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Chefvolkswirtin HSBC : „Jetzt müssen die Staaten mehr ausgeben“

  • Aktualisiert am

Janet Henry ist sei August 2015 Chefvolkswirtin der britischen HSBC. Bild: Helmut Fricke

Der Brexit bedroht Europa, sagt die Chefvolkswirtin der Bank HSBC und fordert: Mehr Schulden fürs Wachstum!

          Frau Henry, am Freitag haben wir einen der schlimmsten Börsencrashs der Geschichte erlebt. Welche Bedeutung hat das Brexit-Votum für die Weltfinanzmärkte und für Europa?

          Es ist ein Präzedenzfall, auch wenn zu erwarten war, dass nicht nur das Pfund von den globalen Marktreaktionen betroffen sein wird. Aufgrund der fragilen Weltkonjunktur bedeuten solche einschneidenden Ereignisse massive Kursschwankungen - vor allem in einem Umfeld geringer Investitionen, hoher Schulden, weltweit sinkender Inflation und Zentralbanken, die nicht mehr unendlich vielen Pfeile im Köcher haben.

          Droht nun abermals Panik wie nach der Lehman-Pleite 2008?

          Nein, damals waren der Auslöser völlig intransparente Hypothekenfinanzierungen in Amerika. Niemand wusste, welche Bank wie stark davon betroffen ist. Diesmal sind die wirtschaftlichen Folgen des Brexit-Votums klarer. Außerdem kommt die Abstimmung nicht überraschend wie die Lehman-Insolvenz 2008. Die Anleger konnten sich auf einen Brexit vorbereiten.

          Trotzdem reagierten die Märkte am Freitag heftiger als erwartet. Sie hatten in den Tagen davor auf eine Ablehnung des Brexits gewettet und wurden überrascht. Wie kommt das?

          Möglicherweise unterschätzte man, wie stark Themen wie Immigration und deren Folgen für Großbritannien die Wahlentscheidung beeinflussen.

          Wie war die Reaktion Ihrer Kunden auf das Votum?

          Nach den ersten Schockwellen war eine der zentralen Fragen, was diese Entscheidung für Europa und die Stabilität des Euros bedeuten würde. Jedoch käme der Euro nur durch eine Referendumsdebatte in Europa ernsthaft in Gefahr. Es wird nun eine der wichtigsten Aufgaben der führenden europäischen Länder sein, die Märkte durch einheitliches und koordiniertes Handeln zu überzeugen.

          Müssen wir uns jetzt wie nach der Lehman-Pleite Sorgen um die Banken machen?

          Nein. Die Finanzindustrie hat Maßnahmen getroffen, um auf den Brexit vorbereitet zu sein. Hinzu kommt, dass das Refinanzierungsprogramm der EZB für Banken am Freitag eher moderat in Anspruch genommen wurde.

          Werden die Notenbanken mit Zinssenkungen reagieren?

          Zumindest nicht sofort. Die Bank of England hat angekündigt, die neue Lage in den kommenden Wochen zu prüfen. Die nächste Sitzung ist am 14. Juli. Es ist nun auch sehr unwahrscheinlich, dass die amerikanische Notenbank Fed ihren Leitzins im Juli erhöht, auch September ist unwahrscheinlicher geworden. Danach wird die Fed in diesem Jahr wegen der Präsidentenwahlen in Amerika keine Zinsschritte mehr unternehmen. Die Zentralbanken werden aber unbegrenzt Notfallliquidität bereitstellen, damit die Banken flüssig bleiben, falls die Leute aus Unsicherheit ihr Geld abheben wollen. Und die schweizerische, schwedische oder japanische Notenbank könnten sich genötigt sehen, mit Käufen am Devisenmarkt einzugreifen. Denn ihre Währungen gelten als sichere Häfen, die jetzt gefragt sind. Sie wollen aber eine zu starke Aufwertung verhindern.

          Der japanische Yen ist ein sicherer Hafen?

          Ja, vor allem, weil die Staatsanleihen fast alle in inländischer Hand liegen. Japan ist deswegen kaum anfällig für Kapitalabflüsse.

          Und was wird die Europäische Zentralbank machen?

          Wenn die EZB müsste, könnte sie in den kommenden Tagen mehr Staatsanleihen aus den Euro-Krisenländern kaufen, um einen Anstieg der Renditen zu vermeiden. Das ist für kurze Zeit möglich, solange auf Monatsbasis die vorgegebenen Volumen eingehalten werden. Die EZB könnte auch das sogenannte OMT-Programm erstmals anwenden, nachdem das Bundesverfassungsgericht das am Dienstag erlaubt hat. Dann könnte sie gezielt Anleihen der Krisenländer kaufen. Allerdings müssten sich die Länder dann einer europäischen Überwachung unterwerfen, was keine nationale Regierung will.

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