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Im Gespräch: Steve Keen : „Wir sind in der größten Finanzblase aller Zeiten“

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Können die Staatsausgaben den Schuldenabbau der privaten Haushalte ausgleichen?

Sobald die Stimulierungsmaßnahmen auslaufen, wird der Entschuldungsprozess zu einer schrumpfenden Wirtschaft führen. Vor allem in Staaten, die sich durch ein hohes Verhältnis von Schulden zu Bruttoinlandsprodukt auszeichnen - wie die Vereinigten Staaten. Selbst wenn die staatlichen Stimulierungsstrategien verlängert oder erneuert werden sollten, dürften sie kaum groß genug sein, um die depressive Wirkung ausgleichen zu können. Es zeichnet sich eine ähnliche Entwicklung wie Japan ab. Dort war das Wachstum der vergangenen Jahren nicht groß genug, um das Bevölkerungswachstum auffangen zu können. So nahm die Arbeitslosigkeit zu.

Wie ließe sich das vermeiden?

Im Kern muss man gegen die Schuldung vorgehen. In Ländern wie den Vereinigten Staaten, Großbritannien oder Australien dienten sie in erster Linie zur Finanzierung von Vermögenspreisspiralen. Die Verantwortung dafür liegt auf der Gläubiger- und weniger auf der Schuldnerseite. Im Jahr 1990 etwa lag das Verhältnis von Hypotheken zu Bruttoinlandsprodukt in Australien bei 17 Prozent. Heute beträgt es mehr als 80 Prozent. Banken machten eben gute Geschäfte damit, professionelle Spekulanten - ich sage ausdrücklich nicht Investoren - zu finanzieren. Als diese in den 90er-Jahren Rückschläge erlitten, gingen die Banken dazu über, Privatpersonen zu finanzieren und sie auf steigende Hauspreise wetten zu lassen. Dafür jedoch brauchen wir den Finanzsektor nicht. Er sollte alleine darauf ausgerichtet sein, industriellen Unternehmen und Neugründungen zu dienen, statt Ponzisysteme zu fördern.

Wird das erreicht?

Nein. Viele der Rettungsmaßnahmen, vor allem in Amerika, sind darauf ausgerichtet, das bestehende Finanzsystem zu retten. Es hat aber aufgrund von unverantwortlicher und ausgesprochen schlechter Kreditvergabe längst versagt. Die beste Lösung wäre, die bestehenden Schulden in der einen oder anderen Weise zu beseitigen. Eine Möglichkeit bestünde darin, sie einfach abzuschreiben. Das würde zum Konkurs der meisten Banken führen, die dann verstaatlicht und später schließlich reprivatisiert werden könnten. Eine andere Möglichkeit wäre die Entschuldung über einen inflationären Prozess. Diese Varianten werden jedoch ignoriert. In Australien werden die Verbraucher von neuem ermuntert, sich noch stärker zu verschulden. Neue Schulden führten zu mehr Wachstum und das sei gut, so die Logik. Langfristig betrachtet ist das jedoch falsch Verbindlichkeiten schneller als die Realwirtschaft wachsen zu lassen - und das müssen wir akzeptieren.

Was würden Sie tun, wenn Sie als Politiker das Sagen hätten?

Gott sei Dank bin ich keiner. Tatsächlich ist meine Kur kaum umzusetzen. Denn die amerikanische und britische Wirtschaft ist in den vergangenen Jahren stark vom Versicherungs-, Finanz- und Immobiliengeschäft abhängig geworden. Große Teile der Produktion dagegen wurden ausgelagert nach China. Wollte man diesen Prozess umkehren, würden rund 20 Prozent der amerikanischen Bevölkerung unmittelbar arbeitslos werden. Sie machen derzeit nicht nur nichts sinnvolles, sondern vieles was sie tun, ist sogar kontraproduktiv. Der Übergangsprozess würde sehr schwierig werden. Im Sinne von Machiavelli kann man kurzfristig froh sein, dass die radikalen Maßnahmen nicht durchgeführt werden. So jedoch wird es wohl Jahre brauchen, bis klar werden wird, dass die jetzt angewandten Rezepte nicht wirken werden. Erst dann aber lassen sich die Probleme und Ungleichgewichte angehen, die in den vergangenen 20 Jahren entstanden sind.

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