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Parlamentswahl in Indien : Modi treibt Indiens Kurse in Rekordhöhe

Trubel um den Kandidaten: Narendra Modi grüßt seine Anhänger auf einer Wahlkampfveranstaltung Bild: AFP

Endlich strömt wieder Geld nach Indien. Denn Investoren hoffen auf einen Wahlsieg von Narendra Modi. Doch selbst wenn ihr Wunschkandidat Ministerpräsident werden sollte, sind tiefgreifende Reformen keinesfalls sicher.

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          Ist auf einmal alles wieder in Ordnung? Das Defizit der Leistungsbilanz ist geschmolzen, die Aktienkurse notieren auf Rekord nach Rekord, der Außenwert der Rupie zieht an. Mitten in den Wochen der Parlamentswahl scheint sich die drittgrößte Volkswirtschaft Asiens fast sprunghaft zu erholen. Hat Indien ein Patentrezept gefunden, seine hausgemachte Krise zu bewältigen? Wohl nicht. „Die Optimisten verdrängen zu rasch die Widrigkeiten, vor denen die indische Volkswirtschaft immer noch steht“, warnt Frederic Neumann, Asien-Ökonom der Bank HSBC.

          Christoph Hein
          (che.), Wirtschaft

          Für die Änderung einiger Rahmendaten und die überbordenden Hoffnungen der Anleger gibt es zwei simple Gründe: zum einen eine funktionierende Notenbank, die gegen allen politischen Druck den Leitzins anhob. Hand in Hand verringerte die Regierung die teure Einfuhr von Gold und verkündete erste Wirtschaftsreformen. Zum anderen treibt aber schiere Hoffnung die Kurse. Denn alle Umfragen deuten an, dass Narendra Modi mit einer Koalition unter seiner nationalistischen Hindu-Partei Bharatiya Janata (BJP) Mitte Mai zum Sieger der begonnenen Wahl erklärt werden wird. Dem amtierenden Ministerpräsidenten des Bundesstaates Gujarat trauen Investoren zu, endlich wieder einen Reformkurs einzuschlagen. Der Anstieg der Kurse ist vor allem eine „Modi-Rally“, bevor der neue Mann überhaupt eine Chance hat, das Ruder zu ergreifen.

          Rund 3 Milliarden Dollar flossen im März aus dem Ausland an die indischen Börsen. Seit Jahresbeginn kauften weltweit agierende Fonds indische Aktien und Anleihen im Wert von mehr als 10 Milliarden Dollar. Der Aktienindex MSCI India hat seit Anfang Januar rund 8 Prozent zugelegt. Insbesondere haben die Werte von Investitionsgüterkonzernen und Infrastrukturanbietern Boden gutgemacht – denn sie könnten zu den Gewinnern einer ausgabenfreudigen Politik der nächsten Regierung werden. Die Rupie stieg im Vergleich zum Dollar um 3,2 Prozent im ersten Quartal. Sie pendelt um den höchsten Stand seit acht Monaten.

          Politisch ist er extrem umstritten

          Nüchtern betrachtet, spricht freilich vieles für Vorsicht. Der Ausgang von Wahlen ist in der „größten Demokratie der Erde“ ausgesprochen schwer vorherzusagen. 2004 erwartete jedermann einen überwältigenden Sieg der BJP, am Ende aber lag der Congress um die Gandhi-Familie weit vorn, weil er Hunderte Millionen von Stimmen der Landbevölkerung einsammelte. Auch 2009 lagen Prognosen und Ergebnisse weit auseinander. In diesen Tagen nun ist überhaupt nicht abzuschätzen, welche Kraft die neue Antikorruptionspartei Aam Aadmi entwickeln wird.

          MSCI-Indien, Kursverlauf vom 1.1.2014 bis 9.4.2014
          MSCI-Indien, Kursverlauf vom 1.1.2014 bis 9.4.2014 : Bild: F.A.Z.

          Doch auch der Kandidat Modi selbst gibt mehr Rätsel auf, als Lösungen zu bieten. Sein Wirtschaftsprogramm ist schwach. Es gibt, anders als in früheren Programmen der BJP, keine Einzelheiten zum Privatisierungskurs. Die Öffnung des Handels für ausländische Investoren lehnt Modi ab. Er gibt sich im Wahlkampf als Mann aus kleinen Verhältnissen. Weder eine landesweite Energiepolitik noch Gesetze zum Landerwerb oder eine Neuregulierung des Arbeitsmarktes werden eingehend erwähnt. Natürlich will Modi die Infrastruktur rasch ausbauen. Doch wird auch ein Ministerpräsident Modi zunächst seine Koalitionäre überzeugen, dann die Landesfürsten gewinnen müssen. Das gilt für den Bau von Kraftwerken und Straßen genauso wie für die seit Jahren geplante Einführung einer Mehrwertsteuer. So wie der neue Notenbankgouverneur Raghuram Rajan bei seiner Amtseinführung vorsichtshalber erklärte, „keinen Zauberstab“ in der Tasche zu haben, so wird auch ein Ministerpräsident Modi schnell an Grenzen stoßen. Zumal er politisch extrem umstritten ist.

          Gewinnmitnahmen und Kurseinbrüche sind nur eine Frage der Zeit

          Die indische Realität dürfte Modi schnell einholen. Seine Möglichkeiten werden von einem Haushaltsdefizit begrenzt. Eine zähe Bürokratie muss aufgebrochen werden. Die Korruption ist nicht leicht einzudämmen. Landrechte müssen durchgesetzt werden. All das wird Jahre dauern, wenn es der neue Mann denn überhaupt angeht.

          Auch Rajan könnte sich zu einem Gegenspieler entwickeln: „Wenn der Preisdruck weiterhin so hoch bleibt, kündigt sich die nächste Anhebung des Leitzinses an, die dann auf den Investitionsplänen der Unternehmen lastet. Es könnte dauern, bis die Investitionen wieder anspringen, was dann das Wachstum belastete“, warnt HSBC-Ökonom Neumann. Zudem sind indische Aktien schon heute teuer. Das Kurs-Gewinn-Verhältnis des MSCI India rangiert schon um 15,5. Das ist rund ein Drittel mehr als der Durchschnittswert der Schwellenländer in Asien. So spricht vieles dafür, dass die Rally nach einem Wahlsieg von Modi noch einmal Schub bekommen wird. Dann aber ist es möglicherweise nur eine Frage der Zeit, bis auch Optimisten erkennen, dass Änderungen in Indien sehr viel Zeit brauchen – und es zu Gewinnmitnahmen und Kurseinbrüchen kommen wird. Die Schwankungsbreite bei der Verkündung der Ergebnisse vergangener Wahlen betrug rund 15 Prozent des jeweiligen Indexstandes.

          Am Ende lebt Indien von Symbolen. Anleger sollten deshalb einen Blick auf die Börse in Bombay (Mumbai) werfen, die älteste Asiens: Der Handel an der Bombay Stock Exchange (BSE) setzte in den vergangenen Tagen schon zweimal aus. Es half ihr nichts, dass die Deutsche Börse AG die BSE unterstützt. Vielleicht ist das ein starker Hinweis auf die Entwicklung des Landes: Es geht voran, aber mit großen Unterbrechungen.

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