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Prognose kassiert : Bilfinger schockt Anleger

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Ein pessimistischer Ausblick brockte den Aktien des Baukonzerns Bilfinger den zweitgrößten Tagesverlust der Firmengeschichte ein. Bild: obs

Die Energiewende in Deutschland bringt nach den großen Versorgern auch den Bau- und Dienstleistungskonzern Bilfinger in die Bredouille. Einer Senkung der Prognosen folgt ein massiver Kurssturz.

          Der Bau- und Dienstleistungskonzern Bilfinger hat am Dienstag die Aktienanleger erschreckt. Der Vorstandsvorsitzende Roland Koch zog in der Nacht zu Dienstag die Prognose für dieses Jahr zurück. Statt mit einer deutlichen Zunahme des bereinigten operativen Gewinns rechnet der ehemalige hessische Ministerpräsident nun für 2014 mit einem Rückgang von bis zu 10 Prozent. Das mittelfristige Wachstumsziel, mit dem er 2011 als Konzernlenker angetreten war, stehe auf dem Prüfstand.

          Koch kündigte zudem an, mit einem weiteren Sparprogramm im schon länger schleppenden Kraftwerks-Geschäft in Deutschland dagegen zu halten. Zunächst wurde dem mit einem Stellenabbau in der Verwaltung entgegen gesteuert. Damit sollten die Kosten in diesem Jahr um 40 Millionen Euro sinken. Die neuen Sparprogramme werden im zweiten Halbjahr zunächst zu einem Aufwand in zweistelliger Millionenhöhe führen. Der Ausbau des Ökostroms mache etliche Kraftwerke in Deutschland überflüssig und unrentabel. Die Energieversorger hielten sich mit Investitionen zurück, erklärte Bilfinger. Auch auf Nachbarländer wirke sich das aus. So verhindere kostenloser deutscher Windstrom Kraftwerksneubauten in Polen.

          Zur Börseneröffnung fiel der Kurs der Aktie wie ein Stein - die Titel verloren mehr als 16 Prozent an Wert auf 69,50 Euro und lagen zum Tagesende 17,7 Prozent im Minus. „Es war jetzt Zeit für den früheren Politiker Koch, zu liefern - und was ist jetzt los? Eine harsche Warnung“, kritisierte ein Börsianer. Koch treibt den unter seinem Vorgänger Herbert Bodner eingeleiteten Umbau des Konzerns voran. Bilfinger zog sich immer mehr aus dem renditeschwachen, stark konjunkturabhängigen Baugeschäft zurück und wandelte sich zum Ingenieurdienstleister. Mit der Konzeption und Wartung von Kraftwerken und Industrieanlagen erwirtschaftete Bilfinger im vergangenen Jahr 60 Prozent seines Umsatzes von 8,5 Milliarden Euro. Vom Baugeschäft blieb der Hochbau, stärker ausgebaut wird allerdings das Gebäudemanagement.

          Bilfingers Gewinn war im vergangenen Jahr bei leicht geschrumpftem Umsatz kaum gestiegen. In diesem Jahr rechnet der Konzern nun sogar mit einem Rückgang. Der bereinigte operative Gewinn (Ebita) dürfte zwischen 380 und 400 Millionen Euro liegen und damit unter dem Vorjahreswert von 419 Millionen Euro. Auch das Konzernergebnis werde um bis zu 10 Prozent auf 230 bis 245 Millionen Euro sinken. Die Leistung werde bei rund 7,9 Milliarden Euro liegen.

          Bei seinem Antritt vor drei Jahren hatte sich Koch vorgenommen, den Umsatz auf elf bis zwölf Milliarden Euro und das bereinigte Konzernergebnis auf 400 Millionen Euro zu steigern. Diese Ziele werden bis zum dritten Quartal überprüft, kündigte Bilfinger an.

          Die deutschen Börsen verzeichneten unterdessen Zugewinne. Der Dax kletterte um 0,7 Prozent auf 9902 Punkte. Der mit 100 Werten den Markt breiter abbildende F.A.Z.-Index legte indes nur 0,6 Prozent auf 2030 Punkte zu. Hier belasteten die Kursverluste der Bilfinger-Aktie.

          Aktuelle Wirtschaftsdaten aus der Eurozone gaben kaum Impulse, erst Daten aus den Vereinigten Staaten sorgten für Auftrieb. Die Industriestimmung im Euroraum - gemessen am Einkaufsmanagerindex - hat sich im Juni stärker als erwartet eingetrübt. Die Arbeitslosigkeit im Euroraum ist im Mai von einem hohem Niveau aus leicht zurückgegangen. Arkadius Barczynski, Marktanalyst beim Broker GKFX, glaubt, dass sich die Marktteilnehmer bis Donnerstag, wenn der amerikanischen Arbeitsmarktbericht und der EZB-Zinsentscheid anstehen, mit Engagements zurückhalten werden.

          In Amerika stiegen die Bauausgaben im Mai schwächer als erwartet. Zudem ging der Einkaufsmanagerindex für die Industrie im Juni überraschend zurück. Marktexperte Robert Halver von der Baader Bank erkannte in den Daten „das beste aus zwei Welten: Sie sind gut, aber nicht so robust, dass man Angst vor steigenden Zinsen haben müsste“.

          Der Aktienkurs von Rhön-Klinikum fiel um 1,7 Prozent. Der Medizinkonzern Fresenius verkauft seine Beteiligung von 5 Prozent an dem Klinikbetreiber. Dagegen knüpft die Aktie von Borussia Dortmund an ihren starken Wochenauftakt an und verteuerten sich um weitere 5,1 Prozent. Laut einem Pressebericht will nach Evonik nun auch noch der Sportartikelhersteller Puma bei dem Fußball-Bundesligist als Investor einsteigen.

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