https://www.faz.net/aktuell/finanzen/aktien/im-gespraech-barry-ritholtz-die-hypothekenkrise-ist-noch-lange-nicht-geloest-163252.html
 

Im Gespräch: Barry Ritholtz : „Die Hypothekenkrise ist noch lange nicht gelöst“

  • Aktualisiert am

Barry Ritholtz, Chefstratege von FusionAnalytics Bild: Privat

Die Aktienmärkte profitieren kurzfristig von der Rettung der Hypothekenfinanzierer Fannie Mae und Freddie Mac. Viele zweifeln jedoch die Nachhaltigkeit der Entwicklung an. Auch Barry Ritholtz, der Chefstratege der New Yorker Firma FusionAnalytics.

          4 Min.

          Die internationalen Aktienmärkte profitieren kurzfristig von der Rettungsaktion der amerikanischen Regierung für die Hypothekenfinanzierer Fannie Mae und Freddie Mac. Was die Nachhaltigkeit dieser Entwicklung angehe, sei aber Vorsicht angebracht, heißt es.

          Dieser Meinung schließt sich auch Barry Ritholtz an. Der Chefstratege der New Yorker Firma FusionAnalytics betrachtet die Verstaatlichung der Hypothekenriesen kritisch. Er geht zudem davon aus, dass sich die Probleme am amerikanischen Immobilienmarkt nicht allzu rasch lösen lassen werden.

          Die Börsen nehmen die Verstaatlichung von Fannie Mae und Freddie Mac positiv auf. Würden Sie jetzt Aktien kaufen?

          Für eine kurzfristige Wette - ja! Die Geschichte zeigt: Das war das sechste Wochenende seit Oktober des vergangenen Jahres, an dem aufgrund der systemischen Finanzkrise interveniert wurde. Jede Intervention führte zunächst zu einer starken Kursrally, die jedoch bald auslief und die schließlich mit einem tieferen Kursniveau als zuvor endete.

          Das deutet grundsätzlich auf tief sitzende systemische Probleme hin, die ihre Zeit brauchen, bis sie gelöst werden können. Bevor sich die amerikanischen Hauspreise nicht normalisiert haben und bevor das Verhältnis zwischen Angebot und Nachfrage von und nach Häusern nicht ausgeglichener ist, werden sie andauern.

          Manche Marktteilnehmer argumentieren, die Verstaatlichung lege die Basis für diese Wende, möglicherweise sogar kurzfristig. Glauben Sie das?

          Die Situation ist vergleichbar mit einem Patienten, der auf den Operationstisch kommt und der einerseits stark blutet, der jedoch gleichzeitig auch eine Lungenentzündung sowie Krebs hat. Zunächst geht es darum, die Blutung zu stillen. Nun mag das Ausbluten zwar gestoppt sein, die Grundkrankheiten jedoch müssen noch geheilt werden.

          Wir kommen von einer ernormen Kreditblase, die zu einem riesigen Boom im Hausbau und in manchen Landesteilen zu einer Preisblase geführt hat, zum Beispiel in Florida, Las Vegas und in Südkalifornien. Die Hauspreise waren während des Booms sehr stark gestiegen. Betrachtet man die Verhältnisse zwischen mittleren Hauspreisen und mittleren Einkommen sowie zwischen Eigentümerkosten und Mieten, so lagen sie in der Spitze zwei bis drei Standardabweichungen über der historischen Norm. Nach den jüngsten Preisrückgängen liegen sie noch eineinhalb bis zwei Standardabweichungen darüber. Das heißt, wir haben gerade einmal die Hälfte der Preiskorrektur hinter uns. Erst danach können sich normale Leute wieder normale Häuser leisten. Bis dahin werden die Probleme in diesem Bereich andauern. Alle Maßnahmen, die getroffen werden, können allenfalls der Überbrückung dienen und dazu beitragen, dass der genannte Patient in der Zwischenzeit nicht verblutet.

          Ist die amerikanische Wirtschaft so stark, wie manche der jüngsten Wachstumszahlen andeuteten?

          Die aktuellste Zahl war eine Arbeitslosenquote von 6,1 Prozent. Sie hat in den vergangenen 100 Jahren nie so stark zugenommen wie jetzt, ohne dass sich die Wirtschaft in einer Rezession befunden hätte. Vieles deutet im Moment auf eine verhaltene Rezession hin. Es besteht allerdings die Gefahr, dass sie sich vertiefen und verlängern kann.

          In normalen Wirtschaftszyklen starten die Unternehmen mit geringen Lagerbeständen und reagieren auf eine zunehmende Nachfrage mit Investitionen und der Anstellung zusätzlicher Arbeitskräfte bei steigenden Einkommen. Auf diese Weise entwickelt sich eine positive Eigendynamik. Der vergangene Zyklus jedoch ging vor allem von ultra tiefen Zinsen aus. Das löste die Energie- und Rohstoffinflation sowie den Boom im Häusermarkt aus. Nun benötigen wir viel Zeit, um aus dieser Lage wieder herauszukommen.

          In den vergangenen Jahren konnten in den Vereinigten Staaten vier bis fünf Millionen Personen Häuser erwerben, die dazu unter normalen Umständen - 25 Prozent down, 30 Jahre fixed, monatliche Belastung von weniger als 25 Prozent des Bruttoeinkommens - nicht in der Lage gewesen wären. Für sie müssen nun erst einmal Lösungen gefunden werden.

          Weitere Themen

          Dax und Euro rauschen nach unten

          Börse unter Druck : Dax und Euro rauschen nach unten

          Der Dax erreicht den tiefsten Stand seit November 2020. Der Euro fällt auf ein neues 20-Jahre-Tief. Die Rendite der zehnjährigen Bundesanleihe testet erstmals seit neun Jahren die Marke von 2 Prozent. Was ist da los?

          Topmeldungen

          Russlands Präsident Wladimir Putin verliert an Rückhalt.

          Fachmann im Interview : „Er sagt sich: Wer braucht eine Welt ohne Putin?“

          Die wichtigste Methode Putins war bisher die Demobilisierung des eigenen Volks. Jetzt setzt er auf Mobilisierung. „Das ist ein absolut neues Experiment“, sagt der Moskauer Sozialwissenschaftler Grigorij Judin im Interview.
          Mit dem Bus in den Krieg: Dieser Wehrpflichtigen im sibirschen Tara musste sich schon auf den Weg machen.

          Krieg in der Ukraine : Russlands Wirtschaft fürchtet die Mobilmachung

          Seitdem Putin die „Teilmobilisierung“ verkündet hat, herrscht auch unter Unternehmern im Land Panik: Firmenchefs und Branchenvertreter versuchen, ihre Mitarbeiter vor der Einberufung zu schützen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Sie können bis zu 5 Newsletter gleichzeitig auswählen Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.