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Internationale Finanzmärkte : Anleger ziehen sich in die Defensive zurück

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Der Börsenpospekt von Facebook: Schwankende Kurse sind nicht die besten Voraussetzungen für den Mega-Börsengang des sozialen Netzwerks. Die Nachfrage soll dennoch hoch sein Bild: Reuters

Alte Sorgen wegen der europäischen Schuldenkrise und neue Sorgen wegen der Verluste von JP Morgan verunsichern die Investoren. Der Bericht von den internationalen Finanzmärkten.

          Bis zum Freitag war in der vergangenen Woche wieder mal die Schuldenkrise in Europa das vorherrschende Thema an den internationalen Börsen gewesen. Dann hat die größte amerikanische Bank, JP Morgan Chase, für den Knaller der Woche gesorgt. Aber der Reihe nach: Den Wahlsieg des Sozialisten François Hollande bei den französischen Präsidentenwahlen, der sich schon angedeutet hatte, steckten die Börsianer weitgehend gelassen weg. Die politische Lage in Griechenland führte zu weitaus größerer Verunsicherung. In Griechenland bekamen die Verfechter des Sparprogramms bei den Parlamentswahlen keine Mehrheit. Es drohen Neuwahlen. Der deutsche Finanzminister Wolfgang Schäuble deutete an, dass die Frage des Verbleibs Griechenland in der Eurozone nun wieder stärker diskutiert werde.

          Norbert Kuls

          Freier Autor in der Wirtschaft.

          Die Börsianer auf beiden Seiten des Atlantiks verfolgen diese Entwicklungen genau. Überschattet wurde die schwelende Krise der Eurozone im Freitagshandel aber von Nachrichten aus New York, die Erinnerungen an die amerikanische Finanzkrise vor vier Jahren aufkommen ließen. JP Morgan hatte am Donnerstagabend nach Börsenschluss einen Verlust von mindestens 2 Milliarden Dollar im Handel mit komplexen Kreditderivaten eingeräumt. Die Bank kann diesen Verlust wahrscheinlich verkraften. Aber der Rufschaden ist erheblich. Denn gerade JP Morgan hatte unter Führung ihres Vorstandsvorsitzenden Jamie Dimon die Untiefen der jüngsten Finanzkrise weitgehend umschifft. JP Morgan galt deswegen bisher als leuchtendes Vorbild für gutes Risikomanagement. Dass selbst einer derart renommierten Adresse so die Kontrolle über die Risiken entgleitet, gibt Anlegern natürlich zu denken.

          Es ist Wasser auf die Mühlen der Politiker, die eine schärfere Regulierung der großen Banken fordern, die wie JP Morgan nach der Finanzkrise noch größer geworden sind. Dimon hatte wiederholt die Kosten dieser Regulierung beklagt und Millionen von Dollar für Lobbyisten in Washington ausgegeben. Einer der Autoren der vor zwei Jahren vom Kongress verabschiedeten Finanzmarktreform, der Abgeordnete Barney Frank, stellte nun eine süffisante Rechnung auf: Die aktuellen Verluste von JP Morgan seien fünf Mal so hoch wie die von der Bank befürchteten Kosten der Regulierung.

          Der Kurs des Euro gibt etwas nach

          Die Kursverluste der einschlägigen Aktienindizes hielten sich dennoch in Grenzen, auch wenn viele Bankaktien im Sog von JP Morgan Kursverluste verbuchten. Der amerikanische Aktienindex S&P 500 fiel im Wochenvergleich um 1,2 Prozent und befindet sich damit auf dem niedrigsten Niveau seit zwei Monaten. Der Index ist nach einem kräftigen Anstieg im ersten Quartal nun seit April um knapp 4 Prozent gefallen. In Amerika machen sich Anleger Sorgen, dass die Schuldenkrise in Europa das globale Konjunkturwachstum beeinträchtigen könnte.

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          Konjunktursensible Titel – Finanzdienstleister, Technologie- und Konsumwerte – waren lange die wichtigsten Triebfedern des Börsenbarometers in diesem Jahr. In der vergangenen Woche gab es Kursgewinne nur bei Stromversorgern, Telefongesellschaften und Unternehmen aus der Gesundheitsbranche. Damit gingen die Anleger klar in die Defensive.

          Der breit gefasste europäische Aktienindex Stoxx Europe 600 fiel im Wochenvergleich um leichte 0,4 Prozent. Der Kurs des Euro gab nach den griechischen Wahlen gegenüber dem amerikanischen Dollar etwas nach, hielt sich aber immer noch über 1,29 Dollar und damit auf dem Niveau vom Jahresanfang.

          Händler rechnen mit anhaltend schwankenden Kursen

          Mitte der Woche stiegen wegen der Angst vor einer Verschärfung der Schuldenkrise die Renditen spanischer und italienischer Staatsanleihen zeitweise wieder deutlich. Anleger suchten nach Sicherheit und kauften deswegen deutsche Staatsanleihen. Die Rendite zehnjähriger Bundesanleihen, die sich wie bei allen Anleihen gegensätzlich zum Preis entwickelt, tauchte in der vergangenen Woche zeitweise unter 1,5 Prozent ab – so tief wie noch nie. In der zweiten Wochenhälfte sorgte dann aber die Verstaatlichung der angeschlagenen spanischen Sparkasse Bankia für Entspannung an den europäischen Rentenmärkten.

          Für die kommenden Wochen rechnen Händler nach dem Schock von JP Morgan und der weiter schwelenden Schuldenkrise in Europa mit anhaltend schwankenden Kursen. „Wir sehen immer noch diese natürliche Risikoabneigung. Wir erwarten, dass jede schlechte Nachricht eine Verkaufswelle auslöst“, sagte Omar Aguilar, der Anlagen für die amerikanische Direktbank Charles Schwab verantwortet, der Nachrichtenagentur Reuters. Es herrsche allerdings noch nicht „Alarmstufe Rot“. Schwankende Kurse sind nicht die besten Voraussetzungen für den Mega-Börsengang des sozialen Netzwerks Facebook, dessen Aktien am kommenden Freitag erstmals an der elektronischen Börse Nasdaq gehandelt werden sollen. Die Nachfrage nach dem Internetstar soll dennoch hoch sein – allen Krisen zum Trotz.

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