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Goldman Sachs : Analysten im Zwielicht

  • Aktualisiert am

Heiße Tipps - oder heiße Luft? Bild: AFP

Die amerikanische Bank Goldman Sachs gerät an der Wall Street wegen fragwürdiger Tipps ihrer Aktienanalysten unter Beschuss. Aktienexperten der Bank haben Top-Kunden ihrer Handelssparte seit Jahren exklusive Aktientipps gegeben.

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          Die amerikanische Bank Goldman Sachs gerät an der Wall Street wegen fragwürdiger Tipps ihrer Aktienanalysten unter Beschuss. Wie das „Wall Street Journal“ berichtete, haben Analysten von Goldman Sachs in regelmäßigen Konferenzen Händlern der eigenen Firma sowie einer begrenzten Zahl guter Kunden ihrer Handelssparte Empfehlungen für kurzfristige Transaktionen gegeben, die sich manchmal nicht mit ihren langfristigen Empfehlungen deckten. Aufgrund dieser Informationen wollen die Wertpapieraufsichtsbehörde SEC sowie die nachgeordnete Börsenaufsicht Finra nun Ermittlungen einleiten.

          Goldman Sachs erwägt mittlerweile eine Veröffentlichung der fraglichen Empfehlungen auf der Internetseite der Bank, um sie allen Kunden zugänglich zu machen. Gleichzeitig verteidigt die Bank die bisherige Praxis aber. Goldman dementiert, dass Analysten gegenüber unterschiedlichen Kunden verschiedene Ansichten geäußert hätten. Bei den Ideen, die während der wöchentlichen Besprechungen geäußert würden, handele es sich nur um „Marktnuancen“, die immer mit der fundamentalen Einschätzung in veröffentlichten Analysen übereinstimmten. „Analysten dürfen keine unterschiedlichen Ansichten äußern, ohne diese Einschätzung zu veröffentlichen“, sagte ein Sprecher. Konkurrenten wie Morgan Stanley geben ihren Kunden ebenfalls kurzfristige Aktientipps, veröffentlichen sie aber auf ihrer Internetseite. Prognosen von Analysten können Aktienkurse bewegen. Goldman macht den Löwenanteil seiner Erträge mit Wertpapierhandel für Kunden und auf eigene Rechnung.

          Wurden einzelne Kunden vorinformiert?

          Das Wertpapierrecht verlangt, dass Unternehmen wie Goldman Kunden fair behandeln. Analysten dürfen zudem keine Einschätzungen veröffentlichen, die ihrer eigentlichen Meinung zu den Aussichten für eine Aktie entgegenstehen. Es wäre illegal, wenn ausgewählte Kunden mit den Aktientipps vorab über anstehende Änderungen bei Prognosen informiert würden. Genau diese Vorwürfe erhebt der Bericht, der sich auf interne Dokumente von Goldman bezieht.

          Ein Beispiel: Anfang April 2008 lag die Bewertung der Aktie der Fondsgesellschaft Janus Capital durch Goldman-Analyst Marc Irizarry bei „neutral“. Irizarry rechnete also mit einer dem Marktdurchschnitt entsprechenden Kursentwicklung. In einem internen Treffen noch im gleichen Monat sagte der Analyst Dutzenden von Goldman-Händlern, dass der Aktienkurs von Janus wahrscheinlich steigen dürfte. Einen Tag später riefen Mitarbeiter der Analyseabteilung 50 Top-Kunden an, darunter die großen Hedge-Fonds- Gesellschaften Citadel Investment Group und SAC Capital Advisors. Erst sechs Tage später veröffentlichte Irizarry für den Rest der Kunden einen schriftlichen Bericht mit seinen nunmehr angehobenen Prognosen. Der Aktienkurs von Janus war zu diesem Zeitpunkt bereits um knapp 6 Prozent gestiegen.

          Seitdem Goldman vor zwei Jahren mit den wöchentlichen Treffen begonnen hatte, wurden Händlern und Top-Kunden Handelsideen für Hunderte von Aktien übermittelt. Die Bezeichnung für die Treffen - „Huddle“ - signalisiert eine gewisse Heimlichtuerei. Als Huddle bezeichnet man im amerikanischen Football die Phase vor einem Angriff, in dem Spieler die Köpfe zusammenstecken und den nächsten Spielzug besprechen.

          Weiterer Imageschaden für Goldman Sachs

          Die Kontroverse um die Analysten droht das derzeit ohnehin angeschlagene Image von Goldman Sachs in der amerikanischen Öffentlichkeit weiter zu beschädigen. Die Bank ist zum Symbol der Gier und der Bonusexzesse an der Wall Street geworden, die mit als Grund für die Finanzkrise gelten - auch wenn Goldman die Krise weitgehend profitabel gemeistert hatte. Goldman hat in diesem Jahr angesichts von Rekorderträgen im Handelsgeschäft bereits mehr als 11 Milliarden Dollar für potentielle Boni zurückgestellt. Erst vor sechs Jahren hatte ein Skandal um Interessenkonflikte bei Analysten an der Wall Street für Aufsehen gesorgt. Um für die Investmentbanker im eigenen Haus Aufträge zu generieren, hatten Analysten während der Hausse der späten neunziger Jahre oft Aktien zum Kauf empfohlen, die sie intern und in später bekannt gewordenen E-Mails als schlechtes Geschäft bezeichnet hatten. Das hatte zu einem außergerichtlichen Vergleich zwischen Aufsichtsbehörden und zehn großen Wall-Street-Banken geführt. Teil dieses Vergleichs, an dem auch Goldman Sachs beteiligt war, war die Zahlung von insgesamt 1,4 Milliarden Dollar und eine Reform der Analyseabteilungen mit strengen Begrenzungen der Kontakte zwischen Investmentbankern und Analysten.

          Die neue Kontroverse betrifft nun nicht die Investmentbanker, die für Emissionsgeschäft und Fusionsberatung von Unternehmen zuständig sind. Es betrifft das Handelsgeschäft, das besonders bei Goldman zur wichtigsten Gewinnquelle geworden ist.

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