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Im Gespräch: Donato Masciandaro, Kapitalmarktexperte : „Die neuen Regeln für die Finanzmärkte sind miserabel“

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Bild: FAZ

Kernfragen der Regulierung seien immer noch nicht gelöst, meint der Mailänder Wirtschaftswissenschaftler Donato Masciandaro. Gelernt werde wohl erst aus der nächsten noch größeren Krise.

          Professor Masciandaro, was sind die wichtigsten Lehren der Finanzkrise?

          Die erste und wichtigste Erfahrung ist, dass das ganze Finanzsystem verseucht ist, wenn es in der globalen Finanzwelt Grauzonen gibt.

          Können Sie dafür ein Beispiel nennen?

          Es gibt ein Schattenbankensystem. Die Bilanzierungsregeln der Vereinigten Staaten erlauben Aktivitäten außerhalb der Bilanz. Das gilt für normale Geschäftsbanken, Investmentbanken und Konglomerate wie der Versicherungskonzern AIG. Die können mehr Risiken anhäufen, als ihre Bilanzen abbilden, und damit wachsen die Grauzonen. Die Risiken der verschiedenen Akteure auf dem Finanzmarkt sind eng miteinander verknüpft.

          Welche Konsequenz wird daraus gezogen?

          Weder in Amerika noch in Europa gibt es den erklärten Willen, die Bilanzierungskriterien zu vereinheitlichen. Auch wenn alle von verbesserten Regeln reden, kann man damit weiterhin nicht sehen, wo die Risiken liegen.

          Was ist die zweite Erfahrung, aus der wir alle lernen sollten?

          Die Märkte wurden nicht reglementiert. In der Welt gibt es immer mehr Transaktionen, die nicht auf offiziellen Märkten abgewickelt werden. Dann gibt es Finanzinstrumente, die wiederum darauf aufbauen. Es ist wie ein Turm aus Bauklötzen, der immer komplizierter wird, doch abseits des offiziellen Spielfeldes liegt. Deswegen weiß man gar nicht mehr, was eigentlich passiert, nach welchen Informationen eigentlich gesucht werden sollte. Aus diesem Grund sollten alle Transaktionen auf offiziellen Märkten abgewickelt werden.

          Was spricht dagegen?

          Die Derivate werden vor allem von fünf großen Banken gehandelt, Goldman Sachs und Freunde. Und die haben doch überhaupt kein Interesse an Regulierung. In Europa spricht niemand davon. Amerikas Präsident Obama hat Regulierung versprochen, doch die liegt in der Hand einer kleinen Institution, der Commodity Futures Trading Commission mit einem Ex-Goldman-Manager an der Spitze, zusammen mit der amerikanischen Börsenaufsicht SEC. Wie das dann funktionieren soll, weiß keiner.

          Gibt es Grund zur Sorge?

          Auf jeden Fall. Die Bankenlobby hat gut gearbeitet. Sie haben sich zu allgemeinen Prinzipien bekannt, ohne dass daraus dann griffige Gesetze wurden. Und der Derivatehandel wächst wieder.

          Was wären die Voraussetzungen für die Regulierung dieses Handels?

          Man spricht von „Markt“. Doch dieses Wort setzt voraus, dass man die Preise und die Akteure kennt. Die Marktteilnehmer müssen auch mitteilen, wie ihre Titel strukturiert sind. Wer Wetten eingeht, muss zudem Garantien geben. Damit wird der Handel auf einem offiziellen Markt teurer. Doch zugleich verbessert sich auch die Liquidität.

          Geht es nur um Informationen über Preise und Liquidität?

          Regulierte Märkte erlauben es immer auch, den aktuellen Stand der Risiken einzuschätzen. Auch in der Krise gehen ja nie Märkte pleite, sondern nur Akteure mit zu großen Risiken.

          Was ist die dritte Lektion aus der Krise?

          Die Krise hat gezeigt, dass die Aufsicht über die Banken schlecht konstruiert ist. Die Regeln für die Kapitalisierung müssen besser auf die Risiken abgestimmt werden, und wir brauchen auch eine Aufsicht über die Liquidität.

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