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Internet : Wett-Aktien im Sturzflug

  • Aktualisiert am

Das darf nicht sein: Werbung für Wettanbieter Bild: picture-alliance/ dpa

Der Chef von BetOnSports wird verhaftet, Betandwin darf nicht auf den Trikots der Bundesliga werben und schickt außerdem eine Gewinnwarnung. Die Aktien der Wettanbieter im Internet fallen noch schneller, als sie gestiegen sind.

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          Wenn so viele schlechte Nachrichten auf einmal eintreffen, ist das einfach zu viel für eine Branche, die vor einigen Monaten noch zu den Überfliegern an der Börse gehörte: Anklage wegen bandenmäßigen Betrugs gegen BetOnSports, eine Gewinnwarnung von Betandwin, Querschüsse aus der Politik in den Vereinigten Staaten und Unterlassungsverfügungen gegen Trikotwerbung in Deutschland - die Internet-Wettanbieter haben derzeit einiges zu schlucken.

          Die Kursreaktionen vom Dienstag in London zeigen, wie die Börse die Krise sieht: Partygaming (Isin GI000A0ERMF2) minus 17,3 Prozent auf 85,25 Pence, Sportingbet (GB0009516252) minus 35,5 Prozent auf 182 Pence, Leisure & Gaming (GB00B071S784) minus 22,7 Prozent auf 71,5 Pence, 888 Holdings (GI000A0F6407) minus 12,7 Prozent auf 168,5 Pence. BetOnSports (GB00B01CDB60), Auslöser des jüngsten Ausverkaufs, wurde nach einem Minus von 16,7 Prozent auf 122,50 Pence vom Handel ausgesetzt.

          Betandwin-Aktie stürzt ab

          Dem Abwärtssog konnten sich auch die deutschen Wettanbieter wie BetOnUSA (DE000A0B9212), Fluxx (DE0005763502), Tipp24 (DE0007847147), Bet-at-home.com (DE000A0DNAY5) und Sportwetten.de (DE0005488514) nicht entziehen. Am Mittwoch konnten sich manche Titel minimal erholen, für andere ging es weiter nach unten.

          Verlierer I: BetOnSports
          Verlierer I: BetOnSports : Bild: FAZ.NET

          Richtig bergab geht es mit dem in Wien kotierten Sportwetten-Unternehmen Betandwin.com (AT0000767553). Schon am Dienstag verbuchte die Aktie einen Kursverlust von 23,8 Prozent auf 41,42 Euro. Am Mittwoch ging es weitere 18,6 Prozent runter auf 33,71 Euro. Seit ihrem Rekordhoch von Anfang Mai hat die Aktie damit in nur zweieinhalb Monaten zwei Drittel ihres Wertes verloren.

          Das Unternehmen mußte in einer Pflichtmitteilung verkünden, daß „aufgrund der starken Marketinginvestition ein signifikanter Ebitda-Abgang im zweiten Quartal“ zu erwarten sei. Bloomberg meldet gar, daß Betandwin für das zweite Quartal einen Verlust wird vermelden müssen. Dazu kommt das Verbot für 1860 München, für Betandwin oder „bwin.de“ zu werben. Der Fußballklub muß das Logo vom Trikot entfernen (siehe auch: „Löwen“ müssen Werbung vom Trikot entfernen). Die örtlichen Behörden gehen auch gegen Werder Bremen vor, die den gleichen ihrer Meinung nach illegalen Wettanbieter als Trikotsponsor haben (siehe auch: Trikotwerbung: Illegaler Wettanbieter auf der Brust?).

          BetOnSports-Chef festgenommen

          BetOnSports-Chef David Carruthers war am Montag bei der Durchreise am Flughafen Dallas von amerikanischen Bundesbeamten festgenommen worden, wie das Unternehmen mitteilte. Gegen ihn und BetOnSports wurde Anklage wegen bandenmäßigen Betrugs erhoben.

          Davon unabhängig untersagte ein Gericht BetOnSports in einem Zivilrechtsprozeß, in den Vereinigten Staaten Wetten anzunehmen. Von amerikanischen Kunden eingezahlte Guthaben muß das Glücksspielunternehmen zurückerstatten. Dies entspricht nahezu drei Vierteln der Einzahlungen von 48,3 Millionen Dollar, die Betonsports im ersten Quartal zuflossen.

          In den Vereinigten Staaten wird Online-Glücksspiel als illegal eingestuft, und die Politik hat damit begonnen, gegen die wachsende Branche durchzugreifen. Inzwischen erzielen Glücksspiel-Seiten weltweit einen Umsatz von zwölf Milliarden Dollar (9,6 Milliarden Euro) im Jahr.

          Repräsentantenhaus gegen Internet-Kasinos

          Das amerikanische Repräsentantenhaus verabschiedete vergangene Woche eine Regelung, die Kreditkartengesellschaften untersagen würde, Kundengelder an Internet-Kasinos weiterzuleiten. Allerdings muß hier noch der Senat zustimmen, und dort waren ähnliche Vorstöße in der Vergangenheit gescheitert.

          Die Vereinigten Staaten sind für Sportwetten ein riesiger Markt, einige Unternehmen erzielen dort den größten Teil ihres Gewinns. So erwirtschaftet PartyGaming im jüngsten Geschäftsjahr in dem Land über 80 Prozent des Umsatzes. Bei Sportingbet und 888 Holdings, dem größten Online-Casino der Welt, waren es immer noch rund 55 Prozent.

          „Die Branche war sich der Risiken des Geschäfts bewußt“

          „Die Online-Glücksspiel-Branche war sich der Risiken des Geschäfts mit amerikanischen Kunden bewußt. Ihr war klar, daß es illegal sein könnte“, sagte Anand Doobay, Partner der Anwaltskanzlei Peters & Peters in London. „Die Unternehmen haben sich bislang aber damit beruhigt, daß die Vereinigten Staaten keine großen Anstalten machten, strafrechtliche Schritte zu unternehmen. Dies ist ein Alarmsignal.“

          Doobay verwies darauf, daß Internet-Glücksspiel in Großbritannien nicht verboten sei. Nach seiner Ansicht könnten einige Verhaltensweisen der Betroffenen jedoch auch dort als Straftat gewertet werden, beispielsweise als gemeinschaftlicher Betrug.

          Bleibt die Frage, ob sich auch die Anleger der Risiken bewußt waren. Die Fälle Betandwin und BetOnSports haben auf den ersten Blick nichts miteinander zu tun, auf den zweiten aber schon: Die Wettanbieter bekommen Ärger mit den Behörden. Für die Aktionäre heißt das: Finger weg! Erst wenn die rechtliche Situation geklärt ist, läßt sich klarer sehen. Im Moment jedenfalls scheinen sich die optimistischen Prognosen der Branche nicht halten zu lassen.

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