https://www.faz.net/-gv6-vbih

Internet : Microsoft übernimmt: Kurssprung für Yahoo-Aktie

  • Aktualisiert am

Bild: AP

Microsoft über nimmt Yahoo und zahlt 31 Dollar je Aktie. Dies verhilft letztere zu einem enormen Kurssprung. Doch noch ist nicht sicher, wer außer den Yahoo-Aktionären profitiert. jetzt ist erst einmal der Krieg um den Online-Werbemarkt eröffnet.

          5 Min.

          Der Krieg ist eröffnet. Und der alte Fuchs konnte kaum einen besseren Zeitpunkt wählen, um in die Offensive zu gehen. Mit dem Übernahmeangebot für den Internet-Konzern Yahoo! überrascht der Software-Gigant Microsoft am Freitagvormittag die Märkte, die dies gleich zum Anlass nehmen, noch ein bisschen mehr optimistisch zu sein als sie es ohnehin schon zu Handelsbeginn waren.

          Pro Yahoo!-Aktie will der Software-Konzern 31 Dollar zahlen, einen Aufschlag von 62 Prozent auf den Schlusskurs vom Donnerstag. Der Wert der Transaktion liege bei 44,6 Milliarden Dollar, teilte Microsoft am Freitag in Redmond mit. Bezahlt werden soll zur Hälfte in bar und zur anderen Hälfte in eigenen Aktien. Das Geschäft soll noch im zweiten Halbjahr abgeschlossen werden. Mit dem Yahoo!-Management sei man bereits in Kontakt getreten.

          Geschenk des Himmels für Yahoo-Aktionäre

          Die Yahoo!-Aktien legten nach Bekanntgabe des generösen Angebots vorbörslich um 53 Prozent auf 29,42 Dollar zu bzw. an den europäischen Handelsplätzen um aktuell 56 Prozent auf 19,86 Euro.

          Denn für die Yahoo-Aktionäre ist das Angebot ein Geschenk des Himmels, denn von Erfolgen waren sie in der jüngsten Vergangenheit nicht eben verwöhnt. Am Mittwoch enttäuschte das Unternehmen wieder einmal mit Zahlen und Ausblick. Im vierten Quartal gab es einen Gewinnrückgang auf 205,7 Millionen Dollar nach 268,7 Millionen Euro im Vorjahresquartal, obgleich der Umsatz um 8 Prozent auf 1,8 Milliarden Dollar gestiegen war.

          Ursache waren die anhaltenden Kosten für die Restrukturierung des Unternehmens. Zwar fiel der Rückgang geringer aus als von den Analysten erwartet, nichtsdestoweniger brach der Aktienkurs um mehr als zehn Prozent ein, nachdem der Suchmaschinenbetreiber eine verhaltene Ergebnisprognose gegeben hatte.

          Enttäuschte Hoffnungen auf den Gründer

          Die Ergebnisse waren um so enttäuschender, als Yahoo, so wie es in amerikanischen Unternehmen zuletzt fast Mode geworden ist, in der Not Mitgründer Jerry Yang zum Vorstandsvorsitzenden berufen hatte, der den glücklosen Terry Semel ablöste, aber zuvor das Unternehmen selbst nie geführt hatte.

          Nach den schwachen Zahlen sprach Yang zwar von „ersten Zeichen des Erfolgs“, aber vor allem übte er sich in Vertröstung: „Ein solcher Umbau dauert seine Zeit“, sagte er, und Yahoo werde in diesem Jahr weiterhin „Gegenwind“ spüren.

          Kurz nach seiner Berufung im vergangenen Jahr hatte sich Yang noch als entschlossener Aufräumer gegeben und gesagt, es werde „keine heiligen Kühe“ im Unternehmen geben. Aber schon bald danach wurde er sehr vage, als er eine neue strategische Marschrichtung für das Unternehmen vorgab. Drei große Schwerpunkte wolle Yahoo setzen, kündigte Yang an: Yahoo soll zum bevorzugten Startpunkt für Internetnutzer werden, zur zwingenden Adresse für werbetreibende Unternehmen und zur führenden Plattform für Softwareentwickler.

          Am Tiefpunkt aufgelesen

          Das waren wohlklingende Ziele, nur war den Analysten nicht klar, wie Yahoo dies erreichen wollte. Was das Unternehmen bislang ankündigte, klang eher nach Verbesserung in kleinen Schritten und nicht so sehr nach einer Radikalkur. Eine Reihe von ihnen stufte das Papier herab. Ein Analyst meinte gar, es seien schon dramatische Ereignisse notwendig, um dem Kurs wieder deutlich nach oben zu helfen - wie zum Beispiel ein Wechsel im Management. Die dramatischen Ereignisse gibt es jetzt.

          Yahoo hatte zuletzt im Wettbewerb mit Google erheblich an Boden verloren. Gerade bei der als lukrativer und wachstumsstärker geltenden Suchwerbung hatte Yahoo großen Rückstand, weil man als Suchmaschine nicht mithalten konnte und auch die Darstellung zu wünschen übrig ließ.

          Insofern erwischt Microsoft das Unternehmen gerade an einem Tiefpunkt, an dem radikale Lösungen gebraucht werden und von einem neuen Eigentümer auch umsetzbar sind. Da kann es sich der nach Marktkapitalisierung mehr als siebenmal so große Konzern leisten, auch großzügig beim Kaufpreis zu sein. Angeblich hatte der Gates-Konzern dies schon vor einem Jahr versucht, war aber von Yahoo zurückgewiesen worden.

          Google schwächelt zumindest kurzfristig

          Und noch unter einem Aspekt ist der Zeitpunkt gut gewählt. Just am Freitag ist der große Konkurrent Google, der Yahoo das Leben in den vergangenen Jahren so schwer gemacht hat, selbst etwas wackelig auf den Beinen.

          Seit Anfang November befindet sich der bis dahin extrem gut gelaufene Aktienkurs in einer Konsolidierung und mit den Ergebnissen für das vierte Quartal verfehlte man die Erwartungen der Analysten, auch wenn der Nettogewinn gegenüber dem Vorjahresquartal um rund 15 Prozent stieg, ohne Einmalaufwendungen sogar um 35 Prozent.

          Analysten hatten bereits im Vorfeld der Ergebnisvorlage die Befürchtung geäußert, dass sich das Nachlassen der Verbraucherausgaben auf die Onlinewerbung des Konzerns auswirken könnte. Sie sahen sich nun in dieser Vermutung bestätigt. Denn die Zunahme der Klicks hat im Vergleich zu den Vorquartalen deutlich nachgelassen. Sie betrug auf Jahressicht im Schlussquartal laut Google nur noch rund 30 Prozent, verglichen mit knapp 50 Prozent in den vorangegangenen vier Quartalen.

          Rezessionssorgen

          Google sieht das naturgemäß optimistischer. Auch Jerry Yang wollte nicht sagen, ob eine mögliche wirtschaftliche Abschwächung in Amerika das Geschäft von Yahoo weiter beeinträchtigen könnte. Präsidentin Susan Decker aber räumte ein, dass man bereits im vierten Quartal ein schwächeres Wachstum oder sogar Rückgänge bei Werbekunden in einigen konjunktursensiblen Bereichen gespürt habe, zum Beispiel im Einzelhandel, im Tourismus oder der Finanzbranche.

          Und so ist dies ein guter Zeitpunkt für Microsoft, einen Frontalangriff zu starten. der Vorstandsvorsitzende Steve Ballmer hat es sich schon lange zum Ziel gesetzt, Microsoft im boomenden Online-Werbemarkt stärker aufzustellen. Gemeinsam mit Yahoo könne man „spannende Lösungen für Endkunden, Verlage und Werbetreibende kreieren.“ Microsoft erwartet jährliche Synergien von einer Milliarde Dollar.

          Mit Zukäufen von Online-Werbefirmen hatten sich sowohl Microsoft, als auch Google in der jüngsten Vergangenheit in diesem Feld verstärkt, während sich Yahoo stärker auf Internetsuche und E-Mail-Dienst konzentrieren wollte und so in Microsofts Strategie passt. Denn unter anderem wollte Yahoo sein soziales Netzwerk aufgeben. Das hat sich Microsoft mit der erfolgreichen Plattform Facebook gerade erst zugekauft.

          Verzweifelter Softwareriese

          Die Google-Aktie fiel im vorbörslichen Handel bis auf 507 Dollar und damit um vier Prozent gegenüber dem nachbörslichen Schlusskurs, der bereits um 6,5 Prozent unter dem regulären Schlusskurs gelegen hatte. Dann aber erholte sich der Kurs auf 532 Dollar.

          Denn der Übernahmeversuch hat auch ein anderes Gesicht. Denn es ist nicht ausgemacht, dass Microsoft Yahoo zum Erfolg führen kann, nachdem dem Unternehmen selbst dies jahrelang nicht gelang.

          Vielmehr zeigt es auch, unter welchem Druck Ballmer steht, dem es bislang nicht gelungen ist neben Google im Online-Werbemarkt Fuß zu fassen. „Microsoft steht unter massivem Druck, sein Internet-Geschäft auszubauen, um Rivalen wie Google abzuwehren. das zeigt, wie verzweifelt sie sind“, meint etwa Thomas Radinger, Fondsmanager bei Pioneer Investments. Er sieht einen hohen Einsatz Microsofts. Es werde Jahre brauchen, bis diese riesige Zukauf integriert sein werde.

          Insofern kann nicht überraschen, dass die Microsoft-Aktien, die zunächst vorbörslich 0,3 Prozent auf 32,70 Dollar zulegten, nunmehr gegenüber dem nachbörslichen Schlusskurs und an den europäischen Börsen mehr als vier Prozent im Minus liegen.

          Flaggschiff wird abgewrackt

          Fast scheint es also, als ob es zunächst nur einen Sieger gebe: Yahoo. Aber auch dessen Hosen sind eigentlich zerrissen. Einst eines der Flaggschiffe der Internet-Branche, wird es jetzt im Microsoft-Konzern abgewrackt.

          Immerhin kann sich ein Teil der Aktionäre freuen oder wenigsten trösten. Wer seine Aktien zwischen 1996 und 1999, 2001 bis Anfang 2004 oder seit dem Frühjahr 2006 kommt wahrscheinlich ohne Verluste oder sogar mit Gewinnen aus dem Investment heraus. In der Verfassung, in der sich Yahoo zuletzt wieder präsentierte, sollte man angesichts des hohen Aufschlags auch nicht unbedingt auf einen höheren Preis oder ein Scheitern spekulieren, auch wenn 82 Prozent der Aktien im Streubesitz sind.

          Abwarten, was wird

          Google könnte den Angriff dagegen überstehen. Zwar kommt erhöhter Konkurrenzdruck in einer möglichen Phase schwächeren Marktwachstums alles anders als gelegen, aber solange Google seinen Vorsprung behalten kann, sollten die Sorgen nicht allzu groß werden. Angesichts von Kurs-Gewinn-Verhältnissen von knapp 28 für das laufende und 21 für das kommende Jahr und des schwachen charttechnischen Trends aber (), sollte man die Erwartungen tiefer hängen. Einige Analysten haben bereits ihre Kursziele reduziert.

          Und Microsoft muss jetzt erst einmal belegen, dass das Geld sinnvoll eingesetzt ist. Insofern gibt die Übernahme keinen Anlass zu der Annahme, dass der Kurs, der erst Anfang 2007 aus einer fünfjährigen Seitwärtsbewegung ausbrach und Ende des vergangene Jahres einen zweiten Schub erhielt, jetzt auf ein noch höheres Niveau klettern kann. Im Gegenteil: Folgt man der vorbörslichen Entwicklung, so sieht es eher nach einem Rückfall auf das Kursniveau aus, das zwischen Ende 2006 und Herbst 2007 vorherrschte.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          SPD unter neuer Führung : Auf Linkskurs

          Unter Esken und Walter-Borjans wird die SPD einen Linkskurs einschlagen, mit dem sie vor die „Agenda 2010“ zurückfällt. Damit gibt sie allerdings auch den Anspruch auf die „Mitte“ auf.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.