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Hypo Real Estate : Ein Spiegelbild des Vertrauensverlusts

  • Aktualisiert am

Was geht hinter den Türen vor? Bild: AFP

Erneut erlebten die Aktionäre der Hypo Real Estate einen heftigen Absturz des Kurses. Wieder war eine unglückliche Kommunikationspolitik der Auslöser. Die Wiederherstellung des Vertrauens dürfte ein gutes Stück Arbeit werden.

          3 Min.

          Bisweilen muss man sich wundern. Als die Hypo Real Estate (HRE) Mitte Januar das einräumte, was viel schon vermutet hatten, nämlich dass der „weltweit agierende Finanzierer von gewerblichen Immobilien“ eben nicht weit weg von der Krise bei Wohnungsbaukrediten in den Vereinigten Staaten sei, eine verkappte Gewinnwarnung gab und mehr angeschlagene Kredite im Portfolio einräumte, erlebte die Aktie den größten Kurssturz eines Dax-Werts an einem Tag, an den sich Börsianer erinnern können.

          Nach den Ereignissen des Montagnachmittags fragt man sich unwillkürlich zwei Dinge: Hat das Unternehmen kommunikationspolitisch nichts gelernt? Und stellt die Bank ihre Situation richtig dar?

          „Gelogen, dass sich die Balken biegen“

          Von der Finanznachrichtenagentur dpa-AFX befragte Händler schimpften wie die Rohrspatzen: „Da wird gelogen, dass sich die Balken biegen und dann überrascht die HRE erneut mit einer beiläufigen Mitarbeiterinfo, die dann zufällig in die Finanzpresse gelangt“. Das seien „Zustände wie im Entry Standard“, die Aussagen machten seiner Meinung nach eine Pflichtmeldung erforderlich. „Das bisschen noch nicht verspieltes Vertrauen geht gerade vor die Hunde“, so sein Resümee.

          Bild: F.A.Z.

          „Denen glaubt nun kein Mensch mehr irgendwas“, kommentierte ein zweiter Händler. Die HRE sei eine Blackbox, die man meiden sollte. „Wer weiß, was da noch so alles scheibchenweise rauskommt.“

          Stein des Anstoßes ist ein Brief des Vorstandsvorsitzenden Georg Funke an die Mitarbeiter, in dem der Konzernchef vor einem schwierigen Jahr warnte. „Das Erreichen unserer angestrebten Ziele bleibt möglich, ist aber sicherlich schwieriger geworden und hängt zu einem großen Maße von der künftigen Entwicklung der Märkte ab“, schrieb Funke.

          Verkappte Gewinnwarnung - die Fortsetzung

          Im Bereich Staatsfinanzierung sei das Jahr sehr erfreulich und mit steigenden Nettomargen angelaufen, heißt es in dem Brief. Das Neugeschäft in der Infrastrukturfinanzierung sei moderat gestartet. Dagegen sei das Neugeschäft bei der gewerblichen Immobilienfinanzierung, dem zweiten Standbein des Unternehmens, in den ersten beiden Monaten verhalten gewesen.

          Während die Funding-Spreads im ungedeckten Bereich gestiegen seien, profitiere die Gruppe derzeit von ihrer Fähigkeit, in großem Umfang gedeckte Refinanzierungen zu attraktiven Margen zu platzieren, schrieb Funke weiter. Wie sich jedoch die weitere Entwicklung bei den „Credit-Spreads“ auf das Ergebnis 2008 auswirken werde, lasse sich angesichts der anhaltenden Unsicherheiten an den Finanzmärkten und bei vielen Produkten nur schwer prognostizieren.

          Nach Bekanntwerden des Briefes fiel der Aktienkurs des Hypothekenfinanzierers am Montagnachmittag um 13,55 Prozent auf 14,35 Euro und damit den tiefsten Stand seit Oktober 2003. „Man kann das als Gewinnwarnung interpretieren“, begründete ein Händler die Kursverluste. So wurde bereits die Pflichtmeldung im Januar interpretiert.

          Spiegelbild eines Vertrauensverlusts

          Die Formulierung, dass ein Erreichen der Ziele „möglich“ erscheine, stoße am Markt auf wenig Vertrauen nach dem Kurssturz der Aktie zu Beginn des Jahres. Just das ist auch der wahre Hintergrund des Kurssturzes. So zeigte sich ein weiterer Börsianer vergleichsweise wenig überrascht. Die HRE habe bereits am Jahresanfang mitgeteilt, dass weitere Abschreibungen nicht auszuschließen seien. Der Kursabschlag sei völlig übertrieben.

          Die Reaktion der Börse zeigt weniger eine schlechte Lage der Hypo Real Estate an, sondern spiegelt vielmehr den allgemeinen Vertrauensverlust in den Bankensektor und speziell nach den Geschehnissen von Mitte Januar in das Unternehmen wider. Ein Analyst, der namentlich nicht genannt werden wollte, sagte, es sei nun die Frage, was in der nächsten Zeit noch „an die Oberfläche“ komme.

          Vorstandschef Funke schrieb in seinem Brief an die Mitarbeiter: „Ein wichtiges Thema ist die Wiederherstellung des Vertrauens der Märkte in unsere Gruppe“. Nun scheint der Schuss gründlich nach hinten losgegangen zu sein. Es wäre in diesem Sinne sicherlich geschickter gewesen, offen als intern zu kommunizieren, nachdem man nun dies schon in den vergangenen Monaten versäumt hat. Aber hinterher haben alle es schon vorher gewusst.

          Offene Bewertungsfragen

          Seit Jahresbeginn hat die Aktie damit bereits mehr als die Hälfte ihres Marktwerts verloren, wird nun mit einem Kurs-Gewinn-Verhältnis von 3,8 gehandelt, wobei dieses nach den Aussagen Funkes mit sehr viel Zurückhaltung betrachtet werden sollte.

          Die Frage stellt sich allerdings, in welchem Ausmaß niedrigere Gewinne bereits eingepreist sind. Mit einer Marktkapitalisierung von 2,9 Milliarden Euro ist die HRE mit knapp dem doppelten des für 2007 prognostizierten Umsatzes bewertet. Für die Deutsche Bank beträgt das Verhältnis rund 1,2 und für die Commerzbank 1,45. Bezogen auf das Betriebsergebnis liegen die Kennziffern bei 3,3 für die HRE und bei 5,1 für die anderen Banken. Insofern stellt sich für die Hypo Real Estate nicht anders wie für andere Banken die Frage, inwieweit die Gewinnprognosen zutreffen.

          Charttechnisch ist der Aktienkurs weiter auf dem Weg nach unten, nachdem er sich bis zur vergangenen Woche mühevoll im Bereich zwischen 17 und 19 Euro stabilisiert hatte. Nunmehr dürfte auch dem Test des Allzeittiefs nichts entgegen stehen, das kurz nach Notierungsaufnahme im Oktober 2003 erreicht wurde.

          Danach hat der Aktienkurs eine Chance auf Stabilisierung. Allerdings nur, wenn sich entweder die Finanzkrise sichtbar entspannt, was derzeit nicht abzusehen ist. Oder aber, wenn es der HRE gelingt, das Vertrauen der Märkte wieder herzustellen. Eine sichtbare Änderung der Kommunikationspolitik könnte dazu einen wertvollen Beitrag leisten.

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