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Im Gespräch: Steve Keen : „Wir sind in der größten Finanzblase aller Zeiten“

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Steve Keen Bild: Privat

Entgegen optimistischer Erwartungen ist die Wirtschaftskrise noch nicht vorbei, erklärt Professor Steve Keen von der University of Western Sydney. Er hatte rechtzeitig vor ihr gewarnt. Nun fürchtet er eine ausgesprochen deflationäre Entwicklung.

          Entgegen optimistischer Erwartungen ist die Wirtschafts- und Finanzkrise noch lange nicht vorbei, erklärt Professor Steve Keen von der University of Western Sydney. Er hatte rechtzeitig vor ihr gewarnt. Um die Wiederholung der Finanzkrise zu vermeiden, müssten dogmatische Ökonomen und der Finanzsektor zurückstecken, sagt er. Er rechnet mit einer ausgesprochen deflationären Entwicklung, da der Geldmultiplikator nicht wirke.

          Die Kurse an den Börsen steigen. Viele Strategen erklären, die Krise sei vorbei und das Wachstum begänne von neuem. Glauben Sie das?

          Nein, ich denke, der irrationale Überschwang, der vor der Krise dominierte, ist zurückgekommen. Ich vergleiche die Entwicklung mit den Jahren 1929, 1930. Damals begannen die Kurse an den Börsen im November dramatisch nach oben zu laufen. Viele dachten, das Jahr 1930 werde wirtschaftlich ein gutes werden. Allerdings war das nicht der Fall und die Kurserholung lief schließlich aus.

          Was waren die Ursache der Krise und wieso ist sie nicht vorbei?

          Das Grundproblem liegt darin, dass im Rahmen einer spekulativen Manie viel zu viele Schulden angehäuft worden sind. Anleger kauften Vermögenswerte in der Erwartung, sie später zu höheren Preisen verkaufen zu können und nahmen in diesem Rahmen immer mehr Fremdkapital auf. Dieser Mechanismus war zentral für die amerikanische Wirtschaft. Das heißt, das Geld wurde nicht verdient, indem man Güter produzierte, sondern durch Spekulation. Steigende Vermögenspreise wurden im Kern getrieben durch immer höhere Verhältnisse zwischen Schulden und Einkommen. Solche Prozesse laufen, bis sie brechen - und an genau diesem Punkt sind wir nun angelangt, denke ich. Der Private Sektor muss seine Verschuldung vermindern. Das lässt die gesamtwirtschaftliche Nachfrage schrumpfen.

          Die Krise schien den Prozess unterbrochen zu haben - aber nur, um wieder von vorne zu beginnen …

          … ja in einem gewissen Sinne ist das so. Allerdings wächst die Wirtschaft nun primär auf Basis der öffentlichen Ausgabenprogramme. Meine These ist, dass die traditionelle ökonomische Theorie mit für die Krise verantwortlich ist und dazu beigetragen hat, dass sie nun schwerwiegender ist, als sie es sein müsste. Denn sie ignorierte die absolute Verschuldung und ging von rationalem Verhalten der Kreditnehmer aus. Hätte Alan Greenspan im Jahr 1987 nicht „rettend“ auf den damaligen Aktiencrash reagiert, so hätten wir damals eine reinigende Minidepression gehabt, die vergleichsweise leicht zu überwinden gewesen wäre. Da Regierung und Zentralbanken jedoch weitere 20 Jahre überzogenen Konsums auf Pump ´draufsattelten, ist das Verhältnis zwischen Schulden und Einkommen weiter auseinandergelaufen und der wirtschaftliche Rückschlag entsprechend groß.

          Waren wir denn nicht rational?

          Die Wirtschaftspolitik wurde bestimmt von neoklassischen Ökonomen wie Robert Lucas oder Thomas Sargent, die im Rahmen der Thesen der rationalen Erwartungen argumentierten, Regierungen könnten die konjunkturelle Entwicklung nicht positiv beeinflussen. Sie rechneten zudem überhaupt nicht mit einer Krise im Privatsektor, wie wir sie jetzt haben. Edward Prescott, der den Wirtschafts-Nobelpreis im Jahr 2004 erhielt, erklärte sogar, das kapitalistische System sei in sich stabil und Störungen könnten nur vom öffentlichen Sektor ausgehen. Während dessen kam es zu einem Umdenken: Öffentliche Ausgabenprogramme in Höhe von vier bis sechs Prozent des Weltsozialproduktes verhinderten, dass wir tiefer in die Krise gerieten. Auch das zeigt, dass die neoklassische Theorie falsch ist.

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