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Chinas lockere Geldpolitik : Nach der Party kommt die Angst

Als die Aktien sonnig waren: Schanghais Neureiche in einem der größten Nachtklubs der Stadt Bild: Polaris/laif

Lange hatte China die Börsenkurse mit lockerer Geldpolitik und Propaganda nach oben getrieben. Nun stehen Privatanleger vor dem Ruin. Und fühlen sich von Peking betrogen.

          7 Min.

          Wie viel hast du verloren? Alles? Ich auch. Und noch mal das Vierfache auf Kredit. Ja, ich könnte mich auch umbringen.“ Die Chatgruppe „Sonnige Aktien“ hat 300 Mitglieder. In Wahrheit lautet ihr Name ein wenig anders, denn man muss eingeladen werden, um beitreten zu können. Man kennt sich und will unter sich bleiben - um offen reden zu können über die Verluste, die man an der Börse gemacht hat, seitdem Chinas Aktienmarkt binnen sechs Wochen um fast ein Drittel an Wert verloren hat. Kapital in Höhe von etwa vier Billionen Dollar wurde vernichtet.

          Hendrik Ankenbrand

          Wirtschaftskorrespondent für China mit Sitz in Schanghai.

          Die Chatgruppe „Sonnige Aktien“ ist einer der Millionen Diskussionsforen des Internetdienstes Wechat, den eine halbe Milliarde Chinesen auf ihren Mobiltelefonen installiert haben und darauf täglich fast pausenlos miteinander kommunizieren: beim Aufstehen, auf dem Weg zur Arbeit, bei der Arbeit, in der Mittagspause, beim Abendessen mit der Partnerin, beim Zubettgehen.

          Die Mitglieder des Internetforums haben in ihr Wechat-Konto Fotos gestellt, die ihr Leben zeigen, ihren Wohlstand, ihre Träume. Es sind Bilder strahlender Menschen zwischen dreißig und vierzig Jahren, glücklich im Urlaub in den bayerischen Bergen, auf Santorini, der griechischen Trauminsel, oder in Monaco. Sie zeigen junge Erfolgsmenschen aus China beim Golfen und beim Bogenschießen. Einen Porsche vor der Einfahrt zu einem Einfamilienhaus. Eine Yacht. Und immer wieder: die Mitglieder der Gruppe „Sonnige Aktien“ hoch zu Ross, in Sakko, Stiefeln und Zylinder beim Reitturnier.

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          Viele der Anleger haben Kinder. In ihr Wechat-Konto stellen sie Fotos ihrer Kinder in teurer Kleidung, beim Malkurs, beim Klavierkurs, beim Englischkurs. Unter dem Benutzernamen steht dann und wann ein Lebensmotto: „Freude, Freiheit, Erfüllung!“ Hier kommuniziert Chinas Mittelschicht. Es sind Gründer, die in den neunziger Jahren, als der chinesische Aufstieg zur zweitgrößten Wirtschaft der Erde begann, ihr eigenes, kleines Geschäft gegründet haben. Etwa Fabriken, die Teile für Kühlschränke herstellen, Immobilienhändler, die Mitte der Nullerjahre Wohnungen gekauft und diese nach fünf Jahren wieder verkauft haben, in einer Spanne, in der die Preise auf dem chinesischen Immobilienmarkt um das Dreifache gewachsen sind.

          „Ich fühle mich verraten. Es wird gefährlich“

          Doch die schönen Dinge des Lebens, welche die Wechat-Mitglieder von „Sonnige Aktien“ auf ihren Fotos präsentieren, sind in Gefahr. Es ist Mittwoch, vier Uhr nachmittags. Vor einer Stunde hat die Börse geschlossen, die Kurse sind gegenüber dem Vortag um drei Prozent gestiegen. Am Montag waren sie noch gefallen, und zwar so heftig, dass in Frankfurt und New York Börsenhändler zu Protokoll gaben, von China gehe derzeit die größte Gefahr für die Weltwirtschaft aus. Um 8,5 Prozent fiel der Marktindex Shanghai Composite, das hatte es das jüngste Mal vor sieben Jahren gegeben. Im Oktober 2008, als im Westen die Lehman-Bank insolvent ging und die Finanzkrise ausbrach.

          Gruppenmitglied Key, Ende 20, hat in Amerika gelebt, nicht in New York, wo die Wall Street ist, sondern in Los Angeles. Seinen Fotos nach zu urteilen geht er gerne in teure Bars am Schanghaier Bund, wo Key der Champagner im Whirlpool serviert wird mit Blick auf das futuristische Hochhausviertel Pudong, Chinas Sinnbild des Aufstiegs. „Nicht versnobt genug“, hat er unter das Bar-Bild geschrieben, „auf zur nächsten!“ Keys Profilbild zeigt einen durchtrainierten, muskulösen Körper. Er hat Aktien des Zinkherstellers Zhuzhou Smelter aus Hunan gekauft, der Provinz, in der Mao geboren wurde. Jetzt sind sie nur noch halb so viel wert. Am Morgen des Montags schreibt Key: „Ich habe kein gutes Gefühl heute. Ich habe verkauft.“

          L. J., eine Frau Mitte dreißig und im Besitz einer kleinen Fabrik, war zu langsam: „Dreißig Minuten nach Marktöffnung sind alle meine Aktien bis zum Limit gefallen.“ Einer hat sich den Nutzernamen „Einsamkeit“ gegeben. Den vielen Buddhafotos und Buddhazitaten nach zu schließen könnte er Buddhist sein. Die Bilder zeigen den eigenen Bauernhof mit Pfirsichbäumen. Buddhismus und Bauernhöfe auf dem Land sind der letzte Schrei unter Chinas Neureichen. „Einsamkeit“ schreibt: „Ich habe mich gerade verstümmelt. Ich habe den Rückzug angetreten. Ich fühle mich, als wartete ich auf den Tod. Ich kann nicht mehr mitzocken. Ich fühle mich verraten. Es wird gefährlich.“

          Nicht oft entgleitet der Partei die Kontrolle

          Eine andere in der Gruppe spricht ihm Mut zu: „Ich habe gelesen, das ,Nationalteam‘ wird den Markt besiegen.“ Daran glaubt „Einsamkeit“ nicht: „Ich bin raus.“ Das Nationalteam droht zu verlieren. Bis Mitte Juni hatte der chinesische Staat seine Börsenkurse mit lockerer Geldpolitik und Propaganda in den Staatsmedien um 150 Prozent getrieben. Die Zukunft des Landes sei golden, hieß es: Kauft Aktien chinesischer Unternehmen, und ihr werdet reich. Die Unternehmen sollten auf diese Weise zu Geld kommen, plante die Regierung: Geld für Wachstum, Geld für den Wandel von Chinas Volkswirtschaft in eine moderne Ökonomie, in dem nicht mehr verkrustete Staatskonzerne Stahlrolle auf Stahlrolle ausstießen, die gar nicht verkäuflich waren, weil es zu viel davon gab. An ihrer Stelle sollten kleine, innovative Technikfirmen das Land konkurrenzfähig machen mit Deutschland und den Vereinigten Staaten. Aber dafür brauchte es zunächst das Geld der chinesischen Anleger.

          Nationalteam, was für ein Begriff. Ende Juni, nach dem ersten Schock, dass die Kurse zu stürzen begannen, nach der Erkenntnis, dass es mit der Realität nichts zu tun hatte, wenn bei Firmen, von denen nicht ganz klar war, was sie überhaupt herstellten, das Verhältnis von Aktienkurs und erwartetem Jahresgewinn dreißig Mal so hoch lag - da schrieben Chinas Staatsmedien nicht, jetzt übernehme der Staat die Kontrolle über den Markt und werde die Kurse wieder nach oben pressen, egal wie. Die Zeitungen schrieben, jetzt trete das „Nationalteam“ an.

          Das klang phantastisch. Beim Wort „Nationalteam“ musste jeder an die chinesische Olympiamannschaft denken, die bei den Olympischen Spielen vor drei Jahren in London 38 Goldmedaillen geholt hatte und auf Rang zwei des Medaillenspiegels hinter Amerika gelandet war. Das Börsenrettungsnationalteam hatte nicht so viel trainiert wie die chinesischen Pingpong-Spieler, aber die Schlagkraft von einer halben Billion Dollar, die es in den Markt leitete, bringe den sicheren Sieg, dachte man. Brachte es aber nicht. Die Kurse fielen weiter.

          Es kommt nicht oft vor, dass der Kommunistischen Partei Chinas die Kontrolle entgleitet. Alles in diesem Land wird kontrolliert. Es ist 27 Mal so groß wie Deutschland, aber die chinesische Regierung hat es geschafft, seit den siebziger Jahren 330 Millionen Geburten zu verhindern. Wenn es in der Wirtschaft mal schlecht aussah wie nach dem Ausbruch der Finanzkrise im Westen, pumpte die Regierung Milliarden in die Märkte, und der Wachstumsmotor brummte wieder. Peking ist der Ansicht, der Westen manipuliere seine Märkte genauso. Der Begriff „Quantitative Lockerung“ wurde schließlich nicht in China erfunden, sondern in Japan und kam zur Blüte in Amerika nach dem Fall der Lehman-Bank. Heute wird der Begriff in Europa gebraucht.

          Chinas Staat muss das fallende Messer auffangen

          In China allerdings entsendet das Nationalteam sogar seine Polizei zu manchen, die im Verdacht stehen, Aktien in großem Stil zu verkaufen. Die Kurse fallen trotzdem weiter. Und die Mitglieder von „Sonnige Aktien“ fragen sich: entsteht die nächste Weltfinanzkrise vielleicht in China? „Die Regierung soll mir das Geld zurückgeben“, schreibt einer.

          Ein Mitglied postet die Grafik des fallenden Aktienkurses. Wie weit geht es noch weiter abwärts? Es brauche eben länger als gedacht, bis der Markt wieder anziehe, macht sie Mut. Da haben die anderen so ihre Zweifel. Immer wieder fällt ein Begriff: „Gerou.“ Das eigene Fleisch abschneiden. Im Westen heißt es: Nicht ins fallende Messer greifen. Noch mehr Aktien kaufen, obwohl die Kurse fallen. Das soll man nicht tun laut einer Börsenweisheit, weil man dann noch mehr verlieren könnte. Die Chinesen tun es auch nicht, sie verkaufen. Und die Kurse fallen weiter. Nur Chinas Staat greift ins fallende Messer und kauft, dass es blutet.

          Ein Ehepaar in der Gruppe führt eine Fabrik, die Industrieklebstoff für den deutschen Henkel-Konzern herstellt. Das Geschäft ist schwierig, die Gewinnmargen werden kleiner. Als im Frühjahr die Kurse in Schanghai durch die Decke gingen, wollten sie eigentlich die Fabrik ganz verkaufen und den Erlös komplett in den Aktienmarkt investieren. Der Mann hatte dann aber doch Bedenken. Das Paar verkaufte das Geschäft nur zur Hälfte. Das Geld, mit dem es an der Börse einstieg, ist nun weg. In der Gruppe wissen alle, das war ein harter Schlag. Das Vertrauen in die Weisheit der Regierung ist weg. Noch mehr: Vertrauen in die Redlichkeit des Staats ist verlorengegangen. „Wir wurden betrogen.“ Dieser Satz fällt häufig in der Gruppe „Sonnige Aktien“.

          Kritik an der eigenen Regierung wird lauter

          Chinas Börse war schon immer ein Kasino, doch die Menschen in der Gruppe sind nicht einfach Zocker. Sie haben hart gearbeitet für ihren Wohlstand. „Pioniere“ werden sie in China genannt: ambitioniert, gradlinig. Immer auf Wachstum getrimmt. Chinas Elite. Sie sind daran gewöhnt, Kredite aufzunehmen, um mit dem Kredithebel den Gewinn des Geschäfts zu steigern. Warum soll so etwas im Börsengeschäft anders sein? Das Land habe eine goldene Zukunft, hat ihnen die Politik versprochen. Jetzt steigen eben auch an der Börse die Kurse. Für die „Pioniere“ machte das Sinn. Also haben sie gehebelt: den Einsatz per Kredit um das Vierfache erhöht. Millionen Kleinanleger haben verloren, Putzfrauen, Torwächter, Taxifahrer. Vor allem aber die Elite. Die Masse des chinesischen Aktienmarkts entfällt auf Menschen wie die in der Gruppe „Sonnige Aktien“. Jetzt ist ihr Geld weg. Der Traum von der Europareise ist weg.

          Um Kritik an der eigenen Regierung zu lesen, brauchen sie allerdings nicht ins Ausland zu fliegen, denn diese bricht sich bereits in einigen heimischen Medien Bahn. Das Prinzip Pekings beschreibt ein Broker im besten Wirtschaftsmagazin des Landes, „Caixin“: Seitdem ein staatliches Organ im Geheimen jeden Tag bestimmte Aktien kaufe, um den Markt zu stützen, für eine Billion Yuan allein in der zweiten Juliwoche, gehe es für Chinas Anleger nur noch um die Frage, herauszufinden, welche Aktien der Staat als Nächstes kaufen oder vom Handel ausschließen wird, wenn der Kurs stark gefallen ist - und ein- oder aussteigen. Die Entscheidung, eine Aktie zu kaufen, weil man an das Unternehmen glaubt, sei nicht mehr möglich in China. „Stattdessen versucht jetzt jeder herauszufinden, was die Regierung tun wird.“

          Chinas Aktienmarkt sei kaputt, schreiben sie in der Gruppe „Sonnige Aktien“ am Mittwochabend. Oder doch etwa nicht? Die Kurse sind an diesem Tag wieder etwas gestiegen. Die Gruppe entspannt sich. Einer postet Bilder seines Babys, das an diesem Mittwoch geboren wurde. Nenn es „Hausse“, schreibt einer. Ein anderer gesteht der Gruppe, er habe am Morgen wieder gekauft, nachdem er gerade erst die Hälfte seiner Ersparnisse verloren hat. Drei Millionen Yuan eigenes Vermögen hatte er eingesetzt, dazu noch mal die dreifache Summe per Kredit. „Du bist verrückt“, schreibt einer. Die Antwort eines anderen erzählt die Geschichte eines Landes, das sich gerade erst aus der Armut befreit hat: „Ich will einfach nicht wieder zurück.“

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