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Ende ohne Schrecken? : Am Grexit ängstigt die Unsicherheit am meisten

Kommt es nach einem möglichen Grexit zum Dominoeffekt oder diszipliniert er andere kriselnde Eurostaaten?
Kommt es nach einem möglichen Grexit zum Dominoeffekt oder diszipliniert er andere kriselnde Eurostaaten? : Bild: F.A.Z.

Metzler-Chefvolkswirt Walk hält die aktuelle angespannte Lage für weniger bedrohlich als jene im Juli 2012. Damals waren die meisten Marktbeobachter von einem bevorstehenden Zusammenbruch der Eurozone ausgegangen, bis Draghi seine berühmt-beruhigende Rede („whatever it takes“) hielt. „Selbst in der damaligen Phase, die schlimmer war als die heutige, waren Bundesanleihen gesucht, und der Euro ist nicht abgestürzt“, sagt Walk. Im März 2012 kostete der Euro 1,33 Dollar, verbilligte sich im Juli auf 1,22 Dollar und hatte im September wieder fast sein Märzniveau erreicht (1,31 Dollar). Im Falle eines Ausscheidens Griechenlands aus der Eurozone hält Walk einen Euroabsturz für „unwahrscheinlich“: „Wenn der Aufschwung in der Eurozone anhält, müsste sich der Euro schnell wieder erholen.“

Grexit mit Dominoeffekt? Nein, das Gegenteil wäre der Fall

Sogar von einer Stärkung der Gemeinschaftswährung nach einem Grexit ginge auch Gertrud Traud, Chefvolkswirtin der Landesbank Hessen-Thüringen, aus. „In dem Fall könnte der Euro innerhalb kurzer Zeit wieder bei 1,20 oder sogar 1,25 liegen, weil das schwächste Glied dann raus ist und der Rest der Währungsunion wieder stabiler.“ Die Devisenexperten der DZ Bank sind pessimistischer. Sie rechnen im schlimmsten Falle damit, dass es auf dem Markt zu einem „Schockzustand“ käme und der Euro/Dollar-Wechselkurs kurzzeitig unter die Parität fiele; das heißt, 1 Euro würde weniger als 1 Dollar kosten. Am Mittwoch kostete er 1,128 Dollar.

Helaba-Chefvolkswirtin Traud verweist darauf, dass ein Grexit auf die übrigen Peripheriestaaten disziplinierend wirken würde. „An die Domino-Geschichte glaube ich nicht“, sagt Traud. Im Gegenteil: Sollte Griechenland aus der Währungsunion ausscheiden und beispielsweise eine Parallelwährung einführen, würden andere Krisenkandidaten sehen, dass eine solche Lösung nicht angenehm ist. Das dürfte den Reformeifer erhöhen. Auch Rothschild-Gesellschafter Laurens hält die Ansteckungsgefahr für gering. Portugal, Spanien und Italien hätten ihre „Fähigkeit, sich selbst zu reformieren“, schon unter Beweis gestellt - anders als Griechenland.

In Hellas könnte die Lage allerdings eskalieren, wenn die EZB die Ela, also die Notkredite für griechische Banken, einstellte. Bankenschließungen, soziale Unruhen, politische Instabilität hält die DZ Bank für möglich. An den Märkten drohten nur dann vorübergehend größere Verwerfungen, wenn Griechenland nach einer Staatspleite nicht in der Eurozone verbleiben, sondern ausscheiden sollte. Dies könnte die südlichen Peripheriestaaten beeinträchtigen. Zunächst, wenn Investoren von riskanten in sichere Anlagen umschichten würden. „Bundesanleihen würden davon profitieren“, sagt Lenz. Aber nur so lange, bis womöglich eine Kapitalflucht aus der Eurozone einsetzen würde. „In Erwartung eines schwächeren Marktes verabschieden sich die Anleger“, sagt Lenz.

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