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Höhenflug der Börsen : Jenseits der Gesetze der Schwerkraft

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Allen Zweifeln zum Trotz klettern die Aktienkurse auch noch nach einem Jahr scheinbar unbeirrt höher und höher. Anleger halten nach Menetekeln Ausschau, die das Ende der seit einem Jahr andauernden Marktrally ankündigen könnten.

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          Allen Zweifeln zum Trotz klettern die Aktienkurse auch nach einem Jahr scheinbar unbeirrt höher und höher. Noch am 30. März erreichten sowohl der Dow Jones als auch der Standard & Poor's 500 ihren höchsten Stand seit dem 26. September 2008.

          Aber selbst auf den längsten Sonnenschein muss irgendwann Regen folgen. Und so fragen sich Anlageprofis natürlich, wie lange der Markt seine Gewinnsträhne noch fortführen kann. Der Markt erreichte sein 18-Monats-Hoch ungeachtet weit verbreiteter Skepsis sowohl unter Anlegern als auch der amerikanischen Öffentlichkeit.

          Die meisten Privatanleger haben sich an der Rally nicht beteiligt. Laut Morningstar haben die Anleger im Februar 3,7 Milliarden Dollar aus amerikanischen Aktienfonds abgezogen. Das ist innerhalb der letzten sechs Monate schon der fünfte Monat, in dem Geld abfließt. Eine am 25. März veröffentlichte Umfrage der American Association of Individual Investors ergab, dass 34,7 Prozent der Befragten pessimistisch sind. Das sind mehr als die 32,4 Prozent, die den Markt mit Optimismus betrachten. Ende des Jahres 2009 waren lediglich 23 Prozent auf der Seite der Pessimisten zu finden.

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          Vielen Amerikanern scheint der Erfolg des Aktienmarktes verborgen zu bleiben; sie haben ein eher düsteres Bild der Wirtschaft vor Augen. Das ist das Ergebnis einer landesweiten Umfrage, die Bloomberg am 24. März veröffentlichte. Der breit angelegte S&P 500 kletterte zwischen dem 9. März 2009 und dem 26. März 2010 um 72,4 Prozent. Doch laut der Bloomberg-Umfrage erklärten nur 31 Prozent der amerikanischen Anleger, dass der Wert ihrer Geldanlage im vergangenen Jahr gestiegen sei. Im Gegensatz dazu erachten 22 Prozent den Wert ihrer Anlagen als unverändert, und 46 Prozent sagen, sie hätten Wertverluste erlitten.

          Pessimismus kann von Vorteil sein

          Ein solcher Pessimismus ist nicht unbedingt ein schlechtes Zeichen für das Wohlergehen des Marktes. Richard Sparks beobachtet als Aktienanalyst bei Schaeffer's Investment Research die Marktstimmung. Laut Sparks sind pessimistische Anleger oft ein positives Zeichen für den Markt, weil es darauf hindeutet, dass viele Aktienverkäufer im weiteren Verlauf der Markterholung zu Käufern werden könnten. Steigende Aktienkurse enden oft, wenn die Anleger „euphorisch“ werden, so Sparks. „Davon ist weit und breit nichts zu sehen.“

          „Wir sehen gerade die ersten Privatanleger wieder den Zeh ins Wasser stecken“, meint John Wilson, leitender technischer Stratege bei Morgan Keegan. „Ich denke nicht, dass wir schon von einer deutlich zunehmenden Risikobereitschaft auf dem Börsenparkett sprechen können.“

          Anlageexperten verweisen auf ein solides Fundament für den neuerlichen Aktienaufschwung. Die Gewinne im S&P 500 stiegen laut Bloomberg im letzten Quartal um 98 Prozent - das sind 5,4 Prozent mehr, als Analysten vorausgesagt hatten. Die jüngste Unternehmensmeldung, die die Zuversicht des Marktes belebte, war Oracles Prognose am 26. März, dass die Zunahme der Softwarelizenzverkäufe auf das Tempo von 2008 zurückkehren könnte.

          „Die überall zu hörende Phrase dieses ganzen Aufschwungs war 'besser als erwartet'“, berichtet John Merrill, Investment-Vorstand bei Tanglewood Wealth Management. „Die Unternehmen und die amerikanische Wirtschaft entwickeln sich weiterhin über den Erwartungen.“ Das amerikanische Bruttoinlandsprodukt stieg im letzten Quartal um 5,6 Prozent.

          Warum man weiter vorsichtig sein sollte

          Doch es gibt gute Gründe, vorsichtig zu sein. David Bianco, leitender Aktienstratege bei Bank of America Merrill Lynch, warnte, dass ein steiler Anstieg der Langzeitzinsen „das größte Risiko für diese Rally“ sei. Höhere Zinsen bremsen das Wirtschaftswachstum und lassen Anleihen im Vergleich zur Aktie interessanter aussehen. Die 10-jährige Staatsanleihe wirft derzeit 3,87 Prozent ab, aber ein „rascher Anstieg auf 4,25 Prozent würde die Rally abwürgen, und 4,5 Prozent oder mehr in allzu naher Zukunft könnte eine Korrektur um 10 Prozent hervorrufen“, schrieb er am 26. März. Aktienstrategen, die sich auf technische Analysen stützen, argumentieren, der Markt habe natürliche Grenzen: Nach langen positiven Wertentwicklungen müssten die Aktien zwangsläufig eine Pause einlegen.

          Quincy Krosby, Marktstrategin bei Prudential Financial, sieht mehrere Gründe, warum die Aktien sich weiterhin gut entwickeln könnten. In den Markt für Börsengänge „kehrt das Leben zurück“. Finanzaktien führten den Markt nach oben, was ein gutes Barometer dafür sei, wie die Anleger die Gesamtwirtschaft sehen. Trotz hoher Erwerbslosenzahlen gäben die Verbraucher weiterhin maßvoll Geld aus. Und, so meint sie, nur relativ wenige Unternehmen hätten in diesem Quartal Gewinnwarnungen ausgegeben, „was darauf schließen lässt, dass die Gewinne solider sind, als die aktuellen Schätzungen es vorsehen.“

          Allerdings, so warnt Krosby, könnten technische Faktoren das Potenzial für einen weiteren Aufwärtstrend des Aktienmarktes auf absehbare Zeit begrenzen. Nach einer langen Aufwärtsphase „werden wir eine Widerstandsschwelle erreichen, die der Markt nur schwer passieren kann“, meint sie und macht diesen Wert für den S&P 500 bei ca. 1.180 fest.

          Die Wirtschaftsdaten werden sich in diesem Jahr weiter verbessern, ist sich der leitende Marktstratege von BTIG, Mike O'Rourke, sicher. Aber ein Großteil dieser erwarteten Verbesserung spiegele sich bereits in den Aktienkursen wider. „Der Aktienmarkt wird sich gut machen“, prognostiziert er, „aber die Zuwächse könnten im Vergleich zum Wirtschaftswachstum etwas gedämpft erscheinen.“

          Die Marktrally scheint durch unerwartet starke Verbesserungen der wirtschaftlichen und unternehmerischen Bedingungen angetrieben worden zu sein. Wenn sich diese Entwicklung aber nicht fortsetzt, so könnte die Erholung ebenso plötzlich enden, wie sie begann.

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