https://www.faz.net/-gv6-qht9
 

Im Gespräch: Steve Keen : „Wir sind in der größten Finanzblase aller Zeiten“

  • Aktualisiert am

Was wird mit den Banken?

Die Banken sind verdorben worden. Ohne staatliche Rettungsaktionen hätten die meisten großen amerikanischen Banken nicht überlebt, selbst Goldman Sachs wäre untergegangen. Die Stützungsmaßnahmen jedoch führen dazu, dass sie sich wieder wie früher verhalten - obwohl das direkt in die Krise führte. Rund 80 Prozent der Tarp-Gelder, die dazu gedacht waren, die Wirtschaft zu beleben, gingen direkt in Spekulationen an den Aktienmärkten. Alleine deswegen sind die Aktienkurse so stark gestiegen. Die Banken sind zurückgekehrt zum „business as usual“, obwohl das Scheinwachstum vor der Krise im Kern alleine auf das zunehmende Verhältnis zwischen Schulden und Sozialprodukt zurückging. Es lässt sich aber nicht grenzenlos ausdehnen.

Das heißt?

Wenn wir künftig zurückblicken, werden wir sehen, dass wir uns in der größten Finanzblase aller Zeiten befinden. Ein Grund dafür ist der Bankensektor, der völlig außer Kontrolle geraten ist. Der zweite liegt in der neoklassischen Wirtschaftstheorie, die die Entwicklung theoretisch unterlegte und rechtfertigte. Um die Wiederholung zu vermeiden, müssten dogmatische Ökonomen und der Finanzsektor bluten. Stattdessen jedoch wird er wieder zum selben Verhalten ermuntert, das uns direkt in die Krise brachte.

Sehen Sie jemanden, der diesen Wechsel herbeiführen könnte?

Im Moment nicht. Letztlich kann Barack Obama jedoch dazu gezwungen werden. Nach dem ersten Jahr im Amt sind viele Wähler enttäuscht. Er hat den Wechsel versprochen, der bisher ausblieb. In den kommenden Jahren wird er vielleicht umschwenken und die Summers, Geithners und anderen Berater der neoklassischen Schule hinauswerfen. Sonst geht er unter wie Hoover während der großen Depression.

Viele Staaten geben riesige Geldsummen aus, die sie nicht haben. Können sie sich das leisten?

Wir leben in einer Welt, die eine Mischung aus Kredit- und Fiat-Währungssytem ist. Banken können praktisch aus dem Nichts Kredite schöpfen und Regierungen können Schuldscheine herausgeben und sie aus dem Nichts finanzieren. Ein Land wie die Vereinigten Staaten ist in der Lage, mit der eigenen Zentralbank so viele Dollars zu kreieren, wie es möchte. Abgesehen vom Außenwert gibt es keine Grenze. Aus diesem Grund ist die Dollarabwertung denkbar.

Was bedeutet das generell?

In den vergangenen 40 Jahren, vor allem aber während der vergangenen 20 Jahre, hat das Finanzsystem Kredite aus nichts geschaffen und damit außer Spekulationen nichts Substantielles finanziert. Wir haben die produzierenden Kapazitäten nicht erhöht, dagegen haben die Verbindlichkeiten dramatisch zugenommen. Um das System zu rekalibrieren, müssen wir wegkommen von der Kreditschöpfung der Banken und zurückkehren zum so genannten Fiat-Money der Zentralbank. Was in den vergangenen 20 Jahren finanziell passierte, ist ökonomisch nicht gesund. Der scheinbare Wohlstand, den wir in dieser Zeit erreichten, ist in gewissem Sinne eine Illusion. Faktisch muss der Lebensstandard im Rahmen einer notwendigen Normalisierung fallen. Wir sind jedoch noch weit davon entfernt, das akzeptieren zu können. Das gilt vor allem auch für die politische Klasse.

... und für Anleger?

Ich denke, am besten blickt man zurück auf die 1920er-Jahre und beobachtet, wie man sich damals am besten verhalten hat. Damals war es das beste, sich aus Aktien zu verabschieden und „in Cash zu gehen“. Wer in Wertpapiere und Rohstoffe investierte, musste später deutliche Verluste hinnehmen. Ich bin kein „Goldbug“, da die Preisentwicklung zu volatil ist. Aber wenn Papierwährungen an Wert verlieren, kann Gold gewisse Reize bieten - zumal die Finanzvermögen viel zu hoch bewertet sind.

Topmeldungen

Amerika gegen Iran : Diesem Konflikt ist kein Virus gewachsen

Die Spannungen zwischen Washington und Teheran nehmen ungeachtet der weltweiten Corona-Pandemie weiter zu. Im Zentrum steht dabei derzeit der Irak. Die Botschaft aus dem Weißen Haus aber geht darüber hinaus: Amerika bleibt handlungsfähig.
Schwer zu trennen: Jörg Meuthen, Björn Höcke und Alexander Gauland im Oktober

Vorschlag zur Spaltung der AfD : Meuthens Selbstisolation

Mit seinem Vorschlag, den „Flügel“ von der Partei abzuspalten, könnte der AfD-Chef zu weit gegangen sein. Damit hilft er jenen, die er bekämpfen will.
Wer mit seinem Vermieter redet, hat immerhin eine Chance, dass der die Miete von sich aus reduziert.

Corona-Krise : Von wegen keine Miete zahlen!

Viele Menschen in Deutschland glauben, sie müssten wegen des jüngst beschlossenen Corona-Hilfen-Gesetzes ihre Miete nicht zahlen. Das ist ein Fehler – und kann sehr teuer werden!

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.