https://www.faz.net/-gv6-14bxe

Hedge-Fonds : "Spekulationskredite sind das Grundübel"

Richard Werner Bild: Privat

Ohne hohe Schulden sind viele Hedge-Fonds kaum rentabel, sagt der Professor und Fondsgründer Richard Werner. Das führe zu spekulativen Kreditblasen, die als Signal gelten sollten, Staatsanleihen zu verkaufen und Aktien zu kaufen.

          3 Min.

          Ohne eine hohe Verschuldung würden viele Hedge-Fonds nicht sehr rentabel arbeiten. Diese Ansicht vertritt Richard Werner, Ökonomieprofessor in Southampton und Frankfurt und selbst Gründer von Hedge-Fonds (“Providence Asset Management Ltd“). „Viele Fonds können durch ihr eigenes Handeln nur eine monatliche Eigenkapitalrendite von 0,1 Prozent erzielen - und dies überwiegend durch Trendfolgemodelle“, sagte Werner auf einer Veranstaltung in Frankfurt.

          Gerald Braunberger
          Herausgeber.

          Die von den Fonds angestrebten jährlichen Renditen von 15 bis 20 Prozent seien nicht durch eigene Leistungen möglich, sondern durch Bankkredite. Man bedürfe eines Hebels, also eines Verhältnisses von Fremdkapital zu Eigenkapital, von 15, um eine Rendite von 0,1 Prozent im Monat auf 15 bis 20 Prozent im Jahr zu bringen, rechnet Werner vor. Die hohe Verschuldung wiederum beschere dem Anleger das Risiko eines Totalschadens und der Gesamtwirtschaft die Gefahr von Blasen an den Vermögensmärkten und Bankenkrisen.

          Volatilität nicht so entscheidend für das Totalausfallrisiko

          Als „fatales Fehlurteil“ bezeichnet Werner die Vorstellung, dass eine geringe Volatilität an den Finanzmärkten mit niedrigem Risiko für die Fonds gleichgesetzt werde. Das Risiko eines Totalausfalls wird nach Ansicht des Ökonomen weniger durch die Volatilität bestimmt, sondern eher durch das Verhältnis von Fremdkapital zu Eigenkapital, eventuelle Klumpenrisiken, eine nicht ausreichende Liquidität der Anlagen sowie ein zu hoher Anteil von Short-Positionen, gemessen am gesamten Anlagevolumen. Viele Fonds sähen sich jedoch in einem Dilemma, denn wenn sie ihr Risiko reduzierten, meinten sie auch, ihre Chancen auf attraktive Erträge zu verringern. Das sei allerdings nicht zwingend.

          Werner plädiert dafür, sich von den üblichen, auf hoher Verschuldung und Trendfolgemodellen beruhenden Strategien zu verabschieden und stattdessen auf Voraussagen von Trends zu bauen: „Ein solcher Ansatz würde es ermöglichen, die Wendepunkte in Märkten vorherzusagen. Dies würde zu höheren Renditen ohne Leverage führen.“ Die Frage, ob wirtschaftliche Wendepunkte vorhergesagt werden, bezeichnet Werner als den „Heiligen Gral des Fondsmanagements“.

          Wirtschaftswachstum beeinflusst den Zins und nicht umgekehrt

          Werner arbeitet seit vielen Jahren an einer eigenen Wirtschaftstheorie, die sich auf heute vergessene Lehren früherer Denker wie der französischen Neokeynesianer um Edmond Malinvaud und seine eigenen langjährigen Erfahrungen in Japan stützt, wo er eine Dauerkrise vor Ort wahrnehmen konnte. Werners Überzeugung lautet, dass die traditionelle Sicht, wonach der Zinssatz das Wirtschaftswachstum beeinflusst, die Wahrheit auf den Kopf stellt. Vielmehr beeinflusse das Wirtschaftswachstum den Zins. Und weil die Rolle des Zinses überschätzt werde, taugten auch viele Modelle nichts, die Blasen an Vermögensmärkten oder Wechselkursveränderungen wesentlich durch Zinsänderungen erklären wollten.

          Für Werner ist es vor allem die Kreditschöpfung, die über Wirtschaftswachstum, Konjunkturzyklen, spekulative Blasen und Bankenkrisen bestimmt. Daher sieht Werner auch Aktienkurse, Immobilienpreise und Zinsen wesentlich durch die Kreditschöpfung beeinflusst. Dabei unterscheidet der Ökonom je nach der Verwendung drei Formen der Kreditschöpfung: Erstens gibt es Kredite, die für produktive Investitionen verwendet werden (“produktive Kreditschöpfung“). Sie tragen zu einem inflationsfreien Wirtschaftswachstum bei. Zweitens existieren Kredite, die für Konsumausgaben verwendet werden (“konsumtive Kreditschöpfung“). Sie fördert die Inflation, nicht aber das reale Wirtschaftswachstum.

          Vor Blasen und Krisen steigt der Anteil spekulativer Kredite

          Und schließlich drittens werden Kredite außerhalb der Güterwirtschaft für Geschäfte an Vermögens- und Immobilienmärkten verwendet (“spekulative Kreditschöpfung“). Sie trägt zu spekulativen Blasen an Vermögensmärkten bei. Zu diesen Spekulationskrediten zählt Werner Ausleihungen der Banken an Immobilienspekulanten, an Schattenbanken, die in strukturierte Wertpapiere investieren, Kredite an Hedge-Fonds und Private-Equity-Fonds, Kredite für Fusionen und Übernahmen sowie direkte Finanzinvestitionen der Banken. Werner kann anhand zahlreicher Krisen, zum Beispiel für das Japan der achtziger Jahre, zeigen, das Spekulationsblasen und Bankenkrisen eine Zunahme des Anteils der spekulativen Kredite am gesamten Kreditvolumen vorausgegangen ist.

          Für die Kapitalanlage bedeutet dies, auf Signale aus den Kreditstatistiken zu reagieren. Eine Zunahme der spekulativen Kredite am gesamten Kreditvolumen eines Landes soll tendenziell dazu verleiten, Staatsanleihen zu verkaufen und Aktien zu kaufen. Auch Prognosen über die Kursentwicklung erscheinen mit einem solchen Modell möglich. Für die Jahre 2002 bis 2007 nennt Werner für wichtige nationale Aktienmärkte eine Trefferquote von durchschnittlich 73 Prozent; für wichtige Währungen gegenüber dem Dollar wird die Trefferquote mit durchschnittlich 65 Prozent angegeben. Eine Prognose gilt in diesem Modell dann als erfüllt, wenn sich ein Vermögenspreis wie ein Aktien- oder Wechselkurs drei Monate nach der Prognose in die richtige Richtung bewegt hat.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Wahlplakate in Berlin

          Nach der Wahl : Was spricht für welche Koalition?

          Wo sind Brücken, wo sind Hindernisse in den bevorstehenden Sondierungen? Ampel und Jamaika liegen gar nicht so weit auseinander. Insofern gilt: Grüne und FDP suchen sich den Kanzler.
          Urbanes Gärtnern auf dem Tempelhofer Feld in Berlin

          Wege aus der Wohnungskrise : Bullerbü statt Babylon?

          Der grüne Traum vom innerstädtischen Blühstreifen begeistert die Wohlhabenden in Prenzlauer Berg. Was ist aber mit Marzahn oder Hellersdorf? Bei der Wahl, nicht nur in Berlin, geht es darum, wie wir wohnen werden.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.