https://www.faz.net/-gv6-6k9s0

Im Gespräch: Donato Masciandaro, Kapitalmarktexperte : „Die neuen Regeln für die Finanzmärkte sind miserabel“

  • Aktualisiert am

Darum geht es doch in den Gesprächen um das „Basel III“-Abkommen?

Genau. Dabei ist aber zu befürchten, dass nichts Grundsätzliches verbessert wird. Im Moment gibt es große Unsicherheit. Die Amerikaner wollten mit ihrem bereits beschlossenen Gesetz schon im Vorfeld jede internationale Diskussion zum Schweigen bringen, und im Grunde meinen viele, das Ganze solle doch den Fachleuten überlassen werden.

Wie war generell die Erfahrung in der Krise mit den Aufsichtsbehörden?

Das ist die Lektion Nummer vier aus der Finanzkrise: Die Krise hat gezeigt, dass es zu viele Aufsichtsbehörden für die Finanzwelt gibt. Die Finanzmärkte bilden eine zusammenhängende Einheit, da wäre auch eine einzige Aufsichtsbehörde am besten oder zumindest so wenige Aufseher wie möglich.

Was gewinnt man damit?

Einerseits werden die Kontrollen wirksamer. Denn wenn es mehr Kontrollinstanzen gibt, bleiben zwischen denen immer wieder Lücken. Andererseits steigen die Kosten sowohl für die Aufsichtsbehörden als auch für die Kontrollierten, wenn es viele verschiedene Institutionen für die Kontrolle gibt. Schließlich gibt es mit weniger Kontrolleuren auch eine klarere Verantwortung. Umgekehrt, wenn es mehr Aufseher gibt, schieben sich die immer gegenseitig die Schuld zu, wenn es Probleme gibt.

Sehen Sie eine Entwicklung in die richtige Richtung?

Nein. Sowohl in den Vereinigten Staaten als auch in Europa nimmt die Zahl der Aufsichtsbehörden zu. In den Vereinigten Staaten alleine gibt es 115 auf Ebene der einzelnen Staaten und auf nationaler Ebene. Jede Aufsichtsbehörde schart eine Lobby um sich, und kein Lokalpolitiker würde darauf verzichten.

In Europa?

In Europa wird an Stelle einer Vereinfachung nun eine europäische Ebene von Aufsichtsbehörden eingeführt. Man will eine für die Banken, eine für die Versicherer, eine für die Finanzmärkte, mit verschwommenen Aufgabenbeschreibungen, aber dafür bekommt jedes der großen Mitgliedsländer eine neue Institution. Zudem stecken hinter den neuen Einrichtungen die Vertreter der nationalen Aufsichtsbehörden. Deren Macht will man nicht antasten, sondern nur zusätzliche Posten schaffen. Das alles führt weit weg von der Idee einer einheitlichen europäischen Aufsichtsbehörde. Dabei war Europa andererseits so schnell, einen Rettungsfonds zu gründen.

Woran liegt es, wenn die Entwicklung in die falsche Richtung geht?

In der Praxis dreht sich alles nicht um die Ideale der Finanzmarktaufsicht, sondern um die Kosten-Nutzen-Analyse von Politikern und Bürokraten.

Sollten denn die Notenbanken eine Rolle bei der Finanzmarktaufsicht haben?

Die Erfahrung mit der Finanzkrise zeigt, dass die Europäische Zentralbank die beste Figur gemacht hat, gerade weil sie keine Rolle in der Bankenaufsicht hatte. Sie konnte Liquidität in den Markt pumpen, ohne dass man ihr vorwerfen konnte, sie wolle doch nur die Banken retten, die möglicherweise schlecht beaufsichtigt worden waren. Die amerikanische Fed hatte dagegen ein Glaubwürdigkeitsproblem, eben weil sie auch für die Aufsicht zuständig ist. Umso enttäuschender ist es, dass die Europäer nun die Amerikaner nachahmen wollen und die Europäische Zentralbank nun auch an der Aufsicht über Systemrisiken beteiligt werden soll. Im Endeffekt hätten dann Politiker und Geschäftsbanken mehr Einfluss auf die Geldpolitik.

Weitere Themen

Topmeldungen

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.