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Glosse : Gott, Adam Smith und der moderne Kapitalismus

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Mittlerweile dürfte es selbst Adam Smith schwerfallen, den modernen Kapitalismus zu verteidigen - besonders vor dem Herrn. Glosse.

          2 Min.

          Anfang des 21. Jahrhunderts: Adam Smith und sein Schöpfer schauen auf die kapitalistische Welt hinab.

          „Es werden schlimme Anschuldigungen gegen das System erhoben, das du dir ausgedacht hast, Adam“, sagt der Herr. „Die Chief Executives deiner Unternehmen sind habgierig und voller Stolz. Sie manipulieren die Märkte, die du so sehr befürwortest. Sie belügen ihre Aktionäre. Ich muss ehrlich zu dir sein: Ich habe mich gerade dazu entschlossen, das ganze System zu zerstören und von vorne anzufangen.“

          Ein guter Kern im Kapitalismus?

          Smith weiß, dass die Anschuldigungen berechtigt sind. Trotzdem glaubt er noch immer daran, dass der Kapitalismus allen anderen Wirtschaftssystemen überlegen ist. „Wirst du wirklich die Unschuldigen zusammen mit den Ruchlosen vernichten?“, wagt er zu entgegnen. „Ich bitte dich Herr, wenn ich dir 50 unschuldige CEOs zeigen kann, wirst du dann das System verschonen?“
          „Wenn du 50 unschuldige CEOs findest, werde ich den Kapitalismus verschonen“, antwortet der Herr.

          Sofort beginnt Smith, sich zu fragen, wo er diese finden könnte. Xerox, ein Hersteller von Kopiergeräten mit einst bemerkenswertem Wachstum, hat eingeräumt, in den letzten fünf Jahren seine Einnahmen künstlich um 1,9 Milliarden Dollar aufgebläht zu haben. WorldCom, ein Unternehmen, das aus dem Nichts zur Muttergesellschaft des Ferngesprächsanbieters MCI wurde, hat über fünf Quartale hinweg 3,85 Milliarden Dollar Ausgaben versteckt und dann Konkurs angemeldet.

          Und wenn es fünf Unschuldige zu wenig sind?

          „Vielleicht gibt es aber nur 30 unschuldige CEOs“, sagt Smith. „Wirst du wegen der fehlenden fünf das ganze System zerstören?“ „Ich werde den Kapitalismus nicht zerstören, wenn ich 30 unschuldige CEOs finde“, sagt der Herr.

          Smith ist zufrieden, allerdings nur für einen kurzen Moment. Dann fallen ihm die gierigen Machenschaften ein, die er beobachtet. Gegen Dennis Kozlowski, den ehemaligen Chairman von Tyco International, wurde Anklage erhoben, weil er New York um die Umsatzsteuer betrogen hat. Um die Umsatzsteuer, um Himmels willen, nicht etwa um die Einkommensteuer.

          Oder auch zehn?.

          Auch Samuel Waksal, Ex-CEO von ImClone Systems, steht vor Gericht. Denn er soll seiner Familie einen Wink gegeben haben, dass die amerikanische Food and Drug Administration (FDA) einem von ImClone entwickelten Krebsmittel die Zulassung verweigert hat. Dadurch konnten diese Verwandten ihre ImClone-Aktien verkaufen bevor deren Kurs nach der Bekanntgabe der FDA-Entscheidung einbrach.

          „Vielleicht gibt es auch nur 20 Unschuldige“, sagt Smith zum Herrn. Der Herr zeigt sich noch immer gnädig: „Ich werde den Kapitalismus nicht zerstören, wenn es 20 unschuldige CEOs gibt.“

          Eigenheiten der Wall Street

          Der Vater des Kapitalismus ist noch immer besorgt. Die Aktienkurse fallen weiter, da die Anleger das Vertrauen in die amerikanischen Unternehmen verlieren. Wer kann es ihnen verübeln? Smith denkt an die Führungskräfte der Unternehmen an der Wall Street, die vielversprechende Aktienneuemissionen für ihre Freunde bei Vermögensverwaltungsgesellschaften reservierten und für unsolide Internet-Aktien warben.

          „Mein Herr, zürne nicht, aber was ist, wenn es nur 10 Unschuldige gibt?“, bittet er.
          „Ich werde es nicht tun, wenn du 10 Unschuldige findest“, sagt der Herr.

          Die Betrüger fielen weich

          Und Smith fragt sich: Kann er tatsächlich so viele CEOs finden, die sich nicht am Geld der Aktionäre bedient haben? Führungskräfte haben sich selbst Hunderte Millionen in Form von Boni und Aktienoptionen gegönnt - ganz zu schweigen von den mehreren zehn Millionen, die sie sich von ihren eigenen Unternehmen geliehen haben. Und das zu Zeiten, als ihre Unternehmen Geld und Marktanteile verloren und Mitarbeiter entlassen mussten. Schlimmer noch, eben jene CEOs sitzen noch immer in den Boards der jeweils anderen, beschließen Vergütungspakete und behindern Reformen, wie zum Beispiel den Abzug der Kosten für Aktienoptionen vom Einkommen.

          „Mein Herr, bitte verzeih meine Verwegenheit, aber was ist, wenn sich gar nur ein Unschuldiger findet?“, fragt er. Da wendet der Herr sich ab, und Smith, der die Zukunft des Kapitalismus in seinen Händen hielt, weiß, was die Stunde geschlagen hat.

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