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Ende ohne Schrecken? : Am Grexit ängstigt die Unsicherheit am meisten

Griechische Börse in Athen: eine Plastik zeigt steigende und fallende Kurse Bild: Henning Bode

Kommt es zum Grexit oder nicht? Auf eine griechische Staatspleite würden die Märkte kurz turbulent reagieren. Bundesanleihen und Euro litten kaum.

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          Mark Burgess erinnern die Griechenland-Verhandlungen langsam an Odysseus’ verschlungene Heimreise von Troja. Nach Angaben des globalen Aktienchefs von Columbia Threadneedle hat die amerikanische Investmentgesellschaft zuletzt die Quote europäischer Aktien im Portfolio gesenkt. Solange die Lage so unsicher bleibt, setzt man lieber auf Barbestände. Damit ist Columbia Threadneedle nicht allein.

          Tim Kanning
          Redakteur in der Wirtschaft.
          Thomas Klemm
          Redakteur im Ressort „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Eine Umfrage der Bank of America Merrill Lynch unter Vermögensverwaltern auf der ganzen Welt zeigt, dass viele von ihnen sich derzeit wegen der Unsicherheit um Griechenland aus den europäischen Aktienmärkten zurückziehen. Der Verlauf des Dax in den vergangenen zwei Wochen ist ein Beleg dafür; nach dem Abzug der IWF-Delegation aus Athen und dem Scheitern der Vermittlungsgespräche von Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker sauste der Index jeweils um mehrere Prozentpunkte nach unten.

          Die anhaltende Unsicherheit um Griechenland hält die Märkte in Atem. Viele Anleger wünschen sich längst das vielzitierte Ende mit Schrecken - wobei aus ihrer Sicht selbst bei einem Austritt Griechenlands aus der Währungsunion der Schrecken überschaubar wäre. Mit einem Ergebnis beim heutigen Treffen der Eurogruppe rechnet allerdings kaum jemand. Sollte auch der EU-Gipfel der Staats- und Regierungschefs am Donnerstag und Freitag kommender Woche keine Übereinkunft bringen, sei ein Zahlungsausfall unabwendbar, sagt Daniel Lenz, Analyst für Staatsanleihen bei der DZ Bank. Allerdings könnte der sich gut drei weitere Wochen hinziehen. Und zwar bis zu jenem 20. Juli, an dem Griechenland Staatsanleihen über 3,5 Milliarden Euro, die von der Europäischen Zentralbank (EZB) gehalten werden, zurückzahlen muss.

          Wie viele andere Marktteilnehmer hält Philipp Waldstein, Geschäftsführer des Vermögensverwalters von Munich Re, Meag, den Grexit für das „unwahrscheinlichste Szenario“: „Wahrscheinlich ist das weitere qualvolle Dahinzittern.“ Das würde den Euro weiter schwächen, die Zinsen blieben niedrig, und die Renditeabstände zwischen Bundesanleihen und denen der Peripherie wachsen wieder. Ein solches Auseinandergleiten der Risikoprämien ist schon seit Ende vergangener Woche zu beobachten.

          Der Aufschwung in Europa fördert einen starken Euro

          Sollten die Gespräche zwischen den Griechen und ihren Gläubigern scheitern, wird es nach Waldsteins Ansicht keine Kurseinbrüche an den Börsen geben. Dafür seien die internationalen Investoren viel zu wenig vernetzt mit dem griechischen Finanzmarkt. „Die Kapitalmärkte sind schon weitgehend immunisiert gegen Griechenland. Die Anleihen liegen inzwischen fast alle bei den europäischen Notenbanken und Finanzinstitutionen“, sagt Waldstein. Laut der französischen Investmentgesellschaft Amundi liegen gerade noch 12 Prozent der griechischen Schulden bei privaten Investoren.

          Edgar Walk, Chefvolkswirt beim Privatbankhaus Metzler, geht im Falle eines Grexit von nur kurzfristigen Verwerfungen auf den Aktien- und Rentenmärkten aus. Die Risikoprämien in der Eurozone könnten steigen, der Aktienmarkt kurzzeitig um 5 bis 10 Prozent fallen. „Die Angst vor Ansteckungsrisiken sind im Vergleich zu 2010 aber deutlich geringer“, sagt Walk. Zwar hat der Dax allein im Laufe des vorigen Monats mehr als 10 Prozent verloren, und auch andere europäische Indizes haben nachgelassen. Von den 15 von Bloomberg beobachteten Prognostikern hat aber keiner seine Schätzung für die europäischen Indizes zum Jahresende gesenkt. Jean-Louis Laurens, Chefanleger bei Rothschild & Cie Gestion, geht nach einem Grexit zwar von einer höheren Volatilität aus. Aber die Entwicklung der Aktienkurse würde mehr getrieben vom verbesserten wirtschaftlichen Umfeld und von gesteigerten Unternehmensergebnissen.

          Kommt es nach einem möglichen Grexit zum Dominoeffekt oder diszipliniert er andere kriselnde Eurostaaten?
          Kommt es nach einem möglichen Grexit zum Dominoeffekt oder diszipliniert er andere kriselnde Eurostaaten? : Bild: F.A.Z.

          Metzler-Chefvolkswirt Walk hält die aktuelle angespannte Lage für weniger bedrohlich als jene im Juli 2012. Damals waren die meisten Marktbeobachter von einem bevorstehenden Zusammenbruch der Eurozone ausgegangen, bis Draghi seine berühmt-beruhigende Rede („whatever it takes“) hielt. „Selbst in der damaligen Phase, die schlimmer war als die heutige, waren Bundesanleihen gesucht, und der Euro ist nicht abgestürzt“, sagt Walk. Im März 2012 kostete der Euro 1,33 Dollar, verbilligte sich im Juli auf 1,22 Dollar und hatte im September wieder fast sein Märzniveau erreicht (1,31 Dollar). Im Falle eines Ausscheidens Griechenlands aus der Eurozone hält Walk einen Euroabsturz für „unwahrscheinlich“: „Wenn der Aufschwung in der Eurozone anhält, müsste sich der Euro schnell wieder erholen.“

          Grexit mit Dominoeffekt? Nein, das Gegenteil wäre der Fall

          Sogar von einer Stärkung der Gemeinschaftswährung nach einem Grexit ginge auch Gertrud Traud, Chefvolkswirtin der Landesbank Hessen-Thüringen, aus. „In dem Fall könnte der Euro innerhalb kurzer Zeit wieder bei 1,20 oder sogar 1,25 liegen, weil das schwächste Glied dann raus ist und der Rest der Währungsunion wieder stabiler.“ Die Devisenexperten der DZ Bank sind pessimistischer. Sie rechnen im schlimmsten Falle damit, dass es auf dem Markt zu einem „Schockzustand“ käme und der Euro/Dollar-Wechselkurs kurzzeitig unter die Parität fiele; das heißt, 1 Euro würde weniger als 1 Dollar kosten. Am Mittwoch kostete er 1,128 Dollar.

          Helaba-Chefvolkswirtin Traud verweist darauf, dass ein Grexit auf die übrigen Peripheriestaaten disziplinierend wirken würde. „An die Domino-Geschichte glaube ich nicht“, sagt Traud. Im Gegenteil: Sollte Griechenland aus der Währungsunion ausscheiden und beispielsweise eine Parallelwährung einführen, würden andere Krisenkandidaten sehen, dass eine solche Lösung nicht angenehm ist. Das dürfte den Reformeifer erhöhen. Auch Rothschild-Gesellschafter Laurens hält die Ansteckungsgefahr für gering. Portugal, Spanien und Italien hätten ihre „Fähigkeit, sich selbst zu reformieren“, schon unter Beweis gestellt - anders als Griechenland.

          In Hellas könnte die Lage allerdings eskalieren, wenn die EZB die Ela, also die Notkredite für griechische Banken, einstellte. Bankenschließungen, soziale Unruhen, politische Instabilität hält die DZ Bank für möglich. An den Märkten drohten nur dann vorübergehend größere Verwerfungen, wenn Griechenland nach einer Staatspleite nicht in der Eurozone verbleiben, sondern ausscheiden sollte. Dies könnte die südlichen Peripheriestaaten beeinträchtigen. Zunächst, wenn Investoren von riskanten in sichere Anlagen umschichten würden. „Bundesanleihen würden davon profitieren“, sagt Lenz. Aber nur so lange, bis womöglich eine Kapitalflucht aus der Eurozone einsetzen würde. „In Erwartung eines schwächeren Marktes verabschieden sich die Anleger“, sagt Lenz.

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