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Internationaler Finanzmarkt : Der Schein an den Börsen trügt

  • -Aktualisiert am

Bild: F.A.Z.-Kai

Die Marktakteure atmen auf: Die Kurse an den Aktienbörsen der Welt steigen rasant an, die Berichtssaison der Unternehmen zum dritten Quartal überrascht bislang mit meist positiven Nachrichten. Ist die Krise also vorbei? Schön wäre es.

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          Das Geschäft läuft prima. Den Eindruck jedenfalls gewinnt der Marktbeobachter, der die rasanten Kursanstiege an den Aktienbörsen der Welt der vergangenen Wochen verfolgte, die stramm steigenden Notierungen an den Rohstoff-, Energie- und Edelmetallmärkten beobachtete und die sinkenden Risikoprämien und Volatilitäten an den Zinsmärkten sah.

          Prima läuft offenbar auch das Geschäft in der Finanzindustrie, wenn die Rekordmeldungen aus dem Handelsgeschäft und atemberaubenden Bonuszahlungen ein Zeichen dafür sind. Ein Jahr nach dem Beinahe-Zusammenbruch des westlichen Finanzsystems atmet die Welt wieder auf. Die Berichtssaison der Unternehmen zum dritten Quartal überrascht bislang mit meist positiven Nachrichten. Ist die Krise also vorbei? Schön wäre es. Die Welt befindet sich in einer ungewöhnlichen Sondersituation, deren vermeintliche Erfolgsmeldungen den Blick für den Ernst der Lage trüben.

          Rekordergebnisse durch Ressourcenausrichtung

          Zunächst zu den Banken: Schwere Turbulenzen an den Finanzmärkten schrauben automatisch die Volatilität, die Handelsvolumina, die Risikoaufschläge (Spreads) und Margen in die Höhe. In dieser schwersten Finanzkrise seit der Nachkriegszeit wurden gewaltige Kapitalströme umgeleitet, und zwar zwischen Währungsblöcken, zwischen Produktgruppen und Laufzeiten. Während vor der Finanzkrise der Faktor Risiko von den Marktteilnehmern kaum noch bezahlt wurde, schnellte der Preis für Risiko während der Krise exorbitant in die Höhe und damit die Margen der Banken.

          Diese Sonderkonstellation prägte die liquiden Devisen-, Zins- und Rohstoffmärkte vom vierten Quartal 2008 bis zum dritten Quartal dieses Jahres. Investmentbanken, die stark im Handel positioniert sind oder es verstanden, ihre Ressourcen zügig auf die Sondersituation auszurichten, präsentieren deshalb jetzt Rekordergebnisse ihrer Handelsabteilungen: Das wird mit Barclays Capital, der Deutschen Bank und Credit Suisse in den nächsten Tagen weitergehen. Die Banken, die mit starken Bilanzen die Flut der Kapitalerhöhungen begleiten konnten, stehen auch gut da. Diese Bankergebnisse haben jedoch nichts damit zu tun, dass sich das Bankgeschäft grundlegend wieder erholt hätte. Das ist leider nicht der Fall.

          Die verbesserten Gewinnmargen entspringen einer Sondersituation

          Je mehr sich die Finanzmärkte beruhigen, desto mehr sinken Handelsvolumina, Volatilitäten, Spreads und Margen. Diese Entwicklung setzte bereits im dritten Quartal ein und wird sich mit entsprechend negativem Effekt künftig noch stärker auf die Handelsergebnisse der Banken auswirken. Mit höherer Eigenkapitalanforderung und Regulierung werden sich die Produktionskosten der Banken im Kreditgeschäft zudem nachhaltig verteuern, und ihre Eigenkapitalrendite wird daher unweigerlich sinken. Dies werden die westlichen Volkswirtschaften anhand eines sehr teuren Kreditgeschäftes auf Jahre hinaus zu spüren bekommen. Wer glaubt, mit diesem verteuerten Kreditgeschäft könne das gleiche Wirtschaftswachstum finanziert werden, das auf dem Höhepunkt der Kreditblase die Welt antrieb, wird böse überrascht.

          Zu den Unternehmen: Die Berichtssaison überrascht mit positiven Zahlen. Dies ist immer noch eine Folge der drastisch reduzierten Lagerbestände, rigoros zusammengestrichenen Kosten und angesichts der Konjunkturerholung wieder eingehenden Produktionsaufträge. Diese Situation verbessert die Gewinnmargen der Unternehmen, ist letztlich aber auch eine Sondersituation. Dies treibt die Börsen an, die vorsorglich schon mal mit deutlich steigenden Aktienkursen reagieren.

          Diese Woche wird der Chairman der amerikanischen Notenbank Federal Reserve, Ben Bernanke, mehrere Reden halten. Am Mittwoch wird der Wirtschaftsbericht, das sogenannte Beige Book, der Federal Reserve veröffentlicht, und am Dienstag und Freitag kommen neue, höchstwahrscheinlich positive Daten zum amerikanischen Häusermarkt. In Europa wird es Ende der Woche spannend, wenn der europäische Einkaufsmanager-Index veröffentlicht wird und vor allem der deutsche Ifo-Index bekanntgegeben wird.

          Nicht nur das Spiegelbild einer sich bessernden Konjunktur

          Nach den kräftigen Gewinnen mögen die Märkte diese Woche etwas verschnaufen. In der vergangenen Woche kletterte der Dow-Jones-Aktienindex seit mehr als einem Jahr wieder über die Marke von 10.000 Punkten, und der Dax-Index stieg gar bis auf 5886 Punkte, bevor der Freitag die Euphorie an den Märkten etwas dämpfte und der Dax um 1,5 Prozent niedriger bei 5743 Punkten schloss. Der Rohölpreis durchbrach die Marke des gleitenden 200-Tage-Durchschnitts von 75 Dollar je Barrel (159 Liter), und der Goldpreis erreichte in der vergangenen Woche einen neuen Rekord von 1070 Dollar je Feinunze - eine Folge des auf 1,49 Dollar zum Euro abgewerteten Dollar.

          Die Entwicklung an den Finanzmärkten ist jedoch nicht nur das Spiegelbild einer sich bessernden Konjunktur. Der Schein trügt: Erstens verfolgen zahlreiche Notenbanken immer noch die expansivste Geldpolitik, die es seit dem Zweiten Weltkrieg gegeben hat. Zweitens wirken in zahlreichen Ländern immer noch fiskalpolitische Hilfsprogramme, die in kommender Zeit auslaufen. Drittens sitzt all den Fondsmanagern der Erfolgsdruck im Nacken, die den Anfang des Bullenmarktes seit März falsch eingeschätzt und verpasst haben. Sie müssen Renditen einspielen.

          Die Crux ist aber, dass Risiko übermäßig teuer entlohnt wird, der Markt für Sicherheit in Form von Barmitteln oder Geldmarktfonds jedoch nichts zahlt. Diese Konstellation drängte die Fondsmanager unter Renditedruck zunächst in die Anleihemärkte, jetzt jedoch immer stärker in Aktien- und Rohstoffmärkte. Die starke Erholung dieser Märkte ist daher auch eine Konsequenz der Opportunitätsverluste, die Investoren an den Märkten für sichere Barmittel hinnehmen müssen.

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