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Im Gespräch: Steve Keen : „Wir sind in der größten Finanzblase aller Zeiten“

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So sind sie ein Deflationist, also jemand, der an einen chronischen Preisverfall glaubt?

Ja. Erstens alleine schon aus historischen Gründen. In den 30er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts hatten wir zu Beginn der großen wirtschaftlichen Depression eine deflationäre Entwicklung von zehn Prozent über zwei Jahre. Zweitens zweifle ich an den Argumenten der Österreichischen Schule, die aus großen Geldmengen eine inflationäre Entwicklung ableitet. Ich fürchte, sie verstehen den Geldschöpfungsprozess und die Entwicklung inflationärer Impulse nicht richtig. Sie unterschätzen die enormen Mengen an Geld, die geschaffen werden müssten, um zu Inflation zu führen.

Wieso?

In den Vereinigten Staaten betragen die Schulden des Privatsektors rund 42 Billionen Dollar. Um für Inflation zu sorgen müsste die Zentralbank mindestens weitere 25 Billionen Dollar direkt in Umlauf bringen. Statt dessen hat sie nur eine Billion gedruckt in der Erwartung, der Geldmultiplikator würde den Betrag verzehnfachen. Das aber würde voraussetzen, der amerikanische Privatsektor wollte neun Billionen Dollar neue Schulden aufnehmen. Aber das ist unrealistisch: Im Moment will keiner Kredite vergeben und keiner aufnehmen - der Mechanismus kann also nicht funktionieren.

Woher aber kommt die Deflation?

Sie folgt aus dem klassischen Mechanismus einer Schuldenkrise. Erstens ist die Arbeitslosigkeit hoch und die Arbeitnehmer müssen Lohneinbußen hinnehmen. Zweitens wollen die Unternehmen bei fallender Nachfrage Marktanteile halten, indem sie Preise senken. Das führt zusammen zu einer deflationären Spirale, unabhängig davon, was auf monetärer Ebene passiert.

… und was ist mit Bernankes berühmtem Helikopter?

Empirisch zeigt sich, dass der unterstellte Geldmultiplikator nicht funktioniert. Man bräuchte also eine riesige Helikopterflotte um sehr große Geldmengen abwerfen zu können. Ich glaube nicht, dass die Amerikaner das tun werden. Der Kern ist: Konventionelle ökonomische Theorien können nur sehr schlecht erklären, wie der Kapitalismus funktioniert. Folgt man ihren Thesen, so gerät man in tiefe Krisen. Versucht man die Krisen mit ihnen zu lösen, so findet man keinen Ausweg. Ich fürchte, auch Bernanke wird so lange die falsche Politik machen, bis er sein Amt verliert.

Was erwarten Sie von den kommenden Jahren?

Ich denke, nach und nach wird klar werden, dass die Krise noch nicht vorbei ist. Man wird Wachstumsschwächen und hoher Arbeitslosigkeit immer wieder mit neuen Stimulationsmaßnahmen begegnen, statt das Schuldenproblem anzugehen und die Banken zu sanieren. Das Wachstum wird ungenügend sein und in Amerika und Großbritannien wird die Arbeitslosigkeit zunehmen. Schließlich wird sich die Erkenntnis durchsetzen, dass die etablierten Ökonomen das wahre Problem sind.

Dann wird die Politik ihre Methoden ändern?

Ja - und sie wird ihre Berater wechseln. Franklin D. Roosevelt erklärte in seiner Antrittsrede 1933, also noch vier Jahre nach Beginn der großen Depression: „Die Kreditgeber bestimmten die Religion und als einzige Methode zur Lösung der Schuldenkrise schlagen sie noch mehr Schulden vor“. Das ist ein schönes Bild und lässt sich auf gegenwärtige Zeit übertragen.

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