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Blackrock-Chefstratege : „Die Aktienkurse steigen auch 2016“

Martin Lück - Der Chef-Investmentstratege für Deutschland bei der amerikanischen Anlagegesellschaft Blackrock stellt sich in Frankfurt den Fragen von Dennis Kremer Bild: Patricia Kühfuss

Martin Lück, Chefstratege von Blackrock, rät zu Aktien. Für Freunde der Work-Life-Balance hat er einen besonderen Börsentipp parat.

          5 Min.

          Herr Lück, die Europäische Zentralbank (EZB) hat am vergangenen Donnerstag den Dax zum Absturz gebracht. Was ist da schiefgelaufen?

          Dennis Kremer
          Redakteur im Ressort „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          EZB-Präsident Mario Draghi hat die Börsen auf dem falschen Fuß erwischt. Die Marktteilnehmer hatten wesentlich mehr erwartet: nicht nur eine Verlängerung des Anleihekaufprogramms, sondern auch ein höheres Volumen. Und auch keinen Einlagezins von minus 0,3 Prozent wie jetzt beschlossen, sondern einen noch niedrigeren Wert.

          Warum führen solche Feinheiten dazu, dass der Dax deutlich unter die Marke von 11 000 Punkten fällt?

          Weil es aus Sicht der Marktakteure mehr als nur Feinheiten sind. Die Märkte haben im Vorfeld der Entscheidung den Fehler begangen, zu viel in die Aussagen der EZB hineinzuinterpretieren. Damit haben sich Erwartungen aufgebaut, die die EZB dieses Mal nicht erfüllen konnte.

          Sind Sie sicher? Man könnte auch der Ansicht sein, dass der EZB-Präsident ein Kommunikationsproblem hat.

          Das denke ich nicht. Für viel wahrscheinlicher halte ich etwas anderes: Draghi und seine Kollegen im EZB-Rat haben erkannt, dass sie sich in der Geldpolitik nur dann einen gewissen Spielraum bewahren können, wenn sie die Märkte auch einmal enttäuschen. Mal angenommen, die EZB würde immer deutlich mehr beschließen, als die Marktakteure erwarten. Bildlich gesprochen, hätte sie dann ziemlich schnell keine Patronen mehr im Lauf, weil ihr Spielraum vollständig ausgeschöpft wäre. Drastisch formuliert müsste man sagen: Dann wäre sie am Ende.

          Ist nicht viel gefährlicher, dass die EZB mit ihrer Nullzinspolitik die Sparer enteignet?

          Meiner Ansicht nach tut die EZB, was sie tun muss. Ihre wichtigste Aufgabe ist es, die Inflation in Nähe eines Wertes von zwei Prozent zu verankern. Daran muss sich eine Zentralbank messen lassen. Sie ist aber nicht nur gefordert, wenn die Inflation zu hoch ausfällt, sondern auch, wenn sie zu niedrig ist. Das ist zurzeit der Fall: Nur 0,1 Prozent beträgt die Rate im Euroraum gerade. Darum halte ich die aktuellen Maßnahmen für völlig gerechtfertigt.

          Noch einmal: Die Sparer in Deutschland leiden darunter.

          Die EZB allein kann die Angelegenheit nicht richten. Sie kann den Regierungen Europas nur Zeit kaufen - für strukturelle Veränderungen wie beispielsweise eine Verbesserung der Haushaltslage müssen diese selbst sorgen. Das wurde schon oft gesagt, bleibt aber nach wie vor richtig. Und so unangenehm die Situation für deutsche Sparer auch ist: Ihnen bleiben Ausweichmöglichkeiten. Sie können zum Beispiel Aktien kaufen.

          Einem Haus wie Blackrock spielt das in die Hände.

          Auch wir würden uns wünschen, dass sich die Zinssituation wieder normalisiert. 2016 hat das Potential, zu einem guten Jahr für Aktien zu werden. Kein spektakuläres Jahr zwar, aber ein ansehnliches. Fragen Sie mich jetzt nicht, wo genau der Dax am Ende des Jahres stehen wird, das ist Kaffeesatzleserei. Aber ich erwarte, dass der Endstand 2016 höher sein wird als der Stand zum Ende dieses Jahres.

          Welche Aktien sollen Anleger denn kaufen?

          Wir empfehlen ein Übergewicht in europäischen Aktien. Die europäischen Volkswirtschaften werden in diesem Jahr mit rund 1,5 Prozent wachsen, im nächsten Jahr wird es sogar noch etwas mehr sein. Allmählich holen wir gegenüber Amerika wieder ein bisschen auf. Gleichzeitig sind europäische Aktien wesentlich besser bewertet: Ihr Kurs-Gewinn-Verhältnis liegt unter dem langfristigen Durchschnitt. Das heißt: Sie sind immer noch relativ günstig.

          Martin Lücks Chef: Laurence Fink, CEO des Finanzkonzerns Blackrock
          Martin Lücks Chef: Laurence Fink, CEO des Finanzkonzerns Blackrock : Bild: dpa

          Könnte nicht eine abermalige Krise in Griechenland die Märkte durcheinanderwirbeln? Europäische Aktien würden darunter leiden.

          Ich kann nicht ausschließen, dass uns Griechenland auch im nächsten Jahr wieder beschäftigen wird. Aber einen starken Effekt an der Börse wird dies voraussichtlich nicht haben. Dazu fällt mir ein persönliches Erlebnis aus diesem Sommer ein: Wissen Sie, ich habe einen sehr netten Nachbarn, der sein Geld gerne an der Börse anlegt. Immer wenn er mich im Garten oder auf der Straße erblickte, hat er gefragt, wie es denn nun wirklich um Griechenland stehe. Seit ein paar Monaten fragt er mich nicht mehr. Das zeigt im Kleinen, was wir auch im Großen sehen: Es ist ein Gewöhnungseffekt eingetreten - obwohl das Problem noch längst nicht gelöst ist. Aktuell macht mir allerdings Portugal mindestens genauso viele Sorgen wie Griechenland.

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