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Heidelcement : Zu viele Belastungen

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Im Blickpunkt der Konjunkturpolitik im Kampf gegen Finanzkrise und Rezession: Zementsäcke von HeidelbergCement Bild: ddp

Die schlechten Nachrichten häufen sich rund um Heidelcement: Die Konjunkturaussichten sind trübe, die Schulden hoch, und Großaktionär Merckle muss möglicherweise verkaufen. Die Analysten sind sich in ihrer negativen Einschätzung einig wie selten.

          Die deutschen Aktienmärkte sind am Donnerstag kräftig in die Höhe gegangen, nur die Aktie des Baustoffherstellers Heidelberg-Cement zählte zu den Titel, die von dieser Aufwärtsbewegung nicht profitierten. Der Aktienkurs lag am Nachmittag 1,6 Prozent im Minus bei 38,21 Euro. Denn zusätzlich muss auch Großaktionär Adolf Merckle, der über verschiedene Gesellschaften insgesamt knapp 80 Prozent der Aktien hält, möglicherweise seinen Bestand reduzieren.

          Merckle hatte sich mit Engagements bei Volkswagen so heftig verspekuliert, dass er schon beim Land Baden-Württemberg wegen einer finanziellen Unterstützung anfragen musste. Nachdem Ministerpräsident Günther Oettinger (CDU) diese Bitte abgelehnt hatte, muss Merckle nun an sein Beteiligungsportefeuille ran, um Liquidität aufzutreiben.

          Möglicherweise wird der Unternehmer gezwungen sein, das Herzstück seines Unternehmensgeflechts, den Pharma-Hersteller Ratiopharm, zu verkaufen - oder seine Beteiligung an Heidelberg-Cement substantiell zu reduzieren. 700 Millionen bis eine Milliarde Euro muss Merckle angeblich auftreiben. Heidelberg-Cement hat derzeit eine Marktkapitalisierung von 4,9 Milliarden Euro. Somit müsste Merckle rechnerisch seine Beteiligung von knapp 80 Prozent um 15 bis 25 Prozent senken.

          Ein Großaktionär, mehrere Gesellschaften

          Dabei ist noch offen, welche Anteilseigner ihre Aktien verkaufen werden: Eine Merckle-Gesellschaft, die Spohn Cement GmbH, hält laut Bloomberg 53,6 Prozent an dem Unternehmen. Eine andere, Schwenk Beteiligungen, besitzt 6,9 Prozent. Adolf Merckle selbst kontrolliert 25,46 Prozent der Anteile. Da der Unternehmer nicht alle beteiligte Gesellschaften zu 100 Prozent besitzt, beläuft sich sein durchgerechneter Anteil an dem Baustoff-Hersteller auf weniger als 80 Prozent.

          Es ist nicht nur der drohende Verkauf eines größeren Aktienpakets, der zurzeit auf der Aktie lastet. Auch die schwache Konjunktur belastet die Gewinnaussichten des Baustoffherstellers, der zu den größten der Welt gehört. Traditionell ist Zement das Kerngeschäft des Unternehmens. In den vergangenen Jahren hat Heidelberg-Cement ein zweites Standbein mit Sand und Kies aufgebaut. Damit dehnte das Unternehmen seine Aktivitäten auf Beton aus.

          Opfer oder Nutznießer der Wirtschaftsflaute?

          Eine große Frage beschäftigt derzeit die Anleger: Kommt die Aktie des Baustoffherstellers unter die Räder der internationalen Wirtschaftsflaute, oder profitiert der Titel von den staatlichen Konjunkturprogrammen, die derzeit allerorten aufgelegt werden?

          Heidelberg-Cement selbst versucht, die optimistische Variante zu stützen: „Staatliche Konjunkturprogramme, die weltweit in Gang gesetzt werden, um den Auswirkungen der Finanzkrise auf die Realwirtschaft zu begegnen, sind fast durchwegs mit Impulsen für die Baustoffindustrie verbunden“, lautet die Sichtweise des betroffenen Unternehmens.

          Die Analysten dagegen kommen zu einem ganz anderen Urteil: Kein einziger von denen, die sich regelmäßig mit der Aktie befassen, wagt es derzeit, den Titel zum Kauf zu empfehlen. Vier von ihnen empfehlen, bestehende Positionen zu halten, aber nicht mehr aufzustocken. Und die Mehrheit, sieben Analysten, raten den Investoren, die Aktie abzustoßen.

          Analysten sind sich einig wie selten

          Vor allem in den vergangenen Tagen häuften sich die Warnungen. Am 25. November empfahl die DZ-Bank: Verkaufen, Kursziel 35 Euro. Schon am 21. November hatte das Bankhaus Lampe zum Verkauf geraten und das Kursziel von 62,50 Euro auf 27,50 Euro gesenkt. Lediglich die WestLB blieb gnädig und entschied auf Halten mit einem Kursziel von 34 Euro.

          Dass die Analysten eine Aktie so einhellig ablehnen, hat Seltenheitswert. Den großen französischen Konkurrenten Lafarge beispielsweise beurteilen die Experten deutlich positiver: 13 Analysten empfehlen Lafarge zum Kauf und nur zwei zum Verkauf, während sieben dazu raten, die Aktie zu halten.

          Schlechtere Bonitätsnote

          Bei Heidelberg-Cement kommt hinzu, dass der Konzern bei einem Jahresumsatz von 10,7 Milliarden Euro im vergangenen Jahr noch die 14 Milliarden Euro teure Übernahme des britischen Baustoffherstellers Hanson verkraften muss. Diese Akquisition hat zu einer Vergrößerung der ohnehin hohen Schuldenlast geführt. Vor wenigen Tagen senkte dann die Ratingagentur Standard & Poor's ihre Bonitätsbewertung von „BB+“ auf „BB-“.

          Schließlich musste Heidelberg-Cement auch noch für das dritte Quartal melden, dass der Nettogewinn von 526 Millionen Euro im Vorjahr auf nur noch 310 Millionen Euro gesunken ist. Dieser Wert lag indes noch leicht über den Analystenerwartungen von 284 Millionen Euro. Doch insgesamt ist es wohl doch etwas zu viel an schlechten Nachrichten, die in den vergangenen Wochen aus Heidelberg gekommen sind.

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