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Insiderhandel : Blitzhandel gerät in Amerika unter Beschuss

  • -Aktualisiert am

Bild: F.A.Z.

An der Wall Street zeichnet sich eine Kontroverse um den superschnellen Aktienhandel auf Basis von Computerprogrammen ab. Die Börsenaufsicht will Vorabinformationen an ausgewählte Investoren unterbinden.

          3 Min.

          An der Wall Street zeichnet sich eine Kontroverse um den superschnellen Aktienhandel auf Basis von Computerprogrammen ab. Die Wertpapieraufsicht SEC untersucht diesen in den vergangenen Jahren stark gewachsenen Bereich, weil technisch schlechter ausgerüstete Investoren dabei möglicherweise benachteiligt werden.

          Norbert Kuls

          Freier Autor in der Wirtschaft.

          Auch die britische Finanzaufsicht FSA hat sich des Themas angenommen. Im Zentrum der Kontroverse stehen sogenannte Flash Orders - Blitzaufträge. Dabei handelt es sich um Aktienaufträge, die ausgewählten Kunden von elektronischen Börsen gegen eine Gebühr für einen Sekundenbruchteil sichtbar gemacht werden, bevor sie an eine konkurrierende Handelsplattform weitergeleitet werden. Die Investoren sollen damit eine zusätzliche Gelegenheit bekommen, den Auftrag auszuführen.

          So schnell wie die Computer

          Der New Yorker Senator Charles Schumer hat die SEC im vergangenen Monat in einem Brief aufgefordert, diese Praktiken zu verbieten. Die SEC-Vorsitzende Mary Schapiro hat inzwischen mitgeteilt, dass der Stab der Behörde an neuen Richtlinien arbeitet, welche die von Flash-Aufträgen ausgelöste Ungerechtigkeit eliminieren sollen. Die Praktiken sind seit 2004 in Kraft, als die SEC sie erstmals bei der Optionsbörse in Boston erlaubt hat.

          Zu den Börsen, die Kunden Flash-Aufträge zeigen, gehören die Nasdaq OMX Group, die Chicagoer Optionsbörse CBOE sowie die Handelsplattformen Bats und Direct Edge. Der führende amerikanische Aktienbörsenbetreiber Nyse Euronext bietet keine Flash-Aufträge an, weil die Praxis zu schlechteren Preisen für Anleger führen könne. Der Vorstandschef der Nyse Euronext, Duncan Niederauer, hat die Praxis als „riesigen Rückschritt“ bezeichnet, weil sie für einen ungleichen Wettbewerb sorgt.

          Ein jüngstes Beispiel, das ein Händler, der anonym bleiben wollte, der „New York Times“ berichtete, drehte sich um Aktien des Halbleiterkonzerns Broadcom. Am 15. Juli, nachdem der größere Konkurrent Intel robuste Gewinne gemeldet hatte, wollten einige Händler Aktien von Broadcom kaufen. Um den Kurs nicht mit einer großen Order nach oben zu treiben, teilten sie die Kaufaufträge auf. Einige dieser Aufträge wurden aber wahrscheinlich als Flash Orders an High-Frequency-Handelshäuser weitergegeben.

          Deren Programme registrierten Kaufinteresse für Broadcom und begannen nun schnell selber zu kaufen - nur um die Aktien wenig später wieder zu einem höheren Kurs an die langsameren Händler zu veräußern. Das Ergebnis: Die Händler zahlten 1,4 Millionen Dollar für rund 56.000 Broadcom-Aktien und damit 7800 Dollar mehr, als sie gezahlt hätten, wenn sie so schnell wie die Computer gewesen wären.

          Die größten Spieler

          Nach Angaben des New Yorker Wertpapierhauses Rosenblatt Securities entfielen 2,4 Prozent der im Juni an amerikanischen Börsen gehandelten Aktien auf Blitzaufträge. Das ist ein relativ kleiner Teil des gesamten Handelsvolumens. Schneller Computerhandel, der im Jargon der Wall Street als High-Frequency-Trading oder auch Hi-Fi-Trading bekannt ist, ist nach Angaben der Beratungsgesellschaft Tabb Group aber mittlerweile schon für mehr als 70 Prozent des täglichen Handelsvolumens verantwortlich. Vor vier Jahren war es noch weniger als ein Drittel gewesen.

          Zu den größten Spielern in diesem Geschäft gehören Hedge-Fonds wie Citadel, D.E. Shaw und Renaissance Technologies. Auch die Bank Goldman Sachs, die stark im Wertpapierhandel engagiert ist, wird an der Wall Street häufig als wichtiger Teilnehmer in diesem schwer zu durchschauenden Marktsegment genannt. Zu entsprechenden Gerüchten trug auch der Diebstahl von Handelssoftware durch einen ehemaligen Goldman-Angestellten im vergangenen Monat bei. Der zuständige Staatsanwalt hatte davor gewarnt, dass sich mit dem Computerprogramm die Märkte manipulieren ließen, wenn es in die falschen Hände fallen würde.

          Spitze eines Eisbergs

          Goldman Sachs, die im vergangenen Quartal einen überraschend hohen Gewinn unter anderem mit robusten Ergebnissen im Wertpapierhandel erwirtschaftet hatte, dementiert Gerüchte um einen hohen Einfluss von High-Frequency-Trading. Nur ein Prozent der Erträge entfalle auf diese Strategie, teilte Goldman mit. Flash-Programme würden bei der Ausführung von Kundenaufträgen nicht benutzt. „Unglücklicherweise gibt Flash-Handel dem schnellen Computerhandel einen schlechten Namen“, sagte Irene Aldridge, die Verfasserin einer Anleitung zu dieser Handelsstrategie, gegenüber der Nachrichtenagentur „Bloomberg“: „Das meiste High-Frequency-Trading hat mit Blitz-Aufträgen nichts zu tun, weswegen das Geschäft normal weiterlaufen wird.“

          Ob Aldridge mit dieser Einschätzung recht behalten wird, ist allerdings noch nicht ausgemacht. Die Initiative von Senator Schumer und der SEC könnte den Auftakt einer verstärkten regulatorischen Kontrolle dieses Marktsegments bilden. „Es ist wichtig sicherzustellen, dass Flash-Aufträge nicht nur die Spitze eines Eisbergs sind, der in den dunklen Regionen des Marktes lauert“, sagte Schumer.

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