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Internationale Anlegerschaft : Ausverkauf der Deutschland AG

Bild: F.A.Z.

Vor zehn Jahren gehörten noch zwei Drittel der Dax-Konzerne deutschen Anlegern. Heute sind sie mehrheitlich in ausländischer Hand. Geschadet hat ihnen dieser Wandel nicht.

          Die meisten Aktien der 30 größten börsennotierten Unternehmen in Deutschland sind in ausländischem Besitz. Nach Berechnungen der F.A.Z. liegen nunmehr rund 44 Prozent der Anteile an den Dax-Unternehmen in deutschen Depots. Um die Jahrtausendwende waren es noch rund zwei Drittel. Damals waren Überkreuzbeteiligungen zwischen den Großunternehmen – im Volksmund als Deutschland AG bezeichnet – noch üblich. Die rot-grüne Bundesregierung stellte jedoch Beteiligungsverkäufe von der Steuer frei und gab damit den Anstoß zu einer Entflechtung.

          Daniel Mohr

          Redakteur der Frankfurter Allgemeinen Woche.

          Die verkauften Unternehmensanteile gingen jedoch selten in deutsche Hände. Auch heute noch ist bei Kapitalerhöhungen und Börsengängen zu beobachten, dass deutsche Aktionäre bei der Zeichnung der neuen Papiere allenfalls eine untergeordnete Rolle spielen. Zuletzt war dies dem Vernehmen nach auch wieder bei der milliardenschweren Kapitalerhöhung der Commerzbank der Fall. Die Zeichner der neuen Anteile kommen demnach überwiegend aus Großbritannien und den Vereinigten Staaten.

          Die Ursachen für diese Entwicklung sind vielfältig, liegen jedoch vor allem in der kapitalmarktfernen Altersvorsorge hierzulande und der geringen Risikobereitschaft von Versicherern und Privatanlegern in Deutschland begründet. In 17 der 30 Dax-Unternehmen ist mittlerweile nur noch eine Minderheit der Aktien in deutscher Hand. Darunter befinden sich die Börsenschwergewichte Siemens, Daimler, Bayer und Allianz mit Anteilen deutscher Aktionäre von weniger als einem Drittel. Aber auch die Geschicke weiterer Großkonzerne wie BASF, Eon und Deutsche Bank können mehrheitlich von ausländischen Aktionären bestimmt werden.

          Sperrminorität von gut 25 Prozent

          Der einzige Dax-Wert – überdies der nach Börsenwert zweitkleinste –, der mehrheitlich in der Hand von Privatanlegern und breit gestreuten institutionellen Anlegern wie Fondsgesellschaften und Versicherern aus Deutschland ist, ist die Lufthansa, und hier wird dies vom Gesetzgeber zur „Aufrechterhaltung der luftverkehrsrechtlichen Befugnisse“ verlangt. Bei allen anderen Unternehmen mit deutscher Aktionärsmehrheit wird diese durch einen Großaktionär gewährleistet. Im theoretischen Fall eines Anteilsverkaufs ist davon auszugehen, dass auch diese Anteile vornehmlich von amerikanischen und britischen Vermögensverwaltern und Pensionskassen gekauft würden.

          Noch aber übt bei 16 Dax-Unternehmen ein deutscher Großaktionär wesentlichen Einfluss aus. Fünfmal ist es der Staat. Der Bund hält eine Sperrminorität von gut 25 Prozent an der Commerzbank, zudem mit der Staatsbank KfW 32 Prozent an der Telekom und gut 30 Prozent an der Post. Überdies hält das Land Niedersachsen knapp 13 Prozent des Gesamtkapitals von Volkswagen und gut 20 Prozent der Stimmrechte sowie nordrhein-westfälische Kommunen gut 16 Prozent an RWE.

          Die meisten Großaktionäre sind jedoch die Familien der Unternehmensgründer oder der langjährigen Gesellschafter. Die Familie Merck verfügt über gut 70 Prozent des Gesamtkapitals des gleichnamigen Pharma-Unternehmens und hat angesichts der Unternehmensstruktur als Kommanditgesellschaft auf Aktien (KGaA) als Komplementär auch das uneingeschränkte Sagen. Die Tchibo-Gründerfamilie Herz hält die Mehrheit an Beiersdorf. Die Familien Haniel, Schmidt-Ruthenbeck und Beisheim bestimmen über die Geschicke der Metro Group. Die Familie Henkel lenkt den gleichnamigen Hersteller von Waschmitteln, Klebstoffen und Körperpflegeprodukten.

          Gut die Hälfte der Stimmrechte der Volkswagen AG gehören der Porsche AG, die sich wiederum mehrheitlich im Besitz der Familien Porsche und Piëch befindet. Diese haben somit auch erheblichen Einfluss auf den Lastwagenhersteller MAN, an dem Volkswagen mittlerweile mehr als 30 Prozent der Stimmrechte hält und seinen Anteil weiter ausbauen will. Knapp die Hälfte der BMW-Stimmrechte sind in Händen der Familie Quandt.

          Unübersichtliche Mehrheitslage

          Drei SAP-Gründer halten noch knapp ein Viertel der Aktien des größten deutschen Softwarekonzerns. Ludwig Merckle verfügt über eine Sperrminorität von gut 25 Prozent an Heidelberger Cement. Die Geschicke des Stahlkonzerns Thyssen-Krupp werden wesentlich von der Alfried Krupp von Bohlen und Halbach-Stiftung bestimmt, in die das Vermögen der Familie Krupp eingebracht wurde. Bei Fresenius und der Tochtergesellschaft Fresenius Medical Care hat die Stiftung von Else Kröner, die das Unternehmen zusammen mit ihrem Mann aufgebaut hat, das Sagen.

          Wesentlich unübersichtlicher ist die Mehrheitslage bei den 14 Dax-Unternehmen ohne maßgeblichen deutschen Großaktionär. Einen bestimmenden ausländischen Anteilseigner gibt es nämlich nirgends. Kuweit und die Aabar Investments aus den Vereinigten Arabischen Emiraten haben sich bei Daimler ebenso mit der Position eines Minderheitsaktionärs zufriedengegeben wie Qatar bei Volkswagen, Warren Buffett bei der Münchener Rück und die russische Eurochem bei K+S.

          Oft gibt es eine Vielzahl von Fondsgesellschaften, Versicherern und Vermögensverwaltern mit kleineren Anteilen, die den Unternehmen aber meistens auf Investorenkonferenzen schon begegnet sind. Solche Konferenzen dienen der Pflege der Investorenschaft. Die meisten dieser Veranstaltungen finden in London und New York statt, mittlerweile verstärkt jedoch auch in Singapur und Hongkong. Noch ist der Anteil der asiatischen Anleger an den deutschen Konzernen zwar gering, und unter den institutionellen Anlegern dominieren britische und amerikanische Gesellschaften. Es wird jedoch von einem steigenden Interesse aus Fernost berichtet. Am deutschen Markt sei es hingegen zunehmend schwieriger geworden, Investoren für deutsche Aktien zu gewinnen, heißt es aus den Unternehmen.

          Große Globalisierungsgewinner

          Den größten Anteil an Privatanlegern unter ihren Aktionären hat nicht die selbsternannte Volksaktie Telekom, sondern die Lufthansa mit 36 Prozent. Es folgen BASF und Deutsche Bank mit 25 Prozent, und auch Konzerne wie Siemens, Daimler, Eon und Linde weisen einen Privatanlegeranteil von rund 20 Prozent aus. Bei der Telekom sind es nur 14 Prozent. Zu den Schlusslichtern in dieser Betrachtung gehört die Deutsche Börse mit nur 5 Prozent Privatanlegern. Der Frankfurter Börsenbetreiber hat mit 18 Prozent auch den geringsten Anteil deutscher Aktionäre. Der Ausverkauf der Deutschland AG wird an dem ehedem zu 100 Prozent in der Hand deutscher Banken, Börsenmakler und Regionalbörsen befindlichen Konzern besonders deutlich.

          Geschadet hat dieser Wandel den deutschen Konzernen jedoch nicht. Sie sind nicht nur in der Anlegerschaft internationaler geworden, sondern erzielen mit ihren Produkten auf den meisten Märkten der Welt regelmäßig neue Absatzrekorde. Unter internationalen Anlegern gelten die deutschen Unternehmen wegen ihrer hohen Wettbewerbsfähigkeit als große Globalisierungsgewinner. Die deutschen Anleger lässt das kalt. Die Zahl der Aktionäre sinkt seit Jahren. Nur 12 Prozent der Deutschen besitzen Aktien oder Aktienfonds, so niedrig ist die Quote in keinem anderen Industrieland.

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