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Im Gespräch: Jean-Paul Fitoussi : „Hohe Bankgewinne verhöhnen die Steuerzahler“

  • Aktualisiert am

Jean-Paul Fitoussi, Institut d'Etudes Politiques de Paris Bild: Privat

Die Börsen boomen. Sie befänden sich jedoch längst wieder in „Spekulationsblasenstimmung,“ erklärt Jean-Paul Fitoussi, Professor am l'Institut d'Etudes Politiques de Paris und wirtschaftlicher Berater des französischen Staatspräsidenten.

          5 Min.

          Die Börsen boomen. Das Schlimmste scheint überstanden. Gemeinhin ist von einer wirtschaftlichen Bodenbildung und von einer absehbaren konjunkturellen Erholung die Rede. Optimistische Strategen gehen sogar davon aus, dass wir bald wieder ähnliche Wachstumsraten wie in den Jahren des Kredit getriebenen Booms erreichen könnten.

          Dazu zählt Jean-Paul Fitoussi nicht. Für den Professor am l'Institut d'Etudes Politiques de Paris und wirtschaftlichen Berater des französischen Staatspräsidenten hat sich nichts geändert. Die Finanzmärkte befänden sich längst wieder in „Spekulationsblasenstimmung“ und der Finanzsektor sei schon wieder überhitzt. Die Tatsache, dass die Banken hohe Gewinne erzielten, nachdem sie mit Steuergeldern gerettet worden sind, sei eine Beleidigung für die Steuerzahler.

          Die Krise sei vorbei und man sie längst zur Tagesordnung übergegangen, heißt es gemeinhin. Was denken Sie, Herr Fitoussi?

          Gemäß meiner Analyse ist die Krise primär auf soziale Faktoren zurückzuführen. Sie ist die Folge zunehmender Ungleichheit weltweit, seit etwa einem Vierteljahrhundert. Diese hat zu einer notorisch schwachen Nachfrage geführt, welche wiederum durch eine expansive Geldpolitik bekämpft wurde. Diese war das wichtigste Instrument, um gegen das globale Nachfragedefizit vorzugehen.

          Mit welchen Folgen?

          Laxe monetäre Politik führt, so wie sie eben wirkt, zu zunehmender Verschuldung der privaten Haushalte. Die zweite Konsequenz ist der so genannte „Leverage-Effekt“: Von der größer werdenden finanziellen Ungleichheit profitierte nur ein kleiner Teil von weniger als einem Prozent der Bevölkerung. Für diesen war es angesichts ihrer hohen Einkommen reizvoll, Vermögenswerte zu kaufen. Schließlich konnten sie nur auf diese Weise eine anständige Rendite erzielen. Und genau das führt immer wieder zu Vermögenspreisblasen.

          Blickte man während der Entwicklung auf die volkswirtschaftliche Gesamtbilanz, so schien es kein Nachhaltigkeitsproblem zu geben. Denn die zunehmende Verschuldung auf der einen Seite wurde ausgeglichen durch zunehmende Vermögen auf der anderen. Das Grundproblem zeigt sich jedoch immer dann, wenn einen Preisblase platzt. Und gerade das ist in den vergangenen Monaten passiert.

          Was brachte die Blase zum Platzen?

          Jede Vermögenspreisblase platzt - früher oder später. Denn sie ist eine künstliche Abweichung vom fairen Wert. Und die kann per Definition nicht ewig dauern. Wann sie korrigieren wird, ist kaum prognostizierbar. Dass sie das tun wird, ist jedoch sicher. In den vergangenen Jahren gingen die Preise von Immobilien zunächst durch die Decke. Als die Marktteilnehmer das schließlich realisierten, führte das zu einer Welle von Insolvenzen, die durch das ganze Finanzsystem führte.

          Welche Rolle spielten dabei die Ratingagenturen?

          Sie haben beim Versuch, verschiedenste Wertpapiere diese Art zu bewerten, völlig versagt. Sie waren verantwortlich dafür, dass Anleger strukturierte Immobilientitel im Glauben an die zertifizierte Solidität kauften, obwohl sie an sich Ramschpapiere waren.

          Wo stehen wir jetzt?

          Die Regierungen der industrialisierten Staaten haben versucht, die finanziellen Konsequenzen einer systemischen Krise zu vermeiden. Aus diesem Grund retteten sie die Banken ohne Vorbedingungen und ohne größere finanzielle Provisionen. Das führt dazu, dass die Anteilseigner der Banken inzwischen wieder reicher werden, nachdem sie auf Kosten der Steuerzahler riesigen Verlusten entgangen sind. Die wahren Folgen dieser Strategie sind wieder sozialer Art. Immerhin nimmt die Arbeitslosigkeit als negative externe Folge der Krise beinahe überall zu. Faktisch zahlen also sowohl die Arbeitslosen für die Bankenkrise, als auch einige Entwicklungsländer, die weder die Mittel noch das Standing hatten, um ihre Bankensysteme zu retten. Einige in Osteuropa oder Afrika, Asien oder Lateinamerika etwa.

          Mit welchen Folgen für das Wachstum?

          In Europa dürfte das Bruttoinlandsprodukt im Jahr 2009 um etwa vier Prozent geschrumpft sein. Im kommenden Jahr wird es nach Einschätzung des Internationalen Währungsfonds kaum oder allenfalls minimal wachsen. Und ich denke, er hat recht.

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