amerikanischen Zentralbank zu Ben Bernanke eine Rolle spielen. Bernanke ist bekannt für das Konzept der Inflationsziele, das mit Blick auf die anziehenden Verbraucherpreise im Kernbereich zur Vermutung geführt haben, die Zinsen in Amerika könnten weiter steigen. Gleichzeitig gibt es Anzeichen dafür, daß die amerikanische Konjunktur sich abschwächt. Zusammen genommen haben steigende Zinsen in Verbindung mit abnehmendem Gewinnwachstum negative Implikationen für die Aktienkurse.

          Das ist der Blick auf Amerika. Sind die internationalen Märkte so stark abhängig von der amerikanischen Entwicklung, daß sie ebenfalls nachgeben?

          Nicht nur. Global betrachtet läuft gerade so etwas wie ein „Geldverknappungszyklus“ ab: Die Europäische Zentralbank hat den Leitzins in der vergangenen Wochen zum dritten Mal in Folge auf 2,75 Prozent angehoben, die japanische Zentralbank hat ihr „quantitativ easing“ beendet und bereitet die Märkte auf eine Ende der Null-Prozent-Zinspolitik vor, Kanada könnte den Leitzins in Verbindung mit einem angespannten Arbeitsmarkt weiter nach oben schrauben, in Südkorea, Indien, der Türkei und sogar in Südafrika gab es überraschende Zinserhöhungen. Gleichzeitig waren einigen Märkte - insbesondere auch im Rohstoffbereich - zuletzt sehr gut gelaufen. Auf dieser Basis dürfte eine Korrektur nicht ungewöhnlich erscheinen.

          So betrachten sie die jüngsten Kursverluste als eine Korrektur und nicht als eine Trendwende?

          Wir halten es für möglich, daß sich diese Entwicklung bis ins vierte Quartal hinziehen wird. Das leitet sich unter anderem aus dem Blick auf die Vereinigten Staaten ab, wo sich die Märkte in den Quartalen vor Wahlen in der Regel saisonal schwach zeigen. Das gilt insbesondere für die Papiere kleiner und mittlerer Unternehmen. Aus diesem Grund haben wir Aktien und Anleihen unter- und „Cash“ übergewichtet.

          Das heißt, Sie warten auf neue Kaufgelegenheiten?

          Ja, wir denken daß die längerfristigen Themen - wie etwa Energie und Rohstoffe - noch nicht voll „ausgespielt“ sind. Allerdings sind Indikatoren wie die Markttiefe und andere noch nicht so negativ, daß wir sie gegenwärtig als Kaufargumente werten würden. So sind wir bis auf weiteres für eine anhaltende Marktschwäche positioniert.

          Welche Argumente würden eine Rolle spielen, um die Meinung zu ändern?

          Neben verschiedenen technischen Indikatoren beobachten wir unter anderem, wie sich die Zentralbanken weiter verhalten werden, ob die Preise über ihre kritischen Marken steigen et cetera.

          Was denken Sie über Japan?

          Langfristig bleiben wir optimistisch für die Wirtschaftsentwicklung und damit auch für die japanische Börse. Das Land scheint die deflationäre Entwicklung der vergangenen Jahre überwunden zu haben und die der vergangenen Monate deuten darauf hin, daß die negativen Trends im Konsum, bei der Arbeitslosigkeit, bei der Kreditentwicklung und anderen zum besseren hin gebrochen wurden.

          Halten Sie es für möglich, daß sich die asiatischen und europäischen Staaten anhaltend positiv entwickeln können, wenn die amerikanische Konjunktur nachlassen sollte?

          Letztendlich betrachten wir eine globale Wirtschaft, in der sich eine nachlassende Dynamik in Amerika entsprechend bemerkbar machen wird.

          Wenn Sie eine Asset Allocation machen müßten, wie würden Sie sich gegenwärtig positionieren?

          Längerfristig favorisieren wir unter regionalen Aspekten immer noch Japan und unter Berücksichtigung des Rohstoffthemas Australien und Kanada. Allerdings dürften diese Märkte in den kommenden Wochen im Rahmen der allgemeinen Korrektur ebenfalls zu leiden haben.

          Welche Art von Aktien würden Sie präferieren?

          Die Papiere großer Unternehmen sind günstiger als jene der kleineren. Wir würden uns ensprechend positionieren.

          Weitere Themen

          Herbe Enttäuschung von Netflix

          Konkurrenz lauert : Herbe Enttäuschung von Netflix

          Der Videodienst gewinnt weniger Kunden als erwartet. Auf seinem Heimatmarkt schrumpfen die Abonnentenzahlen sogar. Die Aktie verliert deutlich an Wert, denn die Sorgen werden auch in Zukunft nicht weniger.

          Topmeldungen

          Gefährliche Hitzewelle : Amerikas Sommer der Extreme

          In vielen Gegenden Amerikas herrschen derzeit gefährlich hohe Temperaturen. Städte wie New York müssen sich in Zukunft auf noch extremere Sommer einstellen, warnen Klimaforscher.

          Attacke von Tony Blair : „Johnson ist kein Dummkopf“

          Der frühere britische Premierminister Tony Blair sieht einer möglichen Regierung von Boris Johnson kritisch entgegen. Die CDU wiederum könnte sich vorstellen, dass Johnson positiv überrascht.
          Weiß, was uns fehlt: ARD-Hauptstadtkorrespondentin Kristin Joachim.

          Klimahysterie im Ersten : Wir müssen gezwungen werden!

          Von der ARD lernen heißt, gehorchen lernen. Den Eindruck bekommt man, wenn man abends die „Tagesthemen“ einschaltet oder morgens das Radio. Da werden Vorschriften gemacht, dass es nur so kracht.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.