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Im Gespräch: Aktienstratege Edward Yardeni : „Die Risikofreude kehrt zurück“

  • Aktualisiert am

Edward Yardeni Bild: Yardeni Research

Edward Yardeni, Leiter von Yardeni Research, rechnet mit einer Stabilisierung der Wirtschaft. Seine Favoriten sind Chemie- und Minenaktien. Yardeni vermutet, dass China sowie große Schwellenländer wie Indien und Brasilien die Führung übernehmen.

          Edward Yardeni, früher Deutsche Bank, leitet Yardeni Research und berät Investoren, die ein Vermögen von zwei Billionen Dollar verwalten. Yardeni rechnet mit einer Stabilisierung der Wirtschaft. Seine Favoriten sind Chemie- und Minenaktien.

          Herr Yardeni, die Aktienkurse haben in den vergangenen Wochen stark zugelegt. Wird die Rally weitergehen?

          Ich denke schon. Seit Anfang des Jahres scheint sich die Erkenntnis durchzusetzen, dass es wohl nicht zu einer weltweiten Depression kommt. In den vergangenen Monaten haben wir Indikatoren gesehen, die andeuten, dass die außergewöhnlichen Konjunkturhilfen von Regierungen und Notenbanken greifen.

          Das Schlimmste ist ausgestanden?

          Ja, das Schlimmste ist vorbei. Die dramatischen Zinssenkungen und die Hilfe der Regierungen sorgen dafür, dass der konjunkturelle Niedergang gebremst wird. Und sehr viel Geld der Anleger wurde noch gar nicht eingesetzt. Allein in Amerika sind es 13 Billionen Dollar. Die fließen nicht unbedingt in den Aktienmarkt, aber sie könnten die Märkte leicht nach oben treiben, denn die Risikofreude der Anleger kehrt zurück.

          Wie begründen Sie Ihren Optimismus?

          Seit März sehen wir in Amerika zahlreiche ökonomische Indikatoren, die auf eine Erholung hinweisen - etwa die wöchentlichen Anträge zur Arbeitslosenunterstützung. In den vergangenen vier Wochen sind diese Zahlen nicht mehr gestiegen. Historisch gesehen, ist dies einer der besten Indikatoren, dass es aufwärts geht. Das stärkste Argument für eine Erholung ist aber, was an Nachrichten aus China kommt. Die Chinesen geben mehr als eine halbe Billion Dollar aus, um ihre Wirtschaft zu stimulieren, zumeist für Infrastrukturprojekte. China erledigt dies viel besser und schneller als Amerika. Hinzu kommt, dass andere Schwellenländer große Mengen Rohstoffe an China liefern. Das hat zuletzt auch dazu beigetragen, das Wachstum und die Börsenkurse in diesen Ländern anzutreiben. Dax, S&P 500 und Nikkei haben sich nicht so gut wie die Börsen der Schwellenländer entwickelt.

          Die Finanzkrise begann in Amerika, ausgelöst durch die Krise im Immobilienmarkt. Gibt es dort Anzeichen der Besserung?

          Nein. Bestenfalls können wir sagen, dass wir den Boden erreichen. Klar ist, dass Amerika die Weltwirtschaft nicht aus der Rezession führen wird.

          Wer wird das sein?

          China sowie große Schwellenländer wie Indien und Brasilien. Sie sind im vergangenen Jahrzehnt stark gewachsen. Das wird sich fortsetzen. Diese Länder übernehmen die Führung.

          Was sollten Investoren tun? Chinesische Aktien kaufen?

          Anleger sollten global investieren. Die Weltwirtschaft wird in den kommenden Jahren ähnlich verlaufen wie zu Beginn des Jahrzehnts: Schwellenländer legen zu, Rohstoffpreise steigen. Auch deutsche Exporteure werden wieder profitieren. Es hat einen starken Aufschwung gegeben im vergangenen Jahr, bevor es zum großen Knall kam. Aber beeindruckend ist auch, wie schnell sich die globale Wirtschaft wieder erholt, seit die Staaten so viel Geld ausgeben.

          Erholt? Die Weltwirtschaft schrumpft, und die Arbeitslosigkeit steigt.

          Nun, die Welt ist groß. Länder wie China und Indien haben das Potential, weiter zu wachsen. Keine Frage, wir haben eine starke Rezession, ich erwarte auch keinen schnellen globalen Boom, aber verglichen, wie schlimm es zu Anfang des Jahres war, sehen die Dinge besser aus.

          Wo sollen Anleger investieren?

          Die wichtigste Frage lautet: Glaubt man wie ich daran, dass eine wirtschaftliche Erholung im Gange ist oder nicht? Angenommen, man glaubt es, sollten besonders solche Werte profitieren, die dieses Jahr bereits gut abgeschnitten haben.

          Konkrete Namen bitte!

          Ich empfehle keine einzelnen Aktien, ich nenne nur Branchen: Baustoffe, Chemie, aber auch Minenfirmen werden profitieren. Aktien von Energieunternehmen sind sehr günstig. Auch Unternehmen, die Bagger, Pumpen und Ventile herstellen, werden gefragt sein. Ausgaben für Infrastrukturprojekte steigen weiter - angetrieben nicht mehr durch private Investoren, sondern durch Staatsausgaben. Man sollte nicht in Unternehmen investieren, die Teil des vorherigen Booms waren und nun im Abschwung stark getroffen sind. Also keine Branchen, in denen es Überkapazitäten gibt, die Automobilbranche zum Beispiel, aber auch Banken.

          Investoren warten gespannt auf das Ergebnis des Stresstests für Banken in Amerika. Welche Institute brauchen mehr Kapital?

          Die Nachrichten sind mehr oder weniger raus. 10 der 19 Banken werden wohl mehr Kapital benötigen.

          Das klingt nicht gut.

          Es ist, wie es ist. Das Finanzsystem hat noch viele Probleme. Letztlich geht es aber weniger um das Ergebnis des Stresstests, sondern darum, dass sich die wirtschaftliche Lage insgesamt verbessert. Das hilft dann auch den Banken.

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