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Halbleiter : Infineon enttäuscht einmal mehr

  • Aktualisiert am

Unklare Aussichten Bild: ddp

Vorstandschefs von Infineon hatten es selten leicht. Der neue, Peter Bauer, muss den Anlegern erst einmal eine Gewinnwarnung unterbreiten, statt sie mit Zukunftsmodellen zu beglücken. Das bringt den Kurs wieder einmal deutlich unter Druck.

          Besitzer der Aktien des Halbleiter-Konzerns Infineon mussten schon immer mit starken Kursschwankungen leben. Da machten auch die vergangenen Monate keine Ausnahme. Nach immer wieder wenig ansprechenden Geschäftszahlen, vor allem aufgrund der desaströsen Lage der Tochter Qimonda, sorgten seit Mitte März vor allem Spekulationen um eine Fusion oder Übernahme für Kursgewinne.

          Als sich dann am Dienstag Aufsichtsratschef Max Dietrich Kley durchsetzte und der bisherige Vorstandchef Wolfgang Ziebart zurücktrat, freute man sich zunächst, wuchsen damit doch die Hoffnungen, dass die frühere Siemens-Tochter nun bald mit der früheren Philips-Tochter NXP verheiratet werde.

          Neuer Vorstandschef macht Anleger nicht richtig froh

          Nicht dass diese eine lukrative Mitgift brächte: Im ersten Quartal konnte NXP seinen Umsatz um gerade mal 0,8 Prozent gegenüber dem Vergleichszeitraum des Vorjahres auf 1,52 Milliarden Dollar steigern, während das operative Ergebnis stagnierte. Zudem schrumpfte die Liquidität des Konzerns von 1,04 Milliarden Dollar zum Jahresende 2007 auf 519 Millionen Dollar.

          Indes kam man offenbar recht schnell zu der Ansicht, dass es sich wohl nicht um einen Befreiungsschlag handelte und der neue Konzernchef Peter Bauer letztlich die einzige Option war. Allerdings überwanden die Anleger auch dieses Stimmungstief und so holte die Infineon-Aktie die Kursverluste erneut auf.

          Am Donnerstag wird indes zunächst deutlich, dass Bauer, der schon am Dienstag als erstes ein Kostensenkungsprogramm ankündigte, wohl zunächst mal keine frohen Botschaften mitbringt.

          Prognose für Com-Sparte deutlich gesenkt

          Im Gegenteil zog das Unternehmen am Morgen die Prognosen für die Com-Sparte zurück, in der vor allem Handy-Chips hergestellt werden. Prompt rutscht die Notierung um bis zu zehn Prozent ab.

          Der Com-Sparte gilt als extrem wichtig, gehört sie doch zum Kerngeschäft und bereitet sie doch immer wieder Probleme. Zwar hält sich das Überraschungsmoment in Grenzen, doch die Enttäuschung über die Bestätigung der Befürchtungen wiegt schwer,.

          „Die Gewinnwarnung kommt für uns nicht überraschend“, sagt etwa Analyst Eerik Budarz vom Bankhaus Metzler. Der Markt sei auf der operativen Seite hart umkämpft. „Da wird der Break-Even sehnlichst erwartet und nun wird er erneut verschoben.“ Für das dritte Quartal sei ursprünglich ein Wachstum von sechs bis sieben Prozent erwartet worden. Nun senkte der Halbleiterhersteller die Prognose auf Null. Er sei aber schon vorher skeptisch gewesen und habe mit Verlusten gerechnet, sagte Budarz.

          Nicht überrascht, aber enttäuscht

          Infineon begründete die Gewinnwarnung mit geringeren Volumina einiger Projekte im Mobilfunkgeschäft. Das Betriebsergebnis vor Sondereffekten werde im Vergleich zum Vorquartal sinken, im vierten Quartal hofft man auf eine Verbesserung. Den Einfluss der neuen Com-Prognosen auf die Konzern-Erwartungen für das Gesamtjahr kann das Unternehmen derzeit noch nicht beziffern.

          DZ-Bank-Analyst Harald Schnitzer hält die Enttäuschung zwar für eingepreist, will aber dennoch seine Gewinnschätzungen überarbeiten, da er nun mit einem Quartalsverlust von 35 bis 40 Millionen Euro nach zuvor 25 Millionen rechnet. Auch das Anlageurteil will er überprüfen, das bislang „kaufen“ lautete. Auch Merck-Finck-Analyst Theo Kitz will seine Gewinnschätzungen anpassen.

          Was sich letztlich abermals zeigt, ist dass es eben nicht nur Qimonda ist, das wie ein Klotz am Bein von Infineon hängt, sondern das schwierige Halbleiter-Geschäft, in dem sich von heute auf morgen keine Wende bewerkstelligen lässt.

          Von einer Krise in die nächste

          Schon seit dem Geschäftsjahr 1999/2000 läuft es nicht mehr so recht rund bei Infineon. Mit dem Ende der großen Technologie-Hausse kristallisierten sich Halbleiter-Werte deutlich als Zykliker heraus und das gilt eben auch für Infineon.

          Nicht umsonst trennte sich die einstige Konzernmutter Siemens damals von der Tochter. Seither stolperte das Unternehmen von einer Krise in die nächste. Einmal waren es Sondereffekte wie Abschreibungen auf Lagerbestände, dann wieder verhagelten Sanierungskosten, die Pleite des wichtigsten Mobiltelefon-Kunden BenQ oder eben der Preisdruck bei Speicherchips das Ergebnis.

          Und Analysten haben auch einige Zweifel am Nutzen einer Fusion mit NXP, da beide Unternehmen auf unterschiedlichen Gebieten tätig sind. „Da überwiegen die Risiken die Chancen“, sagt beispielsweise Jürgen Wagner von Oppenheim Research. Nur teilweise sehen einige Analysten Überschneidungen. „In der Automobilelektronik würde das aber passen“, meint etwa Analyst Michael Busse von der LBBW.

          Erwartungen und Hoffnungen

          Selbst für das kommende Geschäftsjahr erwarten Analysten nur einen bescheidenen Gewinn, ganz zu schweigen von den hohen Verlusten durch Qimonda im laufenden Geschäftsjahr. Das Kurs-Gewinn-Verhältnis wird mit wenig unter 100 prognostiziert.

          Zwar liegt die Marktkapitalisierung mit 4,26 Milliarden deutlich unter dem prognostizierten Jahresumsatz, aber das gibt dem Aktienkurs nur eine gewisse Stütze nach unten. Zudem muss sich noch weisen, welche Belastungen sich noch aus Qimonda ergeben werden. Auch eine mögliche Fusion mit NXP dürfte das Bild deutlich verändern.

          Insofern bestimmen den Kurs derzeit viele Erwartungen und Hoffnungen. Insofern ist auch nicht verwunderlich, wenn die Anleger auf schlechte Nachrichten so verschnupft reagieren. Derzeit zeichnet sich für die Infineon-Aktie kein Träger einer stabilen Aufwärtsbewegung ab. Nach oben dürfte daher vorläufig an der Widerstandslinie bei sieben Euro Schluss sein, die durch das Februar- und das Maihoch markiert wird. Spätestens die starke Widerstandslinie bei acht Euro dürfte unüberwindbar sein. Doch dies alles kann sich ändern, wenn es tatsächlich Teilerfolge wie die Trennung von Qimonda oder ein neues Zukunftskonzept geben sollte.

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