https://www.faz.net/-gv6-6wqww

Im Gespräch: Hasan Tevfik : „Zyklische Aktien sind besonders niedrig bewertet“

  • Aktualisiert am

„Wir erwarten, dass 2012 ein besseres Aktienjahr wird als 2011“: Hasan Tevfik, Aktienstratege bei Citi Investment Research, ist derzeit optimistisch gestimmt.

          3 Min.

          Herr Tevfik, wie sehen Sie das Aktienjahr 2012?

          Wir erwarten, dass 2012 ein besseres Aktienjahr wird als 2011. Im vergangenen Jahr haben viele Anleger eine Rezession und deutlich sinkende Unternehmensgewinne erwartet. Schaut man sich die Bewertung im Vergleich zum Buchwert der Unternehmen an, sind viele Aktien heute in etwa so niedrig bewertet wie in der Krise nach dem Zusammenbruch von Lehman Brothers. Wir halten eine solche Sichtweise für zu pessimistisch, weil die Weltwirtschaft nach unserer Einschätzung im laufenden Jahr wachsen wird.

          Welche Aktien sind besonders niedrig bewertet?

          In erster Linie zyklische Aktien, weil sich hier die Furcht vor einer Rezession am stärksten niederschlägt. Banken sind rund um den Globus sehr niedrig bewertet. Es gibt sicherlich gute Gründe, warum europäische Banken derzeit niedrig bewertet sind. Aber dies gilt nicht für asiatische Banken, die kräftig wachsen und keinen Eigenkapitalbedarf haben. Attraktiv sind auch amerikanische Technologiewerte, die nicht nur starke Bilanzen haben, sondern auch, weil sie eine starke Nachfrage nach ihren eigenen Aktien entfalten.

          Halten Sie defensive Aktien für ähnlich interessant wie die Zykliker?

          Nein. Pharmaaktien sind sogar recht teuer im Vergleich zu zyklischen Werten.

          Ist das erwartete Wachstum der Schwellenländer immer noch ein Argument für Anlagen in Aktien?

          Natürlich. Das Argument wird noch für Jahre gelten. Wir erwarten in Schwellenländern wie China, Brasilien und Russland angesichts nachlassender Inflationsgefahren sinkende Zinsen, die das Wachstum unterstützen. Das ist eine gute Nachricht für den Aktienmarkt. Aktien mit Bezügen zu Schwellenländern sollten überdurchschnittlich gut abschneiden.

          Eine alte Frage lautet, ob man eher Aktien von Unternehmen aus Schwellenländern kaufen soll oder Aktien europäischer oder amerikanischer Unternehmen, die eine starke Präsenz in Schwellenländern besitzen.

          Einige der am besten gemanagten Schwellenländer-Unternehmen befinden sich in Deutschland. Viele deutsche Unternehmen haben die Schwellenländer sehr früh entdeckt. Die Aktien dieser Unternehmen sind billig, weil sie wie alle europäischen Aktien im vergangenen Jahr deutlich nachgegeben haben. Viele Unternehmen in Kerneuropa besitzen eine stärkere Ausrichtung auf die Schwellenländer als ihre amerikanischen Konkurrenten.

          Wie sehen Sie derzeit die europäischen Aktienmärkte?

          Die Unsicherheit ist natürlich hoch, weil man noch nicht weiß, wie die Euro-Krise ausgeht. Aber wir sind der Meinung, dass in den Aktienkursen schon viele schlechte Nachrichten eingepreist sind. Am interessantesten sind Aktien europäischer Unternehmen, die in ihren jeweiligen Branchen Weltmarktführer sind. Weltmarktführer besitzen gewöhnlich Wachstumspotential, und sie können Preise setzen.

          Betrachten Sie Unternehmensanleihen, die oft attraktive Kupons besitzen, als eine Alternative zu Aktien?

          Unternehmensanleihen können interessant sein, aber gerade aus der Sicht eines langfristigen Investors erscheinen uns Aktien attraktiver.

          Sie sprechen mit großen Investoren rund um den Globus. Gibt es eine steigende Nachfrage nach Aktien?

          Nein. Man findet derzeit selten Investoren, die Aktien kaufen wollen. Viele Investoren orientieren sich an den Renditen der Vorjahre - und da waren Aktien nicht sehr gut. Der wichtigste Käufer einer Aktie ist heute oft das eigene Unternehmen.

          Was meinen Sie damit?

          Viele Unternehmen haben hohe finanzielle Reserven, die sie im Prinzip auf dreierlei Weise verwenden können: Sie können durch Investitionen ihre Produktionskapazitäten vergrößern, sie können andere Firmen übernehmen, oder sie können eigene Aktien zurückkaufen. Der Rückkauf eigener Aktien ist im gegenwärtigen Umfeld die attraktivste Option. Wir sehen dies seit dem vergangenen Jahr in großem Umfang.

          Warum?

          Angesichts der großen Unsicherheit erscheinen vielen Unternehmen reale Investitionen und Übernahmen viel zu riskant. Wegen der sehr niedrigen Zinsen kann es sogar lohnend sein, einen Kredit aufzunehmen, um mit dem Geld eigene Aktien aufzukaufen. Das ist einfache finanzmathematische Rechnung: Unternehmen erhalten im Durchschnitt zu 4 Prozent Kredit. Im Durchschnitt liegt ihre Cashflow-Rendite (freier Cashflow) aber bei 6 Prozent. Folglich ist es vorteilhaft, die Zahl der umlaufenden Aktien selbst dann zu verringern, wenn man dafür einen Kredit aufnehmen muss.

          Lässt sich dies vor allem in den Vereinigten Staaten beobachten?

          Es entwickelt sich zu einem globalen Phänomen. Allerdings betrifft es nicht die Banken, die ja eher unter einem Mangel als unter einem Überfluss an Eigenkapital leiden.

          Wann werden nach Ihrer Einschätzung die traditionellen Großanleger wieder an die Aktienmärkte zurückkehren?

          Wir werden wohl zwei oder drei Jahre mit soliden Zuwächsen der Unternehmensgewinne abwarten müssen. Andererseits erscheinen viele alternative Anlagen nicht besonders attraktiv. Wenn ein Investor mehrere Jahre lang mit Staatsanleihen Geld verloren hat, wird er wieder stärker auf den Aktienmarkt schauen.

          Wie verhalten sich die großen deutschen Investoren?

          Deutsche Investoren mögen traditionell Anleihen, obgleich es in Deutschland einige der am besten geführten Unternehmen der Welt gibt, deren Aktien niedrig bewertet sind. Es ist schade, dass deutsche Anleger da vermutlich eine große Chance verpassen.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Wirtschaftsminister Altmaier : „Ich bin nicht der Oberlehrer der Welt“

          Muss Deutschland einen Bogen um Länder wie China machen, die Freiheitsrechte verletzen? Nein, sagt Wirtschaftsminister Peter Altmaier. Im F.A.Z.-Interview kündigt er für Deutschland weitere Staatsbeteiligungen an – und ein mögliches Ende der Maskenpflicht.
          Schichtwechsel beim Mercedes-Benz Werk Untertürkheim.

          Wirtschaftskrise : Daimler will noch viel mehr Stellen streichen

          Der Autohersteller Daimler will wegen der Corona-Krise mehr Stellen streichen als bisher bekannt. Mit 15.000 Arbeitsplätzen komme man nicht aus, stellt der Personalvorstand klar. Auch der Verzicht auf betriebsbedingte Kündigungen gerät ins Wanken.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.