https://www.faz.net/-gv6-36xt

Interview : „Deutschland ist reich, fett und faul“

  • Aktualisiert am

Nicht gut auf Deutschland zu sprechen: Rüdiger Dornbusch Bild: ZfU-Zentrum für Unternehmungsführung AG

Die Weltwirtschaft hängt am Tropf der USA. Aus Europa sind keine Impulse zu erwarten, sagt Ökonom Rüdiger Dornbusch im FAZ.NET-Interview.

          3 Min.

          Die Weltwirtschaft hängt an der Entwicklung in den USA, denn weder aus Europa noch aus Japan sind positive Impulse zu erwarten, sagt Rüdiger Dornbusch, Ökonomieprofessor am Massachusetts Institute of Technology (MIT).

          Dabei ist er mit Blick auf Europa insbesondere nicht gut auf Deutschland zu sprechen. FAZ.NET befragte ihn am Rande einer internationalen Kapitalanlegertagung in Zürich.

          Herr Dornbusch, die Welt befindet sich in einer Rezession. Die amerikanische Notenbank hat die Leitzinsen dramatisch gesenkt, um gegenzusteuern. Wie geht es weiter?

          Es gibt zwei Szenarios. Im Zentrum steht die Erwartung, dass in den USA im zweiten Quartal der Aufschwung einsetzen und die US-Wirtschaft mit Wachstumsraten um 3,5 Prozent ins Jahr 2003 gehen wird. Hauptsächlich getrieben von überfälligen fiskalischen Maßnahmen und einem Jahr mit Zinssenkungen. Die Wahrscheinlichkeit dafür liegt bei 70 Prozent.

          Die zweite Variante ist eher ernüchternd. Eine schwache Weltwirtschaft und anhaltende rezessive Effekte bringen mehr Arbeitslosigkeit, beeinflussen das Konsum- und Investitionsklima negativ und schwächen so den Aufschwung und zögern ihn immer weiter hinaus. Hier liegt die Wahrscheinlichkeit bei etwa 30 Prozent.

          Nehmen wir die optimistische Variante - ist die realistisch?

          Die Finanzmärkte gehen momentan davon aus, dass wir einen Superaufschwung mit stark steigenden Unternehmensgewinnen haben werden. Ich denke, sie werden enttäuscht werden. Denn der Aufschwung wird zwar kommen, aber nicht so stark, wie angenommen.

          Die Börsen sind in den vergangenen Monaten stark gestiegen. Würden Sie als Anleger jetzt Aktien kaufen?

          Ich wäre sehr vorsichtig. Ganz nach dem Motto „Buy the rumour and sell the fact“ dürfte es bei Anzeichen für enttäuschendes Wachstum zu Kursverlusten kommen. Ich würde eher in den Rentenmarkt investieren. Denn im Extremfall wird die amerikanische Notenbank die Leitzinsen sogar auf Null senken, da die Inflation bei anhaltendem Produktivitätswachstum kein Problem sein dürfte.

          Es gibt Vorwürfe, die Fed produziere eine neue Bubble am Aktienmarkt.

          Die Frage ist doch, ob sie mit hohen Zinsen eine stabilere Weltwirtschaft erreicht hätte. Sie möchte die Finanzmärkte bei Laune halten, um nicht wie Japan zu enden. Das ist wichtig, denn hier liegen auch die entscheidenden Unterschiede zwischen Europa und den USA. Die Amerikaner sind bereit, eine Rezession mit allen Mitteln zu bekämpfen, solange die Inflation unter Kontrolle bleibt. In Europa dagegen fürchtet man vorab die mögliche Inflation oder eine Aktienmarktblase, die später irgendwann entstehen könnten.

          Sie haben das Stichwort Japan geliefert ...

          Die Situation dort ist ein Desaster, das Land ist einfach bankrott. Es gibt keine Anzeichen dafür, dass es aus der Rezession herauskommen könnte. Dazu hat es ein zweistelliges Budgetdefizit und Schulden in Höhe von 250 Prozent des Inlandsproduktes. Eine Yenabwertung ist keine Lösung, bei 145 Yen gegen Dollar dürfte das Ende der Fahnenstange erreicht sein. Denn die ausländischen Anleger würden sich bei einer Abwertungspolitik in Sicherheit bringen, mit ihren Verkäufen die Börse drücken und damit die Bilanzprobleme der Banken und Versicherungen verstärken.

          Gibt es einen Ausweg?

          Ich sehe nur den, dass die Regierung Aktien kauft. Damit würde sie das Wirtschaftsvertrauen verbessern und vielleicht die Wirtschaft wieder beleben. Ich hätte kein Problem damit, wenn sie den Nikkei um 50 Prozent nach oben kaufen würde. Vertrauen ist das Wichtigste.

          Von Europa erwarten Sie wohl nicht allzu viele wirtschaftliche Impulse?

          Das europäische Schwergewicht ist Deutschland. Und das ist reich, fett und faul - ein Alptraum. Hier wird die Wirtschaft nicht von den Managern geleitet, sondern von den Arbeitnehmerinteressen. Rendite und Gewinnmargen bei Unternehmen haben nicht die oberste Priorität. Der Arbeitsmarkt ist völlig unflexibel. Alles wird überlagert von den Bürokraten, die das Geld nur so verschwenden.

          Anzeichen für radikale Reformen sind nicht auszumachen. Denn das Parlament wird von Leuten dominiert, zum Beispiel von Lehrern, die noch nie im Leben richtig gearbeitet und sich längst von der Realität abgekoppelt haben. Selbst ein möglicher Kanzler Stoiber würde nichts ändern, denn dessen Politik würde genauso aussehen wie die von Schröder. Ohne Impulse aus den USA wird die verbliebene Dynamik erodieren, das Wachstum wird immer mehr gegen Null tendieren.

          Ein paar Worte zu den Emerging Markets ...

          Meine Favoriten sind Brasilien, China und Russland. Brasilien macht nicht dieselben Fehler wie Argentinien und befindet sich auf einem guten Weg. In Mexiko ist der Peso viel zu hoch bewertet. Er dürfte korrigieren. China hat alle Trümpfe in der Hand. Das Land ist reich, dynamisch und die politische Führung ist smart. Dort herrscht das kreative Chaos, das aber zu hohen Wachstumsraten führt. Russland hat zwar in der Vergangenheit fast alles falsch gemacht, was es konnte. Unter Putin ist es jetzt allerdings auf gutem Weg und wird künftig auch ausländische Investoren anlocken können. Es ist von seiner wirtschaftlichen Größe und Bedeutung mit Brasilien vergleichbar.

          Weitere Themen

          Dollar hilft Schwellenländern

          Anleihen : Dollar hilft Schwellenländern

          Anleihen aus Schwellenländern versprechen hohe Zinsen - verlockend, wäre da nicht der Wechselkurs. Doch ein neuer Abwertungszyklus des Dollar könnte sie interessant machen.

          Topmeldungen

          Franziska Giffey: Möchte die Berliner mit dem Thema Innere Sicherheit überzeugen.

          Parteitag der Berliner SPD : Giffey will es wissen

          Auf dem ersten hybriden Parteitag der Berliner SPD wirbt die Bundesfamilienministerin für ihre Führungsrolle in der Hauptstadt. Zu ihrer Doktorarbeit sagt sie nichts. Nun kommt es darauf an, wie stark ihre Partei sie machen will.
          Ein AfD-Mitglied beim Landesparteitag der AfD Rheinland-Pfalz am vergangenen Wochenende

          Vor dem Parteitag : Die AfD trifft sich im Wunderland

          Rund 600 Delegierte wollen auf dem Gelände des einstigen Kernkraftwerks in Kalkar über ein Rentenkonzept debattieren – unter strikter Einhaltung der Maskenpflicht, sonst droht ein Abbruch.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.