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Indische Aktienmärkte : Zinserhöhung trifft indische Börse vorbereitet

Bild: F.A.Z.

Die indische Zentralbank hat zum fünften Mal in diesem Jahr die Zinsen erhöht. Die Börse reagiert kaum. Denn das Land boomt. Doch das Risiko steigt, auch wenn kaum jemand am langfristigen wirtschaftlichen Aufstieg des Landes zweifelt.

          Die indische Zentralbank hat am Donnerstag die Zinsen aggressiver als erwartet erhöht. Der Repo-Zinssatz stieg um 25 Basispunkte auf 6 Prozent, die Reverse Repo Rate gleich um 50 Basispunkte auf 5 Prozent. Es ist der fünfte Zinsschritt seit März. Zugleich kündigte Zentralbankgouverneur Duvvuri Subbaro an, dass sich die Lage nun wohl normalisiere und der Zwang, die Zinsen weiter zu erhöhen, abnehme.

          Christoph Hein

          Wirtschaftskorrespondent für Südasien/Pazifik mit Sitz in Singapur.

          Die indischen Aktienmärkte haben auf diesen Zinsschritt mit Kursrückgängen reagiert. Der indische Aktienindex Sensex der Börse in Bombay (Mumbai) verlor am Donnerstag nur 80 Punkte und schloss bei 19.417 Punkten. Erst vor wenigen Jahren stieg der Sensex erstmals seit Januar 2008 wieder über 19.000 Punkte.

          Die Preise für Lebensmittel legen zweistellig zu

          Auf Subbaro lastet derzeit beträchtlicher Druck. Indien wird wieder von Streiks heimgesucht, weil die Preise steigen. Zwar fiel die Steigerung der Großhandelspreise mit 8,5 Prozent so niedrig aus, wie seit Januar nicht mehr. Dennoch zählt sie zu den höchsten in der Welt. Die Preise für Lebensmittel legen zweistellig zu – und das in einem Land, in dem rund 800 Millionen Menschen von weniger als 100 Rupien (1,67 Eurocent) täglich vegetieren – während das Getreide in den Speichern der Regierung von Ratten gefressen wird.

          Die Armen kämpfen trotz der hohen Wachstumsraten um ihr Überleben – und vertrauen bislang den Politikern, die ihnen unentwegt versprechen, für sie fiele angesichts der hohen Wachstumsraten ein besseres Leben ab. Die Industrieproduktion legte im Juli um knapp 14 Prozent im Jahresvergleich zu, mehr als doppelt so schnell wie im Juni. Das Wachstum des Bruttoinlandsproduktes lag zwischen April und Juni bei 8,8 Prozent. Die Nachfrage auf dem Subkontinent brummt, und auch die Ausfuhr lag im August um knapp 23 Prozent über dem Vergleichsmonat 2009.

          Dharmalingam Udaya Kumar dagegen hat sein Glück gemacht. Der Mann aus der Großstadt Chennai, dem ehemaligen Madras, hat eine Weltneuheit gezeichnet: das Symbol der indischen Rupie. Unter gut 3000 Einsendungen hat die indische Zentralbank das offene „R“ mit den zwei Strichen im Kopf ausgewählt. Es sei eine Symbiose aus römischem R, der indischen Devanagri-Silbenschrift und dem Gleichheitszeichen, sagt Kumar.

          Kumar hat der Sieg im Wettbewerb der Zentralbank eine Dozentenstelle an der Universität seiner Heimatstadt eingebracht. Alle indischen Zeitungen drucken, alle indischen Fernsehanstalten senden voller Stolz das neue Symbol gleichberechtigt neben den Zeichen für Euro, Dollar oder Yen. Auch auf den Kurstafeln findet das Rupien-R schon Verwendung. Diese stehen mehr denn je unter Beobachtung. Auf dem Subkontinent hat am Wochenende die Festsaison begonnen. Nun wird es kühler, der Monsun endet, von November an wird geheiratet. Das heißt, dass die Wirtschaft brummt. Automobilhersteller werden noch mehr Autos verkaufen, die Nachfrage nach Gold für Schmuck wird trotz der Rekordpreise zulegen, Aktienkurse werden steigen. Die Stimmung ist gut unter jenen, die den Kurs des Landes bestimmen. Mindestens zehn Börsengänge stehen in den nächsten Wochen an.

          Der Aufschwung ist breit verteilt

          Der Besitz der rund 100 Millionäre und Milliardäre in der größten Demokratie der Erde entspricht in etwa einem Viertel der Wirtschaftsleistung. Sie feiern an der Börse und ziehen die junge Mittelschicht mit, die das Spekulieren lernt. Alle erinnern sich an den Stand des Sensex von 8110 Punkten – das ist gerade 17 Monate her. Wer im März 2009 Aktien von Tata Motors gekauft hätte, könnten nun auf einen Gewinn von 651 Prozent blicken. Hindalco hätte 400 Prozent gebracht, Jindal Steel & Power 328 Prozent, die ICICI Bank 317 Prozent, der Autohersteller Mahindra & Mahindra 316 Prozent.

          Gestützt wird der Markt vom Mittelzufluss ausländischer Fonds. Allein in diesem Jahr haben sie 13,7 Milliarden Dollar nach Indien gelenkt. Der Aufschwung ist breit verteilt: Rohstoffkonzerne wie der Kupferproduzent Sterlite legen zu und Datendienstleister wie Tata Consultancy Services oder Infosys. Finanzwerte profitieren von den höheren Zinsen, die Aktien von HDFC und State Bank notieren auf einem Rekordhoch. Und die Automobilwerte werden von Absatzzuwächsen um die 30 Prozent im Jahr getrieben.

          Allmählich aber wird die Luft an der indischen Börse dünn. Gewinnmitnahmen dürften den Markt stärker belasten als die – in den Kursen schon berücksichtigte – Zinserhöhung. Die Kurs-Gewinn-Verhältnisse im Sensex liegen mit derzeit 23 deutlich über denen der vorherigen Hausse 2004 mit gut 17. Auch die Analysten beginnen, sich nun abzusichern. Dipen Shah von Kotak Securities beispielsweise sieht kurzfristig zwar Risiken, stellt aber lieber langfristige Aktienchancen heraus.

          Indien fürs deutsche Depot: Aktien, Fonds und Zertifikate

          Wer als deutscher Privatanleger an der Entwicklung des indischen Aktienmarktes teilhaben möchte, kann dies über Fonds, Zertifikate oder auch direkt über Aktien tun. In Frankfurt sind 29 indische Papiere gelistet. Der Anleger kauft allerdings nicht die Original-Aktie, sondern ADR oder GDR. Sie entwickeln sich genau wie die Aktie, haben aber zum Beispiel kein Stimmrecht auf Hauptversammlungen. Auch sollten Anleger beachten, dass der Handel mitunter wenig liquide ist, so dass Kauf und Verkauf zu schlechten Kursen stattfinden können. Wer sich die Auswahl von Einzeltiteln nicht selbst zutraut, kann durch Indexfonds oder Indexzertifikate an der Entwicklung indischer Aktienindizes partizipieren. So bildet ein Zertifikat der Royal Bank of Scotland den 50 Werte umfassenden Nifty unter der Wertpapierkennnummer (WKN) AA0C4J ab. Wer das Emittentenrisiko eines Zertifikats scheut, kann auf den Index auch einen Indexfonds der Deutschen Bank mit der WKN DBX1NN kaufen, zahlt dann aber jährlich eine Verwaltungsgebühr von 0,85 Prozent. Die zahlt auch, wer mit einem Indexfonds von Lyxor unter der WKN LYX0BA auf den MSCI India setzt. Noch teurer sind aktiv gemanagte Fonds. Allerdings kann durch die Titelauswahl ein Mehrwert für den Anleger geschaffen werden. Der größte Indienfonds am deutschen Markt ist der DWS India (WKN: 974879) mit einem Volumen von gut 400 Millionen Euro. Fondsmanager Robert Kalin ist es in den vergangenen zwölf Monaten gelungen, mit dem Fonds 6 Prozentpunkte besser abzuschneiden als der MSCI India. Anleger zahlen eine jährliche Verwaltungsgebühr von mindestens 2 Prozent. (dmoh.)

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