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Im Gespräch: Donato Masciandaro, Kapitalmarktexperte : „Die neuen Regeln für die Finanzmärkte sind miserabel“

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Ausgerechnet in Italien hat doch die Notenbank auch die Rolle des Bankenaufsehers, und hier gab es keine Bankenkrise.

Das liegt einfach am Umstand, dass die Aufseher keine Risiken außerhalb der Bilanz zugelassen haben. Sie hatten immer den Überblick über alle Risiken in den italienischen Banken. Im Grunde kann sich eine Notenbank immer nur um eines kümmern, entweder Geldpolitik oder Bankenaufsicht, und dabei konzentriert sich die Banca d'Italia sehr auf die die Rolle als Kontrolleur der Banken.

Wie sehen Sie die Rolle der Ratingagenturen?

Die sind aus meiner Sicht nicht so wichtig. Man hat ihnen einfach zu viel Bedeutung beigemessen. Wenn man dem System der Ratingagenturen ihren offiziellen Status wegnimmt, verlieren sie auch ihre Rolle als Megafon der Nachrichten und Unsicherheiten. Es ist schizophren, wenn sich alle über die Ratingagenturen beschweren und dann deren Urteile in das Regelwerk einbauen. Es reicht, die Rolle der Agenturen zurechtzustutzen.

Vor der Finanzkrise wurden die Bilanzierungsrichtlinien in Europa den angelsächsischen Prinzipien angepasst. Standen diese Änderungen in Zusammenhang mit der Krise?

Die kontinentaleuropäischen Bilanzierungsregeln sind umfassender und transparenter als die amerikanischen. Hätten die Vereinigten Staaten die traditionellen Bilanzierungsregeln aus Kontinentaleuropa angewandt, hätte es nie eine Finanzkrise gegeben.

Was halten Sie von den Stresstests?

Das war die falsche Antwort auf ein echtes Problem. Nach der Krise fehlt das Vertrauen in die Märkte. Früher vertraute man nicht den Banken, sondern den Aufsehern, doch die Aufseher haben versagt. Normalerweise wechselt man in dieser Situation den Aufseher und ändert die Regeln, doch das ist nicht geschehen. Nun suchte man die Zweifler zu besänftigen mit dem Versprechen, alle Informationen über die Banken offenzulegen. Doch der Stresstest hat keine Informationen über die Grauzonen zutage gefördert. Er war nur nützlich für diejenigen, die auch um den Stresstest Spekulationsgeschäfte machten. Die Europäische Union war dafür eine gute Zielscheibe, weil die Zahl von 27 Mitgliedstaaten die Unsicherheit und die Zweifel vervielfältigten.

Gibt es aus Ihrer Sicht dennoch ein Hoffnungszeichen bei den Reformen der Finanzmärkte?

Die neuen Regeln für die Finanzmärkte sind in Europa und in Amerika miserabel. Europa schafft mehr Bürokratie, ohne dass es damit irgendwelche Wirkungen auf das Finanzsystem gäbe. Zugleich richten sich die Europäer immer mehr nach den Wünschen der Finanzbranche. Es ist zu befürchten, dass man erst nach der nächsten, größeren Finanzkrise lernt. Da ist zu hoffen, dass Europa gleich mit seinem aktuellen Projekt für Veränderungen der Finanzmarktaufsicht scheitert.

Der 48 Jahre alte Professor Donato Masciandaro ist Dekan der Wirtschaftswissenschaften an der Mailänder Universität Bocconi, die als Italiens Eliteschmiede gilt. In der italienischen Finanzwelt ist Masciandaro als kritischer Fachmann in Regulierungsfragen anerkannt. Er ist Herausgeber eines englischsprachigen Handbuchs der europäischen Notenbanken und der Finanzaufsichtsbehörden und leitet an der Universität Bocconi ein Forschungsinstitut für Fragen der Finanzregulierung. Dieses wurde nach dem ehemaligen italienischen Notenbankgouverneur Paolo Baffi benannt. Dieser wird in Italien und der Banca d'Italia als eine Art Märtyrer angesehen, der für sein unabhängiges Denken mit der Karriere bezahlte. Baffi hat in den siebziger Jahren als oberster Bankenaufseher Prüfungen des mafiösen Instituts Banco Ambrosiano befürwortet, gegen die Wünsche der Politik, die ihn dann mit erfundenen Vorwürfen unter Hausarrest stellen ließ und zum Rücktritt zwang. Dass Baffi recht hatte, zeigte kurze Zeit später der Skandal um Banco Ambrosiano und die Vatikanbank.

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